Aufrufe
vor 7 Monaten

PC_08_2019_FINAL_X1

  • Text
  • Kilometer
  • Sercu
  • Images
  • Giro
  • Deignan
  • Fahrer
  • August
  • Procycling
  • Rennen
  • Etappe

Deignan war die größte

Deignan war die größte Neuverpflichtung des Trek-Teams. „Während des Stillens war es am schwersten, ohne Zweifel. Es ist eine individuelle Entscheidung, ob man stillen oder Milchersatzprodukte geben möchte, aber für mich war das Stillen wichtig. Spaß hat es mir nicht gemacht – einige Frauen sagen, sie fanden es toll, aber mir hat es überhaupt keinen Spaß gemacht und ich fand es sehr anstrengend für meinen Körper, aber ich habe sechs Monate durchgehalten“, sagt sie. Auch wenn sie meint, sich noch nicht voll erholt zu haben, sprechen die Ergebnisse bisher für sie. Deignan fuhr bei den Ardennen-Rennen und der Kalifornien-Rundfahrt gut und gewann die Women’s Tour trotz der physischen Einschränkungen. Ihr Ziel ist, auf ihr altes Niveau oder vielleicht darüber hinaus zu kommen. Aber obwohl sie auf dem aktuellen Niveau will, dass alles wie früher ist, ist alles andere anders. „Die größte Veränderung ist, wie glücklich ich bin“, sagt sie. „Ich bin glücklicher denn je. Ich wollte immer, immer Mutter sein. Mein Familienleben ist gut. Ich liebe meinen Job wieder. Ich habe es als selbstverständlich betrachtet. Ich weiß nicht, ob es die Pause vom Profisport war. Es ist eine privilegierte Position als Frau, von der Karriere zurücktreten und sie wieder aufnehmen zu können. Das war etwas Besonderes.“ Als ich Deignan das erste Mal interviewte, nachdem sie die Weltmeisterschaft 2016 gewonnen hatte, gestand sie mir, dass sie ein Kontrollfreak und eine besessene Planerin sei. In ihrer Autobiografie Steadfast beschreibt sie die farblich markierten Kalender, die sie an ihre Tür heftete © AFP (2012), Getty Images 2012 Deignan wechselt zu AA Drink, konzentriert ihre Saison aber auf die Olympischen Spiele von London. Ihre Silbermedaille im Straßenrennen ist die erste für das Team GB. 2013 Geht zu Boels-Dolmans, wird jedoch durch Krankheiten behindert und erleidet einen Leistenbruch. Neben einigen Top-Fünf-Plätzen ist die britische Meisterschaft ihr einziger Sieg. 2014 Ihr starkes Frühjahr gipfelt im Sieg beim Omloop het Hageland, dazu kommen zweite Plätze bei der Flandern-Rundfahrt und dem Trofeo Binda. Goldmedaille bei den Common wealth Games in Glasgow. 2015 Wird in ihrer bislang besten Saison Weltmeisterin in Richmond. Vor dem Regenbogentrikot ist sie neunmal erfolgreich, darunter beim Trofeo Binda und GP Plouay. 36 PROCYCLING | AUGUST 2019

