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PROLOG © Getty Images

PROLOG © Getty Images 20 PROCYCLING | OKTOBER 2019

PROLOG TEJAY VAN GARDEREN Der Amerikaner spricht über seine Wandlung vom Hoffnungsträger zum Veteranen und seinen Respekt vor der Tour. Wir hatten bei EF Education First eine gute Mannschaftszeitfahrer-Fraktion. Das Team hat viel Zeit, Energie und Ressourcen investiert, um zu einer guten Truppe gegen die Uhr zu werden, denn es geht mehr um die Details als um die Stärke der Fahrer. Mein altes Team, BMC, war beim Mannschaftszeitfahren sehr gut eingespielt, und ich freue mich, dass dieses Team mich gebeten hat, sie zu beraten und an meinem Wissen teilhaben zu lassen. Know-how bleibt in diesem Sport nicht lange geheim. Ich erinnere mich, dass ich 2014 dachte, wir hätten bei BMC die Nase vorn, und dann schaust du dich um und siehst, dass es alle machen. Die Leute wechseln die Teams und verteilen sich im Peloton und lassen andere an ihrem Know-how teilhaben. Deswegen sind die Unterschiede zwischen den Topteams so gering. Die besten Fahrer zu haben, wird immer den Ausschlag geben – so wie es sein sollte. Ich hatte sieben tolle Jahre bei BMC, aber ich war bereit für eine Veränderung. Ich war bereit für einen Tapetenwechsel und ein paar neue Gesichter. Hierher zu kommen, war eine einfache Wahl, denn ich habe Freunde hier. Es ist ein amerikanisches Team und es hat viel Persönlichkeit und Identität. Ich fand es wirklich attraktiv, hierher zu kommen. Der Unterschied zwischen BMC und diesem Team wurde am Tag des Mannschaftsfotos klar. Bei BMC bekamen wir eine E-Mail, in der stand, dass sich alle Fahrer die Haare schneiden lassen und die Beine und das Gesicht rasieren sollten. In diesem Team haben die Fahrer Schnurrbart und langes Haar. Es ist nicht mein Stil, aber ich finde es cool, dass sie einen ermutigen, eine Identität und einen Stil zu haben. Keines von beiden ist falsch, aber ich finde, es spricht Bände über den Unterschied zwischen den beiden Teams. Ich glaube, ich bringe eine Veteranen-Präsenz in das Team. Das hört sich komisch an, aber du fängst an als junger Typ, von dem die Sportlichen Leiter zu den älteren Fahrern sagen: „Hey, passt mir auf diesen Jungen auf“, und dann scheint es, als würdest du nur einmal mit den Augen blinzeln, schon sagt jemand zu dir, dass du auf diesen jungen Kerl aufpassen sollst. Ich kann nicht sagen, dass es je einen Moment gab, wo ich das Gefühl hatte, dass sich diese Wandlung vom jungen Fahrer zum Veteranen vollzogen hat; ich habe nur keine Fragen mehr gestellt und war stattdessen derjenige, dem Fragen gestellt wurden. Ich habe einen mit Groll verbundenen Respekt vor der Tour de France. Es ist das Rennen, bei dem Karrieren gemacht werden. Ich hatte zwei gute, aber noch mehr nicht so gute Rennen. Es ist eines von denen, wo es wirklich nicht angenehm ist, wenn du es fährst, weil es das stressigste, gefährlichste und von den meisten Medien begleitete Rennen ist. Aber gleichzeitig erkennt man, dass Radsport ohne die Tour nur eine olympische Sportart wäre, die alle vier Jahre von Interesse wäre. Man muss honorieren, was die Tour ist und dass sie dem Radsport seine Identität gibt und ihn zu einem legitimen Sport macht und es dir ermöglicht, gut davon zu leben. Wenn du bei der Tour gut fährst, ist es ein unvergleichliches Gefühl. Als ich bei der Tour 2012 das Weiße Trikot gewann, war es FAHRER- PROFIL Geburtsort Tacoma, USA Alter 31 Profi seit 2010 TEAMS 2010 HTC- Columbia 2012 BMC Racing 2019 EF Education First KARRIERE- HÖHEPUNKTE 2013, 2018 Etappensieg Tour of California 2017 Etappensieg Giro d’Italia 2016 Etappensieg Tour de Suisse 2014, 2015 Etappensieg Katalonien-Rundfahrt 2014 WM-Titel Mannschaftszeitfahren 2013, 2014 Gesamtsieg Tour of Colorado 2018 Zweiter Tour of California 2015, 2019 Zweiter Critérium du Dauphiné 2013 Etappen-Zweiter Tour de France 2014 Dritter Katalonien- Rundfahrt 2010 Dritter Critérium du Dauphiné wohl das beste Gefühl, das ich je als Radrennfahrer hatte. Das würde ich gegen nichts eintauschen, aber die Tour ist nicht immer nett zu dir. Ich glaube nicht, dass mich das Etikett „nächster amerikanischer Toursieger“ beeinträchtigt hat. Ich finde es toll, wie meine Fans mich unterstützt haben. Die amerikanischen Fans wollten einen amerikanischen Fahrer anfeuern. Als sie mich aufkommen sahen, sagten sie: „Okay, das ist unser nächster Mann.“ Aber ihre Hoffnungen waren größer als meine Fähigkeiten. Wenn du es mit Froome oder Quin - tana zu tun bekommst, kannst du nur dein Bestes geben. Ich glaube, jeder kann sehen, dass sie einfach besser waren als ich. Mein Rat an junge, aufstrebende Amerikaner ist, sich nicht endlos Gedanken zu machen. Wenn ihr Talent habt und vielversprechend fahrt, denken die Leute, ihr könnt X, Y und Z machen. Ihr bekommt viele Ratschläge von Leuten, die es alle gut meinen mit euch und ihren Senf dazugeben wollen. Ihr müsst einfach Leute finden, denen ihr vertraut, und sie bei euch behalten und dann versuchen, den Lärm respektvoll zu dämpfen. Ich habe fast das Gefühl, EF ist das Team, bei dem ich von Anfang an hätte sein sollen. Als ich jung war, bin ich für Jonathans Juniorenteam gefahren. Als es Zeit war für die U23, bin ich zu Rabobank CT gegangen. Als ich bereit war, Profi zu werden, habe ich bei HTC unterschrieben. Es war immer eine geschäftliche oder sportliche Entscheidung, die mich davon abgehalten hat hierher zu kommen. 15 Jahre später bin ich schließlich zurück und es fühlt sich fast an, als hätte ich immer hier sein sollen. Aber andererseits möchte ich auch kein Jahr missen, das ich bei Rabobank CT, HTC oder BMC verbracht habe. Es waren alles tolle Jahre, aber 15 Jahre später fühlte es sich auch an, als wäre ich nie weggewesen. © Getty Images OKTOBER 2019 | PROCYCLING 21