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SAM OOMEN Sam Oomens

SAM OOMEN Sam Oomens Heimatrevier ist Tilburg, eine Stadt im zentralen Süden der Niederlande, genauer gesagt der Provinz Noord-Brabant. Das Land hier ist flach und die einzige Möglichkeit, um als Radsportler Höhenmeter zu sammeln, ist der Weg in das Stadtzentrum und dort eine Fahrt mit dem Aufzug ins 22. Stockwerk des Interpolis-Versicherungsgebäudes. Man könnte meinen, die meisten 23-jährigen Bergspezialisten – insbesondere jene, deren Palmarès in diesem jungen Alter bereits einen neunten Platz beim Giro d'Italia aufweisen – würden von den schlammigen Feldwegen und endlosen Autobahnbrücken Nordbrabants wegziehen und sich nach Andorra, der Côte d’Azur oder in eine andere bergige Gegend aufmachen, um dort zu trainieren. Nicht so Sam Oomen. Er bleibt seiner Heimat Tilburg treu. „Komisch, oder?“, lacht er, als wir eine ironische Bemerkung über die Tatsache machen, dass wir eine Bergziege gefunden hätten, die außerhalb ihres Reviers leben würde. „Man muss eben eine Balance zwischen dem Training und der mentalen Komponente finden“, erklärt er. „Es macht mich so glücklich, nach jedem Etappenrennen heimzukommen, ein paar Tage zu Hause zu genießen und mich so auch geistig wieder für das nächste Rennen zu erholen. Alle meine Freunde leben hier, meine Familie, und ich fühle mich in Tilburg einfach sehr wohl.“ Es ist nicht die einzige Überraschung, die wir im Bezug auf Sam Oomens Verhältnis zu Anstiegen und Höhenmetern finden. In diesem Frühjahr, in dem es bei vielen erfolgreichen Fahrern ein Trend war, ihre Form in einsamen Höhentrainingscamps in den Bergen aufzubauen, erzählt uns der junge Niederländer mit einem ironischen Unterton, dass auch er bereits zwei Höhentrainingslager absolviert habe. „Eines im Februar und eines im März?“, wollen wir wissen. Oomen verneint. „Zwei in meiner Karriere insgesamt. Letztes Jahr 16 Tage in der Sierra Nevada vor dem Giro und im Jahr davor zweieinhalb Wochen in La Plagne vor der Vuelta“, schmunzelt er. „Es ist nicht so, dass ich überhaupt nicht am Berg trainiere“, sagt er in Reaktion auf unseren erstaunten Blick und fügt an, dass er oft in die hügelige Gegend rund um Limburg, Tom Dumoulins Heimat, fahre. „Dort kannst du leicht 2.000 Höhenmeter am Tag machen.“ Wir treffen Sam Oomen im Restaurantbereich eines Hotels im Baskenland Anfang April. In der Bar läuft Fußball und Rauchwolken qualmen durch den Raum. „Kein Problem, hier ist es okay“, sagt er, als wir ihn fragen, ob wir wegen des Dunstes an einen anderen Ort gehen sollen. Oomen trägt eine verkehrt herum aufgesetzte Baseballkappe, einen bauschigen Trainingsanzug und Flip Flops. Wir sind uns nicht sicher, ob er gerade erst von einem kleinen Nickerchen aufgewacht ist oder immer so herumläuft. Eines ist ge- wiss: Gäbe es ein Trikot für den lockersten Fahrer im Peloton – Oomen hätte gute Chancen, es zu gewinnen. Es wäre allerdings nur ein kleiner Farbtupfer in seiner in Anbetracht seines jungen Alters erstaunlich langen Ergebnisliste. Nach seinem Auftritt beim Giro d’Italia des letzten Jahres gilt der Profi aus den Reihen des Teams Sunweb schließlich als eines der größten Talente im Peloton. Auch in diesem Jahr startete er verheißungsvoll in die Saison: Im Februar wurde er Fünfter der Algarve-Rundfahrt und im März beendete er Tirreno–Adriatico als Neunter. „Nicht super, aber trotzdem gut“, beschreibt er seinen Auftritt in Italien. Danach fuhr er weite Teile der Baskenland-Rundfahrt, musste aber nach vier