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62 PROCYCLING |

62 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

L E T O U R 20 19 BELGIEN L E T O U R 20 19 BELGIEN D I E T O U R D E BELGIEN Die Tour de France 2019 begann anlässlich des 50. Jahrestages des ersten von Eddy Merckx’ fünf Toursiegen mit drei Etappen in Belgien. Procycling war live vor Ort und hat herausgefunden, warum sich das Land und die Tour so gut ergänzen. Hoch oben auf der Muur van Geraardsbergen herrscht Radsportfieber. Die berühmte Rampe ist von Hunderten von Fans in viele Farben getaucht und Technomusik dröhnt aus riesigen Lautsprechern am t’ Hemelryck, der Kneipe 50 Meter vor der Kuppe des Anstiegs. Die Fotografen werden üblicherweise von dem grasbewachsenen Hügel und der gedrungenen Kirche, deren Positionen in dem Rahmen einen perfekten Goldenen Schnitt bilden, an der Spitze angezogen. Die Kurve der Straße im Zusammenspiel mit dem Himmel erschafft nämlich ein Motiv, das so aussieht, als wären die letzten Meter der Kapelmuur ein gepflasterter Weg in die Unendlichkeit. Das Gedränge der Fans scheint jedoch etwas weiter unten am t’ Hemelryck tatsächlich am dichtesten und lautesten zu sein. Es könnte der Tag der Flandern-Rundfahrt sein – außer dass niemand sich warm eingemummt hat, um sich vor der für die Ronde typischen Aprilkälte zu schützen. Roy Jenkins, der frühere Präsident der Europäischen Kommission, nannte den permanent wolkenverhangenen belgischen Himmel einst „brabantsche Trübsal“, aber die Tour de France scheint den blauen Himmel mit über die Grenze gebracht zu haben. Die Luft ist voller Sommerwärme und das Gestrüpp unterhalb des Gipfels riecht nach Leben und Fruchtbarkeit. Wenn die Ronde stattfindet, treibt das erste Grün gerade aus, und anfangs passt das Sommer-Feeling nicht zu diesem Ort. Statt mit den KBC- und Het-Nieuwsblad-Fahnen der Ronde ist die Straße von gepunkteten Plakaten gesäumt, die für die französische Supermarket-Kette Leclerc werben. Die Menge sprudelt aber mindestens genauso über wie beim berühmten Gegenstück im April. Es ist dieselbe Mischung aus einheimischen und internationalen Fans – es sind sogar dieselben Leute. Kevin Van Wijnbergen, der sich den besten Platz an der Mauer gesichert hat – in der Kurve am letzten steilen Stück –, steht bei der Ronde am selben Platz. „Ich komme seit zwölf Jahren jedes Jahr her“, sagt er. „Hier ist die beste Stelle. Du bist so nah dran, Text Edward Pickering Fotografie Gruber Images dass du die Fahrer riechen kannst.“ Kevin, der in Geraardsbergen lebt, will aber nicht überheblich sein. „Ich denke, die Tour ist größer als die Ronde. Dass die Tour nach Geraardsbergen kommt, ist spektakulär.“ Einer der Fotografen ist dagegen nicht zufrieden: „Sie haben die Etappe etwas zu sehr entschärft“, sagt er. Aber als Greg Van Avermaet als Erster über die Kuppe fährt, ist das Getöse mindestens so laut und herzlich wie bei der Flandern-Rundfahrt. Van Avermaet und die Muur sind so flämisch wie es nur geht, aber die Tour hat sich mit ihnen perfekt verbunden. Ein anderes Rennen, aber irgendwie gleich. Das sollte nicht überraschen. Belgien ist ein historischer Zufall, ein Land, das auf Kompromissen gründet – geteilt durch die Sprache und gebildet aus einem Kollektiv kulturell heterogener Provinzen, aber geeint durch eine historische Beziehung zum Katholizismus; und auch durch einen selbstironischen Sinn für Humor, den Flamen und Wallonen gemeinsam haben. Wie der Schriftsteller Daniel De Bruycker sagte: „Belgien ist das einzige Land, das sich fragt, ob es existiert.“ Die Tour fühlt sich hier wohl. Die Einheimischen freuen sich auf die Tour de SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 63