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DAS GROSSE INTERVIEW ©

DAS GROSSE INTERVIEW © Getty Images ren. Ich glaube, Boels hätte mit mir weitergemacht, aber meine Schwangerschaft wäre irrelevant für das Team gewesen. Aber Trek verkauft Fahrräder an Frauen, daher macht es Sinn, mich an Bord zu haben, und ich habe jeden Aspekt davon genossen.“ Abgesehen von Treks Begeisterung für Deig nans familiäre Umstände war ich überrascht, dass man zusammenpasste. Deignan ist bekannt dafür, dass sie eine klare Art der Kommunikation hat und kein Geschwafel mag, darum verstand sie sich so gut mit Danny Stam bei Boels. Der direkte holländische Stil mit klarer und offener Kommunikation zwischen vielen sehr guten Fahrerinnen sorgte für Harmonie bei Boels, auch wenn es immer vier oder fünf potenzielle Kapitäninnen in der Mannschaft gab. Bei Trek scheint die Atmosphäre anders zu sein, ungeachtet der Tatsache, dass das Team in seiner ersten Saison ist. Aber Deignan scheint in ihrem Element zu sein. „Es ist brillant. Ich liebe es. Trek ist wirklich anders, aber das ist wahrscheinlich etwas, das ich brauchte“, sagt sie. „Sie sind amerikanisch, deswegen ist alles phantastisch“, fügt sie hinzu. Sie macht sich darüber lustig, aber nicht auf zynische Art, obwohl ich glaube, dass sie einen Sinn für Ironie offenbart, den sie selten in der Öffentlichkeit zeigt. „Aber es ist wirklich phantastisch. Alle sind so enthusiastisch und es ist, was Kommunikation angeht, das offenste Team, in dem ich je war. Die Mannschaftssitzungen werden sehr dynamisch geführt.“ Trek hatte anständige erste sechs Monate. Neue Radsportteams haben häufig Anlaufschwierigkeiten, wenn sich die Fahrer aneinander und an ein neues Management gewöhnen – es gibt keine Routine und die Fahrer müssen sich erst mit ihrer Rolle anfreunden. Aber Trek konnte 15 Rennen gewinnen, darunter mit Elisa Longo Borghini das Emakumeen Bira und mit Deignan die Women’s Tour. „Ich war wirklich überrascht, zu gewinnen“, sagt Deignan. „Mein ursprünglicher Plan war einfach, zu überleben. Wir gingen es Tag für Tag an. Elisa war stärker als ich, aber ich kann sprinten, und das Rennen lief auf Sprints hinaus. Wir machten die richtige Ansage, auf mich zu setzen, denn es lief auf Sekunden hinaus, und Elisa verlor an dem Tag, als ich Dritte wurde, ein bisschen Zeit in der Gesamtwertung.“ Sie fügt hinzu: „Jeder Tag war unangenehm. In Großbritannien zu fahren, ist immer unangenehm – schreckliches Wetter und raue Straßen. Ich fühlte mich erst gut in dem Moment, als ich auf der vorletzten Etappe angriff. Ich war früher erleichtert, wenn ich gewann, aber dieses Mal war es die pure Freude. Es war ein massiver Auftrieb für mein Selbstbewusstsein und eine Bestätigung, dass ich mit dem Comeback die richtige Entscheidung getroffen habe.“ „ICH WAR WIRKLICH ÜBERRASCHT, ZU GEWINNEN. MEIN URSPRÜNGLICHER PLAN WAR EINFACH, ZU ÜBERLEBEN. WIR GINGEN ES TAG FÜR TAG AN. ELISA WAR STÄRKER ALS ICH, ABER ICH KANN SPRINTEN, UND DAS RENNEN LIEF AUF SPRINTS HINAUS.