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L E T O U R 20 19 E G A

L E T O U R 20 19 E G A N BERNAL escheiden und bodenständig“ nannte der geschlagene Tour-Champion Geraint Thomas seinen Nachfolger Egan Bernal. In Val Thorens – die letzte Bergetappe des Rennens und der Moment, in dem Bernal zum designierten Sieger wurde – konnte man sehen, was der Waliser meinte: Bernal warf den Blumenstrauß für das Weiße Trikot in Richtung des feiernden kolumbianischen Kontingents, aber traf nicht. Der 22-Jährige hielt seine Hand an den Mund und versteckte ein verschämtes Lächeln. Später, auf der Pressekonferenz des Gelben Trikots, als die Medien den Kolumbianer zum ersten Mal während des turbulenten Rennens richtig kennenlernten, entsprach sein Verhalten erneut Thomas’ Beschreibung: Bernal beantwortete Fragen mit Takt, Bescheidenheit und Humor. 24 Stunden zuvor, als Bernal die Gesamtwertung auf den letzten vier Kilometern des Col de l’Iseran auf den Kopf gestellt hatte, war jedoch nichts von dem Engelchen zu sehen gewesen. Den Mund leicht geöffnet. Die Beine wirbelnd. Geduckte Haltung. Eine Reihe von Kletterern – darunter die Grand-Tour-Sieger Vincenzo Nibali und Simon Yates – versuchten, mit Bernal Schritt zu halten, konnten es aber nicht. Bernal drehte sich kaum um. Aber es war auch nicht wichtig, was hinter ihm passierte. Seine Zukunft lag da oben – vor ihm. Auf dem 2.770 Meter hohen Gipfel des Iseran war er in der Gesamtwertung mit 45 Sekunden Vorsprung an Julian Alaphilippe vorbeigezogen und dank des außergewöhnlich nassen Wetters in den Alpen bald nur noch eine verkürzte Bergetappe von einem historischen Sieg entfernt. Dem ersten Toursieg eines Kolumbianers. Dem jüngsten Tour-Gewinn in der Nachkriegsära. Und dem siebten Sieg der Ineos-Sky-Dynastie in acht Jahren. Bernals früherer Teammanager Gi anni Savio gratuliert seinem ehemaligen Schützling. EIN GLÜCKSFALL Angesichts von Bernals Weg zur Tour musste man sich fragen, ob das Resultat vorherbestimmt war. 2018 fühlte er sich nach Siegen beim Colombia Oro y Paz und der Kalifornien-Rundfahrt sowie einem knappen zweiten Platz bei der Tour de Romandie bei der Tour de France sofort zu Hause. Es war eine seltene Auszeichnung, dass er in seinem Debüt-Jahr bei seinem Team überhaupt bei der Tour starten durfte, angesichts der Tendenz von Ineos, erst einmal die „Zahlen“ eines Fahrers zu bewerten, ehe man ihn auf ein Rennen losließ, das das wichtigste des Jahres ist. © Sirotti (Rodríguez), Offside Sports Photography (Parra), Yuzuru Sunada (Bernal, Botero, Quintana) MARTÍN RODRÍGUEZ Martín „Cochise“ Rodríguez fuhr als erster Kolumbianer die Tour de France. Der Bahnspezialist und Verfolgungs- Weltmeister der Amateure von 1971 fuhr in der Saison 1975 mit Felice Gimondi im Bianchi-Team. KOLUMBIANER BEI DER TOUR LUIS HERRERA „Lucho“ feierte 1984 bei einer legendären Kletterpartie nach Alpe d’Huez den ersten kolumbianischen Etappensieg in Frankreich. Ein Jahr später gewann er das Gepunktete Trikot – ein weiteres Debüt für das südamerikanische Land. FABIO PARRA 1988 machte der kolumbianische Radsport einen weiteren Schritt nach vorn, als Parra als erster Vertreter des Landes auf dem Podium der Gesamtwertung stand. Parra wurde Dritter hinter Pedro Delgado und Steven Rooks. SANTIAGO BOTERO Nach den Höhen Kolumbiens in den 