LIZZIE DEIGNAN und die sich sechs Monate in die Zukunft und darüber hinaus erstreckten. Wie funktioniert das jetzt, mit einem Baby? „Ich würde sagen, es ist eine steile Lernkurve mit einem Neugeborenen, zu denken, dass ich die Dinge noch kontrollieren kann, und dann langsam zu erkennen, dass das einfach nicht geht“, gibt sie zu. „Babys tun, was sie tun wollen, und das zu akzeptieren war anfangs nicht leicht, aber jetzt ist es wirklich schön. Meine Mutter und meine Schwester lachen mich aus, weil ich immer noch einen Mittagsschlafplan habe. Es gibt Teile einer Routine und Dinge, an denen ich immer noch festhalte.“ Sie sagt weiter: „Aber in der Vergangenheit ging es nur um mich und was am besten für mich war. Deswegen hat der Radsport allen Platz eingenommen, und manchmal war alles ein bisschen viel. Das ist keine so ausgeglichene oder gesunde Perspektive, dass sich alles um dich und deine Leistung dreht.“ Das würde man bei British Cycling nicht sagen. Der Erfolg des britischen Radsports in den letzten 15 Jahren basiert auf Leistung – es wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um kleine Gewinne zu erzielen, wobei alle möglichen Ablenkungen ausgeschlossen wurden. Andererseits war Deignan immer außerhalb der britischen Radsportszene erfolgreich – obwohl sie einen ihrer größten Erfolge, die Weltmeisterschaft 2015, im britischen Nationaltrikot erzielte, hat sie ihre Karriere vor allem in einem holländischen Team, Boels-Dolmans, und jetzt bei Trek-Segafredo aufgebaut. „Ich habe mich nur auf eine Sache konzentriert. Mir die kleinen Prozentsätze angeschaut, die dich zur Weltmeisterin machen. Aber ob du dasselbe ohne denselben Input erreichen kannst … Es geht alles um Balance und Verhältnis, und ich weiß „DIE GRÖSSTE VERÄNDERUNG IST, WIE GLÜCKLICH ICH BIN. ICH WOLLTE IMMER, IMMER MUTTER SEIN.“ nicht, ob ein 100-prozentiger Fokus unbedingt besser ist.“ Sie wird jetzt von ihrem Ehemann trainiert, ein Arrangement, das zwei Monate alt ist. In der Vergangenheit sagte Deignan, dass sie schwierig zu trainieren sei, und sie hat wenige, aber sehr erfolgreiche Beziehungen zu Trainern. Erst mit Phil West bei British Cycling, dann mit Danny Stam, ihrem Sportlichen Leiter bei Boels. „Wahrscheinlich bin ich jetzt leichter zu trainieren. Eine Formel funktionierte für mich, aber ich bin jetzt anders. Ich bin flexibler. Andererseits findet Phil [Deignan] mich immer noch thran – das ist irisch und bedeutet dickköpfig. Aber wir sehen uns jeden Tag und er versteht, was ich durchmache und wie erschöpft ich wegen unserer Tochter bin. Ich habe mich selbst trainiert, aber das war eine Frage des Vertrauens, und natürlich vertraue ich meinem Ehemann.“ Wenn man Steadfast liest, wird klar, dass sich Deignans Leben immer um Familie gedreht hat. Wie sie sagt, ist sie mit sehr engen und gut funktionierenden Familienbanden groß geworden, daher ist es keine Überraschung, dass sie ihr eigenes Leben genauso einrichtet. Indem sie sogar das Training ins Haus holt, sorgt sie nun dafür, dass alle Leistungsdefizite, die sie durch die Mutterschaft hatte, durch eine solide Grundlage der Familieneinheit ausgeglichen werden. Deignan war vor ihrer Schwangerschaft sieben Jahre beim selben Team. Sie gewann mit Boels- Dolmans die Weltmeisterschaft, die Flandern- Rundfahrt, Trofeo Binda, Plouay und viele andere Rennen. Aber die Schwangerschaft fiel mit dem Ende ihres Vertrags zusammen, und auch wenn es keine klaren Aussagen gab, dass Boels sie nicht unterstützen würde, gab es andersherum auch keine klare Aussage, dass das Team ein Jahr oder länger auf eine seiner besten Fahrerinnen verzichten würde. Trek-Segafredo auf der anderen Seite wollte nicht nur die Fahrerin, sondern auch die Mutter. „Mein Vertrag mit Boels ging bis Ende 2018, aber dann wurde ich schwanger und konnte sowieso nicht für sie fahren. Ich habe mir diesen Moment gegeben, um meine Zukunft nicht zu planen. Während der Schwangerschaft wurde ich vom Marketingchef von Trek kontaktiert, die ein Frauenteam aufbauen wollten. Wir unterhielten uns über meinen Vertrag, aber sie wollten mich auch während der Schwangerschaft unterstützen, und diese Chance habe ich ergriffen.“ Sie sagt weiter: „Trek wollte mit mir arbeiten, weil sie von meiner Geschichte begeistert wa- 2016 Dominiert die Klassiker mit Siegen bei Omloop Het Nieuwsblad, Strade Bianche, Trofeo Binda und einer ersten Flandern-Rundfahrt. Darauf folgt der Gesamtsieg bei der Women’s Tour. 2017 Deignan gewinnt drei Rennen, darunter die Tour de Yorkshire, doch sie muss bei den Ardennen-Rennen hinter Anna van der Breggen zurückstehen und bei La Course hinter Annemiek van Vleuten. 2018 Gibt im März ihre Schwanger - schaft bekannt, nachdem sie den Rennfahrer Philip Deignan geheiratet hat. Im Juli bestätigt sie, ihr Comeback beim Team Trek zu geben. 2019 Kehrt beim Amstel Gold Race ins Renngeschehen zurück. Eine Woche später wird sie Siebte in Lüttich und besiegelt ihr Comeback dann mit dem Sieg der 5. Etappe und dem Gesamtsieg bei der Women’s Tour. © Getty Images AUGUST 2019 | PROCYCLING 37