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JONATHAN VAUGHTERS

JONATHAN VAUGHTERS Vaughters und Lance Armstrong kamen nie wirklich gut miteinander aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viele Fans von Deceuninck–Quick-Step gibt, die auch EF- Fans sind. Sie sind so: ‚Wir sind das Wolfs rudel. Rarrrr.‘“ Er fügt hinzu: „Ich kann da nur mit den Augen rollen, aber auch bei diesem Team, das sehr darauf konzentriert ist, so viel zu gewinnen wie möglich, und sehr auf die sportlichen Qualitäten konzen triert ist und nicht unbedingt auf die breitere Wirkung seines Outputs, funktioniert es für seine Fans und eine bestimmte Gruppe von Fahrern. Wir bewegen uns in einem anderen Raum. Unter kommerziellen Gesichtspunkten sehe ich das Team nicht als Konkurrenten und es sieht mich nicht als Konkurrenten. Ich bin bei der Suche nach einem Sponsor noch nie Patrick Lefevere in die Quere gekommen. Er und ich fischen nicht im selben Teich.“ Es gab eine weitere Erinnerung aus den 2000ern, eine aus dem folgenden Jahr, die mir blieb: Die Saison, als Slipstream startete, das Rosa Trikot beim Giro trug und Vierter der Tour wurde – 2008 –, war das Jahr, in dem Lance Arm strong sein Comeback ankündigte. Ich war nach Austin gereist, um ihn zu interviewen, und weil ich mich für Slipstream interessierte und für Armstrong, fragte ich ihn nach seinen Landsleuten. Armstrong war damals noch ein größeres Arschloch, und ich erinnere mich, dass er gereizt auf das „sauberes Team“-Ethos reagierte. Er sagte, ja, es sei zwar ein sauberes Team, aber fragte dann am Thema vorbei – ob absichtlich oder nicht: „Ist es ein siegreiches Team?“ Das Urteil ist jetzt teilweise gefällt. Slipstream ist bis zu einem gewissen Punkt kein siegreiches Team – aber das ist laut Vaughters der Punkt. „Das Ding bei diesem Team ist, dass wir nicht eine hohe Zahl von Siegen einfahren“, sagt er. „So haben wir von Anfang an funktioniert. Nokere Koerse zu gewinnen war nie eine Priorität. Wir haben immer den großen, interessanten Rennen Priorität gegeben. Roubaix, Lüttich, großen Rundfahrten … Wenn wir Fahrer einstellen, denke ich immer: Ist das jemand für Paris–Roubaix? Ist das jemand, der die Lombardei-Rundfahrt gewinnen kann? Ist das jemand, der beim Giro oder der Tour gut fahren kann? Ich wollte nie einen Fahrer, der unbedingt die Tour de Romandie gewinnen will.“ Bei dem Budget, das Vaughters hat, muss er Kompromisse machen – aber Kompromisse, was die Taktik angeht, nicht die Ambitionen. „Bei einem größeren Budget hast du einen größeren Spielraum für Fehler. Ineos fährt vorne und hat nicht so viele Stürze – weil es eine Million Euro teure Fahrer hat, die vorne Tempo machen. Wenn wir eine solche Strategie hätten, wären wir nach nicht mal einem Jahr erledigt. Wenn du das nicht kannst, musst du hinten mitrollen, aber da bist du an einer gefährlicheren Position und wirst in mehr Stürze verwickelt sein. Es ist kein Glück und es ist keine Superhirn-Strategie, es sind einfach schiere Pferdestärken, mit denen sich Ineos aus Problemen raushalten kann.