1980er-Jahren war von den südamerikanischen Fahrern weniger zu sehen. Botero befeuerte das Interesse wieder, als er 2000 das Gepunktete Trikot auf dem Höhepunkt der Armstrong-Ära gewann. NAIRO QUINTANA Quintana markierte eine neue Welle von Kolumbianern bei der Tour. Als er bei seinem Debüt 2013 Zweiter wurde und das Weiße plus das Gepunktete Trikot gewann, rechnete man damit, dass er bald das Gelbe gewinnen würde. FERNANDO GAVIRIA Die Omnipräsenz von Kolumbien in allen Bereichen des Pelotons wurde bestätigt, als der Sprinter Fernando Gaviria mit Quick-Step zwei Sprintetappen bei der Tour de France 2018 gewann. 2019 nahm er allerdings nicht an der Frankreich-Rundfahrt teil. 42 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

Bernal trug allerdings maßgeblich zu Geraint Thomas’ Gesamtsieg und zur Rettung von Chris Froomes Podiumsplatz bei. Sein verblüffendster Akt war, die Gruppe der Favoriten in einer verschärften Acht-Kilometer-Passage an der Alpe d’Huez zu sprengen. In diesem Jahr knüpfte Bernal früh an diese Leistungen an. Auf der ersten Etappe von Paris–Nizza erwies er sich als cleverer Ausnutzer des Seitenwinds. „Pure Klasse“ lautete Luke Rowes Beurteilung der Geschicklichkeit und Kraft des Kolumbianers in einem der schwierigeren Gefilde des Radsports. Eine Qualität, die Bernal auch zeigte, als das Tour-Peloton auf der zehnten Etappe nach Albi von Seitenwind zerlegt wurde. Am Ende von Paris–Nizza, am Col du Turini, wurde ihm schließlich das Gelbe Trikot von Eddy Merckx persönlich überreicht. Der Belgier ließ sich, nachdem er die Vorstellung Bernals gesehen hatte, zu der Bemerkung hinreißen: „Wenn er bei der Tour die Unterstützung des Teams hat, sehe ich nicht, wie man ihn schlagen kann.“ Zu dem Zeitpunkt war vorgesehen, dass Bernal das Team Ineos beim Giro anführt, aber knapp eine Woche vor der Grande Partenza in Bologna stürzte er, „ZWEI STUNDEN NACH DEM STURZ, ALS ICH NOCH SCHMERZEN HATTE, FRAGTE ICH MEINEN TRAINER, WIE VIEL ZEIT WIR BIS ZUR TOUR HABEN. ICH FING AN, ÜBER DIE TOUR NACHZUDENKEN.“ Ineos leistet auf der vorletzten Etappe Führungsarbeit, um Bernals Gelbes Trikot zu beschützen. 12 Kolumbianer gewannen bereits Etappen bei der Tour de France als er zu Hause in Andorra trainierte, und brach sich das Schlüsselbein. „Zwei Stunden nach dem Sturz, als ich noch Schmerzen hatte und fast weinte, fragte ich meinen Trainer, wie viel Zeit wir bis zur Tour haben. Ich fing an, über die Tour nachzudenken“, erinnerte sich Bernal in Val Thorens. Für ihn gab es keinen Zweifel an der Zufälligkeit des gebrochenen Schlüsselbeins. „Vielleicht gab es dafür einen Grund, und jetzt bin ich im Begriff, die Tour de France zu gewinnen. Ich weiß nicht, ob es Schicksal oder Bestimmung ist, aber wenn ich vor dem Giro nicht gestürzt wäre, wäre ich heute nicht in dieser Position. Es ist wirklich unglaublich“, sagte er, darauf bei der Tour angesprochen. Dass er nur wenige Wochen nach seinem Sturz die Tour de Suisse mit zwei furiosen Vorstellungen bei den aufeinanderfolgenden Bergankünften am Flumserberg und am Gotthard Pass gewann, während Thomas das Rennen nach einem Sturz auf der vierten Etappe aufgeben musste, dämpfte die Spekulationen, dass der Kolumbianer Ineos’ Mann für die Tour sein würde, nicht. © Gruber Images SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 43