“ Womit wir wieder bei Harrogate und der Weltmeisterschaft wären. Es ist nicht gesagt, dass Lizzie Deignan gewinnen wird. 2015 und Anfang 2016 war sie die beste Fahrerin der Welt, aber im Moment sehen die Holländerinnen mit sechs oder sieben der besten zwölf Fahrerinnen der Welt fast unschlagbar aus. „Es wird schwer. Aber für ihren Teamdirektor wird es auch schwer“, sagt Deignan lachend. „Es ist ein phänomenales Team, aber wie sie die Erwartungen jeder Fahrerin managen, weil sie so viele potenzielle Siegerinnen haben, wird interessant.“ Ich frage Deignan, ob es ihr etwas ausmacht, wenn sie nicht gewinnt, und sie zögert lange, bis sie sagt: „Es macht sehr viel aus. Es wäre ein Märchen, wenn ich gewinnen könnte, aber Märchen sind selten in der wirklichen Welt.“ Vielleicht ist das Leben selbst schon Märchen genug. 38 PROCYCLING | AUGUST 2019

LIZZIE DEIGNAN KONTRAPUNKT YORKSHIRE GOLD Yorkshire hat viele Radsporttalente wie Lizzie Deignan hervorgebracht. Procycling untersucht, warum die Region die Radsporthochburg Großbritanniens ist. Text William Fotheringham Yorkshire ist nicht die einzige Hochburg des britischen Radsports, aber seine unlängst gestartete Kampagne, um die Grafschaft mit der weißen Rose in der Flagge in ein Radsportparadies zu verwandeln, war meisterlich. Die erfolgreichen Bewerbungen um die Ausrichtung des Grand Départ der Tour de France und der Straßenweltmeisterschaft haben den Ruf der Region als Radsportkernland in Großbritannien zementiert, und ihr Radsporterbe spielte eine wichtige Rolle dank Fahrerinnen wie Lizzie Deignan und Tour-Größen wie Brian Robinson und Barry Hoban. Ein Schlüsselmoment in dem Bemühen, die Tour-Organisatoren zu überzeugen, als die hohen Tiere von Yorkshire den ASO-Chef Christian Prudhomme bewirteten, war, als überraschend der zweifache Tour-Etappensieger Robinson auftauchte. Da war die Sache gebongt. Als die Tour zwei Jahre später in die Stadt kam, wurde die radsportliche Tradition Yorkshires würdig gefeiert und lebt seitdem in der jährlich ausgetragenen Tour de Yorkshire weiter. Yorkshire ist nicht erst seit ein paar Jahren ein Radsportparadies. Wenn Sie im Bahnhof von Mirfield aus dem Zug steigen, stehen Sie als Erstes vor einem Wand gemälde, das Robinson zeigt. Wenn Sie vor dem Supermarkt im Zentrum von Morley parken und nach links schauen, bemerken Sie ein riesiges Bild der Rennfahrerin Beryl Burton. Oder fahren Sie mit dem Rad in einen kleinen Ort in den North Yorkshire Moors und schauen auf die Tür des kleinen Cafés: Wenn Sie Glück haben, wird es vom Team Sky zertifiziert sein. Im Profiradsport ist Robinson ein Pionier. Er war der erste Brite, der es als Rennfahrer in Europa schaffte, aber er war fest in der Grafschaft der weißen Rose verwurzelt, kam jeden Winter in seine Heimatstadt Mirfield zurück und arbeitete in der Baufirma seines Vaters. In den Radsport stieg er mit seinem Bruder Desmond ein, und er wartete jeden Mittwochabend vor Ellis Briggs’ Fahrradgeschäft auf seine örtliche Trainingsgruppe. Er holte Großbritanniens erste Etappensiege bei der Tour 1957 und 1959, war der erste britische Sieger bei einem größeren Etappenrennen – der Dauphiné Libéré 1961 – und errang den ersten britischen Podiumsplatz bei einem Klassiker. © Getty Images AUGUST 2019 | PROCYCLING 39