Aufrufe
vor 4 Monaten

PC_09_2019_FINAL_X1

L E T O U R 20 19 E G A

L E T O U R 20 19 E G A N BERNAL © Gruber Images Ineos roch. Bernal war Pinot gefolgt, der zu dem Zeitpunkt der stärkste Fahrer des Rennens war, und Thomas war gezwungen, länger abzuwarten, als ihm lieb gewesen wäre, um die Gefahr zu neutralisieren, die von einem unerwartet hartnäckigen Julian Alaphilippe ausging. Hätten die beiden besser zusammenarbeiten können? „Das Wichtigste ist, auf der Straße zu kommunizieren und dem anderen zu sagen, wie man sich fühlt“, sagte Thomas, während er auf der gedämpften Pressekonferenz des Teams am zweiten Ruhetag in Nîmes in die Ferne starrte. In den Alpen überhäufte Brailsford Thomas mit Lob für seine Großzügigkeit, dass er Bernal anleitete und dem Kolumbianer Spielraum für Angriffe ließ. Ihm blieb zwar kaum etwas anderes übrig, aber tatsächlich war Thomas immer noch auf der Jagd nach seinem zweiten Toursieg und sollte diese Ambitionen auch noch bis zur 19. Etappe und dem Abbruch des Rennens auf dem Gipfel des Iseran hegen. Die Diskrepanz zwischen seinen Worten und seinem Agieren war der pragmatische Kompromiss, der ausreichte, um das Team zu binden, aber der gleichzeitig locker genug war, um die Entscheidung auf D er unvermeidliche Konsens, der sich um Bernal – einen Toursieger mit 22 – bildete, ist, dass er bei künftigen Frankreich-Rundfahrten eine feste Größe sein wird. Renndirektor Christian Prudhomme sagte, Bernal sei ein Federer, der einen Nadal brauche. Beweise gegen diese orthodoxe Sichtweise sind dünn gesät, aber es gibt historische Beispiele, die zu beachten sind: Jan Ullrich, Toursieger mit 23 und Zweitplatzierter im folgenden Jahr; Felice Gimondi gewann die Tour in seiner ers - ten Profisaison, und obwohl er ansonsten viel gewann, konnte er die Grand Boucle kein zweites der Straße zu fällen. Aber die Tour ging dem Ende zu, und irgendjemand oder irgendetwas musste das Paar trennen. Da Alaphilippe mittlerweile ausgepowert war, sahen Pinot oder einer des Ineos-Paares wie Sieger aus. In Valloire, das in einer Talsenke zwischen dem Galibier und dem Col du Télé- DER MANN FÜR DIE ZUKUNFT? Mal für sich entscheiden. In jüngerer Zeit sah Nairo Quin - tana wie der kommende Tour - sieger aus, nachdem er 2013 Zweiter geworden war, aber er schaffte es nicht auf das oberste Treppchen. Doch Bernals spanischer Trainer Xabier Artetxe sagte: „Wir wissen, dass er noch jung ist, und wir müssen auf ihn aufpassen. Aber er hat eine brillante Zukunft vor sich. Er ist immer motiviert, sich zu verbessern und alles zu ler - nen. Er versucht so viel über Physiologie, Ernährung und alles andere zu lernen. Er treibt dich an, dich zu verbessern, aber gleichzeitig vertraut er dir 100 Prozent.“ Die kolumbi - a nischen Fans verwandelten die Etappen in Partyzonen. Aber Artetxe hat auch festgestellt, dass die Kolumbianer früher reifen. „Das chronologische Alter und das biologische Alter sind nicht dasselbe“, sagte er. „Für Leute aus einigen anderen Ländern kann das chronologische Alter höher als das biologische Alter sein, und es ist bekannt, dass Kolumbianer, wenn sie jünger sind, stärker sind als Europäer.“ Er fügte hinzu: „Ich glaube, er kann sich noch in mehreren Bereichen verbessern. Er kann sich im Klettern und im Zeitfahren steigern, und wenn er mehr Erfahrung hat, wird er sicher ein besserer Fahrer sein. Wir hoffen, dass er in Zukunft noch stärker sein wird.“ graphe liegt, waren die Ineos-Fahrer nahe dran, gegen ihren delikaten Pakt zu verstoßen. Tatsache ist, dass Bernal auf der 18. Etappe 3,5 Kilometer vor dem Gipfel des Galibier angriff und einen Vorsprung von 45 Sekunden herausfuhr. Einen Kilometer vor dem Ziel fuhr Thomas eine unorthodoxe Gegenattacke, die das Ergebnis hatte, die Distanz zwischen dem Gelben Trikot und seinem kolumbianischen Teamkollegen zu reduzieren. „G instruierte mich, zu attackieren und den Sprung zu machen, und danach würde er es versuchen“, sagte Bernal im Ziel. Er fügte hinzu, dass alles vom Sportlichen Leiter dahinter, in diesem Fall Nicolas Portal, abgesegnet gewesen sei. Thomas sagte zudem, dass die Order aus dem Mannschaftswagen kam, aber Bernals Vorstoß der Gruppe um das Gelbe Trikot nicht genügend zugesetzt hatte, um Alaphilippe abzuschütteln. Daher musste er es selbst versuchen. Aber Thomas nahm die Gruppe um das Gelbe Trikot damit nur ins Schlepptau. Im Ziel war Bernals Vorsprung auf 32 Sekunden geschrumpft. Brailsford wies den Vorwurf barsch zurück, dass das Teammanagement hätte einschreiten müssen. Trotzdem versetzte der Anblick von Quintanas Etappensieg und Bernals Verbesserung vom fünften auf den zweiten Gesamtplatz Kolumbien in einen Freudentaumel. Eine Tatsache, die Bernal vollkommen entging: „Ich weiß nicht, was in Kolumbien los ist. Ich weiß nicht mal, was außerhalb des Teams los ist“, sagte er, als er auf den Trubel in seiner Heimat angesprochen wurde. Der Iseran ist als höchste asphaltierte Passstraße in Europa so hoch, dass es passte, dass Bernal an diesem Ort die Kontrolle über das Rennen übernahm. Geebnet wurde sein Weg dadurch, dass Pinot das Rennen an dem Tag nach 30 Kilometern unter herzzerreißenden Umständen mit einer Oberschenkelverletzung aufgeben musste. Das andere Hindernis, die dringende Notwendigkeit, Alaphilippe das Gelbe Trikot abzunehmen, bedeutete, dass der 13 Kilometer lange Anstieg die felsige Kulisse bildete, vor der die französischen Herzen weiter gebrochen wurden. Erst attackierte Thomas, und dann tat Bernal, was sein Teamkollege tags zuvor nicht vermocht hatte, und schüttelte Alaphilippe endgültig ab. 1.000 Meter vor dem Gipfel und 38 Kilometer vor der Ziellinie trug Bernal das virtuelle Gelbe Trikot. Dahinter hing 46 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

