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RIGOBERTO URÁN Urán

RIGOBERTO URÁN Urán kämpft sich am Tourmalet zum siebten Schlussrang der Tour 2019. 2014 führte Urán vier Tage lang den Giro d’Italia an. Pasamontes arbeitet heute als Mentaltrainer und sieht Uráns Einstellung zum Radsport anders. „Er hat die Fähigkeit, alles richtig zu machen, und hat immer noch Raum und Zeit, um sich um sein Bekleidungs-Business zu kümmern und zu Veranstaltungen und Konzerten zu gehen … Diese Projekte und Hobbys sind wichtig, um die emotionale Belastung von Radrennen zu verringern und länger als üblich Radsport auf höchstem Niveau machen zu können. Superprofessionell zu sein, kann einen Fahrer verrückt machen und seine Karriere ruinieren. Rigo hat bewiesen, dass es nicht sein muss, jeden Bissen Essen abzuwiegen, um ein hervorragender Radprofi zu sein.“ In der Tat ist Urán der kolumbianische Fahrer mit der längsten Karriere im Oberhaus des Radsports: zwölf Jahre – und kein Ende in Sicht. Santiago Botero fuhr zehn und Víctor Hugo Peña neun Jahre, und keiner von beiden hatte einen Grand-Tour-Podiumsplatz zu Buche stehen. Urán dagegen war zweimal Zweiter beim Giro d’Italia und einmal bei der Tour de France. Doch trotz seiner drei zweiten Plätze hat er nie eine große Rundfahrt gewonnen. „Muss ich das?“, fragt er, als er darauf angesprochen wird. „Wozu? Es wäre schön und ich trainiere gern dafür. Aber es bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Ein Grand-Tour- Sieg würde mein Leben nicht ändern. Das habe ich hinter mir.“ Einige mögen diese Denkweise als mangelnden Willen auslegen, doch er sieht das anders. „Im Gegenteil. Ich meine es ernst mit dem Radsport und damit, mein Bestes zu geben. Ich weiß, wenn ich das alles irgendeinem anderen Team in der Welt erzählen würde, würden sie es vielleicht nicht verstehen. Aber bei EF Education First verstehen sie es. Sie kennen mich und sie wissen, dass ich absolut Radsport auf höchstem Niveau betreiben will. Sie wissen auch, dass ich jederzeit aufhören kann, wenn ich es satt habe. Es ist sehr wichtig für mich, mich von meinem Team unterstützt zu fühlen und zu wissen, dass es meine Lebens ­ weise respektiert.“ „Er hat die seltene Gabe zu verstehen, was wichtig ist im Leben“, sagt Pasamontes. „Ich habe es in diesem Maße bei keinem anderen erlebt. Seine Lebenserfahrung sagt ihm, was wichtig ist und was nicht.“ An diesem Punkt muss man daran erinnern, dass Urán mit 14 seinen Vater verlor, der von Paramilitärs ermordet wurde, und auf einmal die Familie ernähren musste. Er sah den Radsport als Ausweg aus dieser schweren Situa tion. „2001, als ich mein erstes Rennen fuhr, hat ­ ten wir es zu Hause nicht leicht“, sagt Urán. „Ich erreichte die Junioren-Kategorie und begann, mit dem Radsport Geld zu verdienen. Ich sah den 24 GROSSE ERFOLGE Urán stand ganze 57-mal auf dem Treppchen. Sein größter Erfolg ist ein Tour-Etappensieg, doch er war auch Gesamt-Zweiter bei Tour und Giro. 1. PLATZ 2. PLATZ 3. PLATZ 57 13 20 Radsport als mögliche Lösung in einem kritischen Moment für meine Familie und mich. Ich brauchte dringend einen Job, um Geld nach Hause zu bringen.“ Der Manager Giuseppe Acquadro besorgte ihm einen Platz im kleinen italienischen Tenax-Team. „Es war schwer für ihn, seine Familie zu verlassen und nach Europa zu ziehen“, sagt Pasamontes. „Aber er wusste, dass seine Familie der Grund für seinen Umzug war.“ Urán betont: „Der Radsport hat das Leben meiner ganzen Familie geändert, und zwar zum Besseren.“ Und trotzdem ist Geld nicht alles für unseren Zirkus-Performer. Die Menschen stehen an erster Stelle. Wenn er über seine ersten Jahre in Europa spricht, erinnert sich Urán zu allererst an seine „italienischen Eltern“. „Das Tenax-Team hatte eine Wohnung von einem älteren Ehepaar angemietet“, sagt er. „Von Anfang an waren sie meine italienischen Eltern und unterstützten mich, wo sie konnten. Ich besuche sie immer noch gele­ 42 PROCYCLING | OKTOBER 2019

RIGOBERTO URÁN SPIEL’S NOCH EINMAL, RIGO gentlich und sie haben mein Zimmer gelassen, wie es war – meine Bekleidung, mein altes Rad und meine Preise. Diese Bekanntschaft zählt mit zum Schönsten, was mir je im Radsport passiert ist.“ Eine vielsagende Äußerung von Rigoberto Urán: „Ich liebe es, barfuß zu laufen“, sagt er. „Da habe ich das Gefühl, im Kontakt mit der Natur zu sein. Wenn ich in Kolumbien auf dem Lande bin, liebe ich es, die Schuhe auszuziehen, herumzulaufen, Bäume zu umarmen … Meine Oma hat immer gesagt, so können wir unsere Batterien mit natürlicher Energie aufladen.“ Kaum etwas ist so pur wie barfuß zu laufen. Und übrigens: Einige sagen, barfuß bewege man sich auf dem Hochseil am besten. Bei Urán scheint es zu funktionieren. Ein Aspekt der kolumbianischen Kultur, den Urán vorangebracht hat, ist die Musik seines Landes. „Als ich bei Caisse d’Épargne war, habe ich im Bus Reggaeton gehört, und meine Teamkollegen haben mich gebeten, die Musik auszumachen“, erinnert er sich lachend. „Jetzt hört jeder diese Musik. Der Rhythmus ist sehr eingängig.“ Durch seine Leidenschaft für Musik hat er einige Bekanntschaften in dieser Welt gemacht. „Ich kenne einige kolumbianische Musiker wie Carlos Vives. Sie laden mich zu ihren Konzerten ein, wenn sie wissen, dass ich in der Gegend bin, aber diese Gelegenheiten gibt es nicht oft, da ich jetzt in Monaco lebe. Ich besuche weniger Konzerte, als ich gerne würde.“ © Kramon OKTOBER 2019 | PROCYCLING 43