“ © Getty Images LÜTTICH–BASTOGNE– LÜTTICH 2013 Eine solide Vorarbeit von Ryder Hesjedal, der attackiert und die anderen Teams zur Aufholjagd zwingt, bringt Dan Martin im Schlussanstieg nach Ans in die Spitzengruppe, wo er seine Rivalen im Sprint bezwingt. LOMBARDEI- RUNDFAHRT 2014 Dan Martin gewinnt mit dem Rennen der fallenden Blätter sein zweites Monument, das dritte des Teams. Er löst sich 1,5 Kilometer vor dem Ziel aus einer kleinen Spitzengruppe und fährt als Solist zum Sieg, während die anderen zögern. TOUR DE FRANCE 2017 Das Team erreicht seine beste Platzierung in der Gesamtwertung der Tour, als Rigoberto Urán Zweiter wird, nicht weit hinter dem Sieger Froome. Außerdem feiert Urán einen spektakulären Etappensieg in Chambéry. FLANDERN- RUNDFAHRT 2019 EF Education First gewinnt sein erstes Monument, als Alberto Bettiol am Oude Kwaremont attackiert. Während Sebastian Langeveld auf die Verfolger aufpasst, gewinnt der Italiener als Solist. 50 PROCYCLING | OKTOBER 2019

JONATHAN VAUGHTERS Er fügt hinzu: „Ich hätte Dylan van Baarle sehr gerne behalten, aber ich konnte ihn mir nicht mehr leisten. Was macht er bei Ineos? Tempo. Und er ist ein verdammt starker Typ. In meinem Team habe ich ihn als künftigen Flandern-Rundfahrt- oder Roubaix-Sieger gesehen. Bei Ineos ist er ein Windblocker, und zwar ein sehr effektiver. Im Prinzip bezahlen sie einen Typ dafür, dass er seine persönlichen Ambitionen aufgibt; ich kann Fahrern nicht genug bezahlen, damit sie das tun.“ Aber auch wenn EF bei der Tour nicht fahren kann wie Ineos, scheint zumindest die Zukunft des Teams gesichert zu sein. Bedenkt man dazu, dass das Team noch 2017 fast hätte dichtmachen müssen, ist es wohl die solideste Grundlage, die Vaughters seit zehn Jahren oder überhaupt je hatte. „2017 war finanziell das magerste Jahr, und wir waren trotzdem Zweiter der Tour. Du kommst mit knapper Kasse nicht ewig über die Runden“, ICH KANN MIR NICHT VOR- STELLEN, DASS ES VIELE FANS VON DECEUNINCK–QUICK- STEP GIBT, DIE AUCH EF-FANS SIND. SIE SIND SO: ‚WIR SIND DAS WOLFSRUDEL. RARRRR.‘“ sagt er. „Der Schlüssel zur Unterstützung ist jetzt, dass sie sehr langfristig angelegt ist. Wir haben einige Probleme gelöst und ich habe etwas mehr Geld, um auf den Fahrermarkt zu gehen. Das heißt nicht, dass ich hingehe und Peter Sagan kaufe, aber ich hatte neulich eine Diskussion mit dem Vorstandschef von EF und wir sprachen darüber, wie wir in fünf, sechs, sieben Jahren die Paris–Roubaix gehört zu den größten Zielen von EF. 2011 war das Team hier schon einmal erfolgreich. Tour de France gewinnen können. Also, was sind die langfristigen strategischen Ziele?“ Und Vaughters ergänzt: „Diesen Luxus hatte ich noch nie. In der Vergangenheit hieß es eher: Wir haben noch dreieinhalb Monate Sponsoring übrig. Mich zu bitten, fünf Jahre im Voraus zu denken, wäre so ähnlich gewesen wie mich zu bitten, ein Team zum Mond zu schicken.“ Rechnet man diese fünf Jahre zu den zwölf Jahren hinzu, die Vaughters schon hinter sich hat, kommt man auf fast zwei Jahrzehnte ununterbrochener Fortexistenz im Oberhaus des Radsports. Für ein Team, das seit seinen Anfängen von Jahr zu Jahr gelebt hat, ist schon die Zielsetzung „Tour 2024“ Sieg genug. © Gruber Images OKTOBER 2019 | PROCYCLING 51