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UNTERWEGS MIT © Joseph

UNTERWEGS MIT © Joseph Branston L’ÉQUIPE, C’EST MOI 2003 gründete Jonathan Vaughters die Mannschaft, die zu EF Education First wurde, als Junioren- Nachwuchsteam. Seitdem hat sich seine Truppe zu einem festen Bestandteil der WorldTour entwickelt. Gegenüber Procycling erzählt der Manager, was sich in diesen 17 Jahren geändert hat – und was nicht. Text Edward Pickering Im November ist es zwölf Jahre her, dass ich bei einer Trainingsfahrt in Boulder, Colorado, im Slipstream-Mannschaftswagen saß und Jonathan Vaughters mir seine große Idee erklärte. Vor ihm trat Magnus Backstedt in einem Anstieg kräftig in die Pedale, während es andere Fahrer locker angehen ließen, nachdem sie am Vorabend durch die Bars von Boulder gezogen waren. „Warum steckt ein Sponsor Geld in ein Radsportteam?“, fragte er mich. „Publicity. Und wie bekommt man Publicity? Die Antwort lautet bis heute, dass man Publicity und damit ein positives Image bekommt, indem man Rennen gewinnt.“ Im Kontext von Ende 2007, als Vaughters für Schlagzeilen sorgte, indem er ein Team gründete, das für sauberen Radsport stand, war Gewinnen wahrscheinlich gleichbedeutend mit Dopen. Die Sieger der drei großen Rundfahrten jenes Jahres hießen Danilo Di Luca, Alberto Contador und Denis Mentschow, deren Karrieren nicht ohne Dopingmakel blieben. Das Gleiche galt für die meisten Monumente: Ballan in Flandern, O’Grady in Roubaix und Di Luca in Lüttich waren Sieger, die irgendwann entweder positiv getestet wurden oder Doping zugaben. Vaughters wusste Ende 2007, dass er keinem Sponsor gute Resultate ga- 44 PROCYCLING | OKTOBER 2019

antieren konnte (obwohl er sie bekam), also machte er das Gewinnen zum Nebenerzeugnis statt zum Ziel seines gerade in die ProConti- Division aufgestiegenen Teams. „Du kannst dich von diesem Paradigma [siegen zu müssen] lösen, indem du andere Wege findest, deinem Sponsor ein positives Image zu geben – und eine Publicity, die nichts mit Siegen zu tun hat“, sagte Vaughters zu mir. Heutzutage ist es dasselbe, aber anders. Der Dopingkrieg ist zwar nicht endgültig gewonnen, aber der biologische Pass, bessere Kontrollen, eine veränderte Kultur und einige andere Faktoren bedeuten, dass EF Education First sich nicht mehr als „sauberes Team“ des Radsports verkaufen kann wie 2008 – es hat kein Monopol mehr. Doch das Team versucht weiter, seinen Wert für seinen Sponsor über Radrennen und Siege hinaus zu vergrößern. Die Ironie ist natürlich, dass es tatsächlich viele bedeutende Rennen gewonnen hat – das Team hat eine große Rundfahrt für sich entschieden und ist eines von nur vier Teams in der WorldTour, die vier der fünf Monumente gewonnen haben (Deceuninck und Lotto mit fünf und Mitchelton mit vier sind die anderen.) 2019 ist man sogar mit einem Monument im Plus – „WIR SIND DAS AMERI KA - NISCHE TEAM, DAS AM LÄNGSTEN BEI DER TOUR DE FRANCE IST.“ nach Alberto Bettiols eindrucksvollem Sieg bei der Flandern-Rundfahrt –, aber die größere Geschichte ist die Betätigung des Teams in der Offroad- und Endurance-Szene abseits des WorldTour-Kalenders. Ob das Experiment, an Rennen wie GBDuro, Dirty Kanza und Leadville 100 teilzunehmen, wegweisend ist oder nicht, wird sich wohl erst in ein paar Jahren zeigen, aber bemerkenswert ist, dass EF Education First es schon zwei Jahre macht und dabei nicht das einzige Team ist – auch Trek-Segafredo-Profi Peter Stetina hat ein ähnlich gemischtes Programm mit Gravel- und Straßenrennen bestritten. Aber die größte Geschichte und der größte Erfolg des Teams ist, dass es noch existiert. Vaughters ist älter, ein bisschen fülliger, faltiger und unendlich erfahrener als 2007, als ihn eine Mischung aus Idealismus, Naivität und aufkeimendem Geschäftssinn neben einer gut versteckten obsessiven Ader, die seine Karriere als Teammanager voranbringen und sein Privatleben ruinieren sollte, befähigte, das Team nicht nur auf die Beine zu stellen, sondern einige große Resultate zu erzielen: Vierter der Tour 2008 mit Christian Vande Velde, Dritter bei der folgenden mit Bradley Wiggins. Aber Resultate zu erreichen war nur ein Kampf – die Rechnungen dafür zu bezahlen war der andere. EF Education First erreicht das Ende seiner 17. Saison und seiner zwölften auf höchstem Niveau. Damit ist die Formation, verglichen mit anderen Teams, im mittleren Alter. Großvater der World Tour ist Movistar, das es seit 1980 gibt; mit Jumbo–Visma and Lotto Soudal gehen zwei weitere Teams auf die 1980er zurück. (Das jüngste Team ist Bahrain-Merida, das seine vierte Saison beendet.) Vaughters hat wechselnde Sponso- Vaughters hat ein freundliches Team aufgebaut, dessen Atmosphäre einen guten Ruf hat. © Gruber Images OKTOBER 2019 | PROCYCLING 45