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TOUR OF CALIFORNIA

TOUR OF CALIFORNIA ETAPPE 5: STRECKENPLANUNG Die Kalifornien-Rundfahrt hat die ganze Woche mit Wetterextremen geflirtet. Sacramento war heiß, Tahoe lag über der Schneegrenze, das Feld wurde auf der Route 1 von einem Gewitter überrascht, und jetzt, auf der 5. Etappe nach Ventura, bläst der Wind. Er peitscht das Meer zu Schaumkronen auf und hat Teile der Aufbauten im Zielbereich weggerissen. Auf der Zielgeraden bläst der Wind den Fahrern ins Gesicht, sodass Iván García Cortina von Bahrain-Merida gut daran tut, seinen Sprint so spät wie möglich zu eröffnen. Der Wind war nicht so stark, dass man die Etappe hätte absagen müssen, obwohl die Organisatoren in Tahoe mehr Glück hatten – drei Tage, nachdem das Rennen hier angekommen war, hatten sie 20 Zentimeter Schnee. Das sind die Risiken, die der Technische Direktor Eric Smith alle berücksichtigen muss, wenn die Route geplant wird. Das Rennen ist ein Puzzle aus einer Million Teile, bei dem potenzielle Fallen hinter fast jeder Kurve lauern. Er erzählt mir, wie das Rennen zusammengestellt wird. „Als Erstes setzen wir zwei Anker, den Start und das Ziel des ganzen Rennens“, sagt er. „Dann gehen wir die Liste der Städte durch, die teilnehmen wollen und noch nicht wissen, dass wir sie teilnehmen lassen wollen. Ich weiß, dass Sacramento immer einen Start und eine Ankunft will, und wir haben fünf oder sechs Kurse, die wir nutzen können. Ich weiß, dass South Lake Tahoe eine lange Etappe ist und nur zwei Wege dort hochführen. Einer ist Highway 50 und der andere ist Highway 88, und Highway 50 können wir nicht nehmen. In Sacramento gibt es eine Straße namens Old River Road, die wir nutzen, die westlich aus der Stadt herausführt. Sie liegt unter dem Wasserspiegel, in den Rückhalteflächen, und wenn die Dämme zu viel Wasser haben, lassen sie Wasser ab und fluten die Rückhalteflächen. Vor drei Wochen blickte man von Sacramento Richtung Westen und meinte, den Ozean zu sehen – die Straße, die wir nutzen wollten, stand anderthalb Meter unter Wasser. Wenn das noch so gewesen wäre, hätte ich den Freeway sperren lassen und darauf ausweichen müssen, was ich nie gerne mache, weil es teuer ist. Wir denken auch an die mögliche Auswirkung auf Städte, den Verkehr, Geschäfte und Einwohner. Wann ist die Schule aus? Wir wollen nicht an einer Schule vorbeifahren, wenn der Schulbus hält. Wir haben ein Zeitfahren in Los Angeles gemacht und ich glaube, wir haben einen Rekordverkehrsstau verursacht – wir haben die Stadt auf einer Länge von zehn Meilen in zwei Hälften geteilt – das war ein gewaltiges Unterfangen und sehr teuer. Wir beginnen, die Etappen aufzubauen, Etappe für Etappe, und schauen es uns an. Ist das sinnvoll? Sind das alles Sprinteretappen? Alles Klettereretappen? Wir versuchen, es zu mischen, sodass jeder eine Chance hat. Wenn der Kurs auf dem Papier abgesteckt ist, fahren wir ihn mit dem Auto ab. Wir erfassen ihn auf den Hundertstel eines Kilometers, jedes Verkehrsschild, jede Kreuzung, bis ins kleinste Detail. Wir geben die Daten für die Durchschnittsgeschwindigkeit ein und rechnen aus, zu welcher Zeit wir da sind.“ Und wenn die ganze Planung eine Stadt immer noch nicht überzeugt, dass es keine allzu großen Umstände macht, die Kalifornien-Rundfahrt zu Gast zu haben, hat Smith ein weiteres Ass im Ärmel: „Wenn du das erste Mal mit einer neuen Stadt sprichst und sie sagen: ‚Sie werden was machen?‘, sage ich ihnen nur, dass ich die Golden Gate Bridge zweimal habe sperren lassen.“ 66 PROCYCLING | AUGUST 2019