Tagen aufgeben. Da sein Teamkollege Wilco Kelderman bei der Katalonien-Rundfahrt schwer stürzte, war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass Oomen wieder die Rolle als letzter Mann am Berg für Tom Dumoulin beim Giro übernehmen würde. Ein Vorhaben, das für beide nicht gut ausging: Dumoulin gab den Giro bereits auf der fünften Etappe auf, während Oomen auf der 14. Etappe von Saint Vincent nach Courmayeur stürzte und sich die Hüfte brach. VERBORGENES LEIDEN Doch der Unfall sollte nicht das einzige Problem des jungen Niederländers in dieser Saison sein: Während der hektischen Frühjahrssaison voller Trainings, Rennen und Gedanken über Ambitionen und Hoffnungen – und davon gab es nicht wenige, denn nach der ersten Giro-Woche hatte Oomen noch auf dem zehnten Rang im Gesamtklassement gelegen – musste er sich mit einer im Raum stehenden Operation beschäftigen, um eine verengte Beckenarterie zu korrigieren. Nach unserem Interview bei der Baskenland-Rundfahrt konnten wir leider nicht genauer nachfragen, da das Team alle Interviews abblockte – aber wir nehmen an, dass es schwer gewesen sein musste, dieses Geheimnis während der Klassiker-Saison herumzutragen. Wir erinnern uns: Als Fabio Aru früher in diesem Jahr ankündigte, dass er wegen derselben Problematik operiert werden müsste, erzählte er der Gazzetta dello Sport, dass er weinte, als er die Nachricht von den Ärzten erfuhr. Im Juni, als Oomen die Nachricht bekam, dass seine Saison wegen der Operation vorüber wäre, reagierte er gegenüber einem niederländischen Fernsehsender dagegen mit einem lockeren Witz: „Kein Problem – das ist mein 200.000-Kilometer-Service.“ Laurens ten Dam, heutiger Profi beim CCC- Team und ehemaliger Mannschaftskollege und Lehrmeister Oomens beim Team Sunweb, erzählt uns, dass hinter dessen ruhiger, rothaariger Fas- sade ein Fahrer stecke, der viel nachdenke. „Unter der Oberfläche ist er ein Typ, der sich oft Sorgen macht. Auch ten Dams Ehefrau, die bei jenem Interview neben ihm sitzt, stimmt zu: „Er denkt wirklich viel nach und überdenkt so gut wie alles.“ Die beiden Niederländer verbindet ein enges Verhältnis. Das Problem mit der Beckenarterie zum Beispiel vertraute Oomen ten Dam als Erstem an. Zuerst wollte er, berichtet uns ten Dam, nichtinvasive Methoden ausprobieren, um die Arterie so mithilfe eines Chiropraktikers oder Sam Oomen als treuer Helfer für Tom Dumoulin während des Giro d’Italia. DAS RICHTIGE TEAM Seine Ausbildung auf dem Weg zum Radprofi erhielt Oomen während seiner zwei Jahre mit dem Rabobank-Continental-Team 2014 und 2015. „Die Basis dort war super“, erinnert er sich. „Passionierte Betreuer, eine gute Ausrüstung, alles war sehr gut arrangiert und wir hatten wirklich gute Rennen.“ Nach erfolgreichen Resultaten 2015 wie dem achten Platz bei der Tour de l’Ain, dem vierten Rang bei der Tour de l’Avenir und dem Sieg bei der Rhône-Alpes Isère Tour hätte er beispielsweise zu LottoNL– Jumbo wechseln können. Doch er war offen und sprach mit allen Teams. Sunweb, erzählt Oomen, habe früh Interesse gezeigt und ihm auch einen Dreijahresvertrag angeboten – ein Jahr länger als die Minimumdauer für Neoprofis. Bei den Verhandlungen mit Sunweb gab es zudem „mehrere sehr lange Gespräche über meine Persönlichkeit“, sagt er mit einem leisen Lächeln. „Sie wollten mich nicht nur wegen meiner Beine.“ Eine Beziehung, die bis heute anhält: Bereits 2017 wurde Oomens Vertrag von Sunweb bis 2020 verlängert. 44 PROCYCLING | AUGUST 2019

SAM OOMEN © Getty Images AUGUST 2019 | PROCYCLING 45