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PC_10_2019_FINAL_X1

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JONATHAN VAUGHTERS und

JONATHAN VAUGHTERS und dem Team so groß war, dass es angeblich eine Motivation für sein unseliges Comeback und seinen anschließenden Sturz war. Aber die saubere Masche konnte nur so lange gehen, wie Doping eine große Geschichte im Radsport war, und das eigentlich verbindende Thema des Teams ist die Eigenwilligkeit und der Charakter, den Vaughters selbst ihm durch sein Verhalten und seine Personalpolitik verliehen hat. Ja, er engagiert die physisch stärksten Fahrer, die er sich leisten kann, aber sie brauchen ein gewisses Faible für die Art und Weise, wie das Team geführt wird – wenn Fahrer irgendeines Teams am Tisch säßen und ein auf Plutarch zurückgehendes Gedankenexperiment durchführten, wären es die von EF Education First. Wahrscheinlich Phinney. „Das Team hat sich entwickelt, aber im Wesentlichen ist der Charakter noch da“, sagt Vaughters. „Ich würde sagen, dass die Fahrer eine viel nettere, höflichere Gruppe von Leuten sind. 2008 war es ein ziemlich wildes Team. Jetzt ist es viel weniger wild. Die Jungs sind konzentrierter und profes sioneller – die Abstände sind viel geringer, daher können sie es sich nicht leisten, auf einem dreistündigen Transfer bei einer Giro-Etappe zwei Sixpacks zu trinken. Das geht nicht mehr. Die Fahrer, besonders bei diesem Team, sind gesellschaftlich verantwortungsvollere, gewissenhaftere und nettere Leute.“ Einer der größten Unterschiede zwischen 2008 und 2019 ist, dass Vaughters selbst mit seinem Team wachsen und sich entwickeln musste. 2008 war er 35 Jahre alt, kaum älter als einige seiner Fahrer und erst seit ein paar Jahren nicht mehr aktiv. Und da war noch etwas: Als Fahrer war er weniger erfolgreich gewesen als einige seiner selbstbewussteren Teammitglieder wie David Millar und Christian Vande Velde. „MANCHMAL GESTATTET ES MIR DIESE GRUPPE, EIN GLEICHRANGIGER ZU SEIN, ABER ES IST EHER EINE VÄTERLICHE BEZIEHUNG.“ Vaughters freut sich mit seinen Fahrern über einen Sieg im Mannschaftszeitfahren bei der Tour 2011. „Plötzlich gab ich ihnen Anweisungen als jemand, der als Fahrer nicht erfolgreich gewesen war. Das war für sie schwer zu akzeptieren, daher gab es dauernd Reibereien. Heute gibt es keine Spannungen mehr. Die Beziehung zu den Fahrern ist anders. Damals war ich fast wie ein Gleichrangiger, und es war nervig, dass ich der Boss war“, sagt er. „Manchmal gestattet es mir diese Gruppe, eine Weile ein Gleichrangiger zu sein, aber es ist eher eine väterliche als eine brüderliche Beziehung.“ Die Idee, dass es einen bestimmten psycholo - gischen „Typ“ Fahrer bei EF Education First gibt, hält einer Überprüfung stand. Als Vaughters erwähnte, seine Fahrer seien gewissenhafter und netter, bezog er sich teilweise darauf, dass sein Team 2008 außer Kontrolle zu geraten drohte, aber er bezog sich auch generell auf seine Sponsoren und Fahrer. „EF ist superintelligent, wie sie das Team se - hen. Sie sehen es als Argument für ihre rund 50.000 Mitarbeiter und als eine Art, eine Marke zu bewerben, die nur sehr wenige Leute kannten. In den USA ist es heutzutage schwer, Personal anzuwerben und zu behalten. Wir haben eine geringe Arbeitslosigkeit, die Leute können häufig den Arbeitgeber wechseln, und wir haben Firmen, die etwas Attraktives und Interessantes machen, womit sich die Arbeitnehmer identifizieren können – diese Strategien sind erfolgreicher, als den Menschen nur mehr zu bezahlen. Unsere Generation bezahlt den Menschen einfach mehr. Die Millennials fragen: ‚Wofür steht meine Firma?‘“ Gilt das auch für seine Fahrer? „Vielleicht ist es nicht so verrückt wie damals, aber ich glaube, wir gelten als eines der lockereren, fröhlicheren und lustigeren Teams. Das liegt irgendwie an meiner Persönlichkeit. Es gibt Fahrer und Fans, die sich von dieser exzentrischen Lockerheit angezogen fühlen, und es gibt Fahrer und Fans, die finden, dass es wie eine Clownshow aussieht. Am Ende hast du eine Gruppe von Fahrern, die sich von diesem Umfeld angezogen fühlen, wie Rigo oder Higuita. Alberto Bettiol ist ein klassisches Beispiel – ihm gefällt es hier. Fahrer, die mehr Strenge und Anweisungen brauchen, sind hier nicht so gut aufgehoben. Aber das gilt auch für die Fans. © Getty Images TOUR DE FRANCE 2009 Der Ruf des Teams, ein Händchen für Talente zu haben, bestätigt sich, als Bradley Wiggins bei der Tour Vierter wird (später auf den dritten Platz hochgestuft). Vande Velde ist Achter (später Siebter), womit das Team zwei Fahrer in den Top Ten hat. PARIS–ROUBAIX 2011 Als Garmin-Cervélo führt das Team einen perfekten taktischen Plan aus: Erst spielt Vaughters die überlegene Stärke von Fabian Cancellara aus, dann wird Johan Vansummeren in eine Position gebracht, aus der heraus er das erste Monument des Teams gewinnt. TOUR DE FRANCE 2011 Die wohl beste Tour des Teams. Es gewinnt vier Etappen: das Mannschaftszeitfahren, einen Sprintsieg mit Farrar und zwei mit Hushovd. Tom Danielson wird Gesamt-Achter in Paris. GIRO D’ITALIA 2012 Der große Sieg. Ryder Hesjedal ist nicht der Stärkste, aber er überrascht den besseren Kletterer Joaquim Rodríguez, und der Kanadier fährt mithilfe seines Teams ins Rosa Trikot und zum Gesamtsieg. 48 PROCYCLING | OKTOBER 2019

JONATHAN VAUGHTERS © Gruber Images OKTOBER 2019 | PROCYCLING 49