TOUR OF CALIFORNIA ETAPPE 6: DER GIGANT VON KALIFORNIEN Der Mount Baldy erhebt sich steil aus den Vororten von Los Angeles – die Trennlinie zwischen der Stadt und der Wildnis ist eine plötzliche. Im Süden: endlose Stadt. Im Norden: die Gipfel des Angeles National Forest. Mit Ausnahme von Paris–Roubaix braucht jedes große Rennen einen prägenden Anstieg, ob groß oder klein. Die Tour de France hat Alpe d’Huez, die Lombardei-Rundfahrt die Madonna del Ghisallo, die Flandern-Rundfahrt die Muur van Geraardsbergen und der Giro d’Italia hat das Stilfser Joch. Die Kalifornien-Rundfahrt ist erst 14 Jahre alt und hat ihre Teenager-Jahre erreicht, in denen sie nach ihrer Identität sucht. Sie hat mit einigen Bergankünften experimentiert, aber der Mount Baldy entwickelt sich zum Fixpunkt. Rennsprecher Brad Sohner sagt: „Der Baldy wird der charakteristische Anstieg des Rennens. Es hat einige andere im Laufe der Jahre gegeben, aber der Baldy ist perfekt. Er ist wirklich ein alpiner Anstieg, und er ist wirklich schwerer als viele Anstiege in Europa. Viele Kalifornien-Rundfahrten wurden auf dem Baldy entschieden.“ Der Baldy ist hoch – er erreicht 1.959 Meter über dem Meeresspiegel, und eine Reihe von Serpentinen geben ihm viel mehr Charakter als die lang gezogenen Kurven der restlichen Anstiege des Rennens. Und er ist steil und unregelmäßig, 2019 außerdem in kalten Nebel gehüllt. Das Rennen redet seit zwei Tagen darüber, welches Glück Tejay van Garderen hatte, das Gelbe Trikot nach den Stürzen auf der 4. Etappe zu behalten. Sein Team EF Education First macht auf der Etappe pflichtgemäß Tempo. Warum auch nicht? Es ist das stärkste Team; van Garderen ist der stärkste Fahrer. Aber die Kapitulation ist plötzlich und entscheidend: In einem Moment, am Anfang des Anstiegs, schien er sich gut zu fühlen. Im nächsten war er zurückgefallen, hatte das Rennen und sein Selbstvertrauen verloren. Vor ihm ging die Kapitänsrolle nahtlos an Sergio Higuita über und die Position des Spitzenreiters nahtlos an Tadej Pogacar, der Higuita am Gipfel im Sprint bezwang, bevor George Bennett ins Ziel kam. In solchen Momenten werden Geschichten neu geschrieben. Die Geschichte des Rennens war vermeintlich die von van Garderens Comeback-Sieg – und davon, dass EF endlich seine Pechsträhne in der Gesamtwertung der Kalifornien-Rundfahrt beendet. In der Zeit, die es dauerte, bis Pogacar und Higuita dem Amerikaner davongefahren waren, wurde das Rennen zu etwas anderem. Die Etappen waren vor allem von jungen Fahrern gewonnen worden – Asgreen, Cavagna, Fabio Jakobsen und Garcia waren alle 24 oder jünger. Jetzt wurde die Gesamtwertung von einem 20-Jährigen (Pogacar) und einem 21-Jährigen (Higuita) angeführt. Das ist es, was Berge und Radrennen mit Karrieren machen können. Als er 21 war, wurde van Garderen Dritter der Dauphiné 2010, dann Fünfter der Tour de France 2011. Als der Amerikaner, einsilbig, enttäuscht und geschlagen, seinen Tag in der kühlen Luft des Zielbereichs verdaute, bekam Pogacar das Gelbe Trikot, das er bis zum Schluss behalten sollte, und wurde als künftiger Star gefeiert. Einige Fans erinnerten sich vielleicht, dass van Garderen die Zukunft war … einst. Aber unstete Blicke wandten sich rasch von van Garderen ab und zu Pogacar hin. Sie nennen das riesige Häusermeer der Vororte von Los Angeles südlich des Angeles Forest das Inland Empire. Oben auf dem Mount Baldy hat die Kalifornien-Rundfahrt Tadej Pogacar als neuen Herrscher gekürt. AUGUST 2019 | PROCYCLING 67