Bernals Attacke auf der 19. Etappe bedeutete, dass er das Weiße mit dem Gelben Trikot tauschte. 5Siege bei Etappenrennen holte Bernal bereits seit der Saison 2018 Thomas an den Hinterrädern des Jumbo- Duos Laurens De Plus und Steven Kruijswijk und plante im Schlussanstieg nach Tignes einen eigenen Angriff. Und so endete die Situation, als sintflutartiger Regen, Hagel und ein Erdrutsch die Straße nach Tignes blockierten. Die Uhr wurde auf dem Gipfel des Iseran angehalten, und mit dieser Entscheidung war Bernal mit 45 Sekunden Vorsprung im Gelben Trikot. Auf der verspäteten Siegerehrung weinte Bernal, als ihm das Trikot vor den Augen seines Vaters German und seiner Freundin Xiomy überreicht wurde. „Sie werden viel leiden müssen, um mir dieses Gelbe Trikot wegzunehmen“, sagt er. Im Mannschaftshotel begannen die Mitarbeiter, den unausweichlichen siebten Toursieg des Teams zu feiern. Wer weiß, was passiert wäre, hätte die Natur nicht interveniert. Vor dem Start in Brüssel wäre die Idee, dass ein 22-Jähriger mit einem 43-Kilometer-Solo eine moderne Tour gewinnt, als Wunschdenken abgetan worden. Aber bei dieser Tour zählten Logik und überlieferte Weisheiten wenig. In Tignes wollten auf jeden Fall nur wenige bestreiten, dass der stärkste noch im Rennen befindliche Fahrer in Gelb war. Und was hieß das für die Beziehung zwischen Bernal und Thomas? Am Abend nach der verkürzten Etappe nach Val Thorens verließ das designierte Gelbe Trikot, Bernal, den Dinner-Lkw von Ineos vorzei- tig, um mit seiner Familie zu feiern. Thomas hing noch länger mit seinen Teamkollegen herum, bevor er sich zu einem letzten Medientermin ins Hotel begab. Bernal unterbrach Thomas’ Interview mittendrin und hielt ihm ein Exemplar von Thomas’ Buch The Tour According to G und einen Kugelschreiber hin. „Kannst du das signieren?“, fragte Bernal. Thomas’ Antwort: „Klar. Was soll ich reinschreiben? Für Egan?“ „ICH WEISS NICHT, OB ES SCHICKSAL ODER BESTIMMUNG IST, ABER WENN ICH VOR DEM GIRO D’ITALIA NICHT GESTÜRZT WÄRE, WÄRE ICH HEUTE NICHT IN DIESER POSITION. ES IST WIRKLICH UNGLAUBLICH. “ SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 47