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INTERVIEW SOPHIE HURCOM

INTERVIEW SOPHIE HURCOM FOTOGRAFIE CHRIS AULD JACK BAUER M A N N M I T M I S S I O N Er wuchs in einem kleinen Bauerndorf in Neuseeland auf, wurde zu Hause unterrichtet, fuhr Mountainbike, spielte Bass in einer Band, machte einen Uni-Abschluss und arbeitete als Fahrradkurier. Eines Tages riskierte er es und flog nach Belgien – und alles änderte sich. Jack Bauer erzählt Procycling, wie er die Leiter zur Spitze der WorldTour hochkletterte. 48 PROCYCLING | AUGUST 2019

Rad zu fahren war eine Art, sich fortzubewegen, als ich jung war. Es war Mobilität, es war Freiheit für einen jungen Mann wie mich. Ich hatte einen älteren Bruder und einen Vater, die sehr aktiv und sportlich waren, ich wuchs auf mit der Liebe zum Joggen und Radfahren. Aber wir lebten draußen auf dem Lande, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Wenn ich irgendwohin wollte, gab es keinen Bus, in den ich steigen konnte. Mum und Dad hatten zu tun, als nahmen wir das Rad. So bin ich auf den Geschmack gekommen, Rad zu fahren und draußen unterwegs zu sein. Ich war immer ein Junge, der Sport auf höchstem Niveau betreiben wollte. Das Training hat mir Spaß gemacht, es hat mir Spaß gemacht, mich selbst anzutreiben. Ich bin als Youngster ein paar Mountainbike-Rennen gefahren und habe erkannt, dass ich mit ein bisschen Training mithalten und mich behaupten konnte. Das Gefühl mochte ich, also machte ich weiter. Als ich älter wurde, wurde es zu diesem Traum: Wäre es nicht toll, wenn ich davon leben könnte? Das Mountainbike war das beste Fortbewegungsmittel in der Gegend, die eine bäuerliche Gemeinschaft war. Ich habe bis zur MTB-Weltmeisterschaft 2006 überhaupt kein Rennrad angefasst. Ein Jahr vorher habe ich mir ein Rennrad fürs Training besorgt, um wirklich große Strecken zu fahren. Mum und Dad haben etwas dazugegeben und ich habe mein erstes richtiges Rennrad aus Aluminium bekommen. Es ist immer noch in der Familie – meine kleine Schwester hat es. Wir hatten einen neuseeländischen Star in der MTB-Szene namens Kashi Leuchs, der aus Dunedin kam. Wenn du als Kind ein konkretes Vorbild hast, jemanden, der es in Übersee geschafft hat und gegen die Besten antreten konnte und damit seinen Lebensunterhalt verdienen konnte, kannst du es dir als berufliche Laufbahn vorstellen. Auf der Straße kannte ich die Namen Julian Dean und Greg Henderson, aber ich kannte sie auch als Medaillengewinner bei Olympia auf der Bahn, Leute, die sehr jung angefangen und sich durchgesetzt hatten. Ich dachte, so muss man es machen. Ich hing an unserem örtlichen Fahrradladen rum, der Quiet Revolution hieß, ein schönes, kleines, bodenständiges Geschäft. Der Typ, der es aufgebaut hat, ist dieses Jahr an Krebs gestorben, aber das sind meine Jugenderinnerungen an den Radsport – ein Geschäft, das Mountainbikes verkaufte. Ich lebte zu dem Zeitpunkt viele verschiedene Leben. Ich studierte, ich versuchte Rennen zu fahren und zu trainieren, und ich spielte in einer Band. Es gipfelte alles darin, dass ich bei diesen MTB-Meisterschaften zum ersten Mal für Neuseeland antrat – als U23-Fahrer, was schon ziemlich alt war. Wenn ich mich heute umsehe und einige dieser Kids sehe, die Profis sind und eigentlich noch Junioren sind, das hätte ich nicht gekonnt. Ich fuhr dieses Rennen und erkannte, wie hoch das Niveau war und wie weit ich davon entfernt war, wenn ich ein normales Leben zu führen versuchte, zu arbeiten versuchte, zu studieren versuchte, zu trainieren versuchte. Ich erkannte sofort, dass andere Leute es anders machten und ich das nicht konnte. Ich hakte es mental ab, gab die Idee auf und studierte weiter. Das war’s, dachte ich, mit dem Radfahren. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo wir zu Hause unterrichtet wurden. Mum und Dad haben uns vier Kinder unterrichtet, vom fünften Lebensjahr bis zur Uni. Um zur Hochschule zugelassen zu werden, brauchst du einen anerkannten Schulabschluss, und eines der Dinge, die mir neben der Bildung durch das Homeschooling halfen, war meine Musikalität. Wir wurden alle schon sehr früh angehalten, ein Instrument zu spielen. Blockflöte, Mum spielte Gitarre, Dad spielte Trompete … Als ich acht war, engagierten sie einen Klavierlehrer aus der Gegend. Er war ein echt exzentrischer Deutscher; er brachte uns bei, ohne Noten zu spielen. So bin ich aufgewachsen. Ich habe acht oder neun Jahre Klavier gespielt, habe gelernt, Musik zu hören und Musik zu machen. Ich und mein Bruder liebten Rockmusik. Ich war 14 und mein Bruder war 15 und Mum kaufte uns eine E-Gitarre. Ein Freund von mir hatte eine ältere Schwester, die eine Bassgitarre hatte, und sie ließ mich darauf spielen. Wir dachten: Wenn ich Bass spiele, spielt mein Bruder E-Gitarre und wir haben einen Kumpel, der Schlagzeug spielt … und fertig ist die Band. Ich habe diese Bassgitarre gekauft, als ich 14 war. Es war ein fürchterlich billiges Ding. Wir spielten und machten dieses ganze Highschool-Ding und spielten in einer kleinen Band. Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen, daher spielten wir jeden Sonntag in der Kirche – das war wirklich gut. Ich lernte, mit anderen Musikern zu spielen, und erlernte verschiedene Musikstile. Als ich die Uni mit 20, 21 fertig hatte, reduzierten wir die Band auf vier Leute, die wirklich alles daran setzen wollten, mit der Musik Erfolg zu haben. Das hieß, dass wir alle in dieselbe Stadt ziehen mussten und einen Job finden mussten, um das mit der Musik wirklich voranzutreiben. Das haben wir ein paar Jahre ge- AUGUST 2019 | PROCYCLING 49