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ALBERTO BETTIOL Als

ALBERTO BETTIOL Als Alberto Bettiol sich auf der Pressekonferenz des Siegers bei der Flandern-Rundfahrt setzte, war es eine Stunde her, dass er als Solist über die Ziellinie gefahren war, aber er trug immer noch denselben Ausdruck der Verwunderung im Gesicht. Als er das Mikrofon nahm und in den Raum mit den Fotografen und Journalisten schaute, wurden seine Augen fast noch größer. Ein kleiner Junge hatte sich hinter ihm reingeschlichen, stand an der Seite und schaute zu, darauf wartend, dass Bettiol fertig wurde, sodass er sich mit ihm fotografieren lassen konnte. Vor dem 7. April war Alberto Bettiol kein Begriff im Radsport; die wenigsten konnten mit seinem Namen etwas anfangen. Der 25-Jährige hatte nie ein Rennen gewonnen, ganz zu schweigen von einem Monument. Als klar wurde, dass Bettiol im Begriff war, als Solist zum Sieg bei der Flandern-Rundfahrt zu fahren, nachdem er am Oude Kwaremont aus einer kleinen Gruppe entwischt war, konnte man die Journalisten hinter der Ziellinie etwas ratlos vor den Bildschirmen stehen sehen. Wer war dieser junge Italiener, der die Klassiker-Spezialisten taktisch ausgetrickst hatte und kurz davor stand, ihnen den Sieg beim größten belgischen Eintagesrennen vor der Nase wegzuschnappen? Bettiol war sich über seinen Underdog-Status im Klaren. Als er die Linie überquerte, richtete er sich auf, nahm seine Sonnenbrille ab, deutete mit zwei Fingern erst auf seine Augen und dann in die Ferne. Wenn die Radsport welt Bettiol zuvor nicht sehen konnte, konnte sie es jetzt bestimmt. „Ich habe nie ein Rennen gewonnen. Warum sollte ich die Flandern-Rundfahrt gewinnen?“, kommentierte er seine Siegergeste. „Warum sollte ich überhaupt ein Favorit sein?“ Mehr als drei Monate später hat man das Gefühl, dass sich Bettiol immer noch an sein neues Leben nach dem 7. April gewöhnt. Interviews, Fotoshootings und Leute, die mit ihm reden wollen – all das ist ein neues Phänomen für ihn. Er begrüßt uns und setzt sich hin, aber während er sein Telefon auf den Tisch zwischen uns legt, sind seine Füße kaum darunter. Stattdessen ist sein Körper sofort leicht geneigt, zur Seite gedreht, als wollte er lieber wieder aufstehen und gehen. ICH HABE NIE EIN RENNEN GEWONNEN. WARUM SOLLTE ICH DIE FLANDERN- RUND FAHRT GEWINNEN? Es ist Tag zehn der Tour de France, der erste Ruhetag, und für Bettiol ist die Flandern-Rundfahrt mittlerweile wahrscheinlich Schnee von gestern. Am Vortag unterlief seinem Team EF Education First ein taktischer Patzer bei Seitenwind, den er bestimmt gerne vergessen würde. Außerdem sind es draußen 33 Grad. Kein Wunder, dass er aussieht, als wäre er lieber woanders. „Es hat eine Weile gedauert, bis mir klar wurde, was ich erreicht habe“, sagt er zu Procycling. „Jetzt wollen mehr Leute etwas von mir, also muss ich mein Leben anders einteilen; meine Zeit, meine Termine, mein Training … Aber wenn ich denke, was ich erreicht habe, will ich das nicht ändern. Ich habe immer gesagt, die Leute sehen mich deswegen anders, aber ich sehe die Leute nicht anders – meine Familie, meine Freunde, mein Team. Es hat mein Leben ein bisschen geändert, aber nicht viel. Ich fühle mich immer noch als derselbe Mensch wie vor dem 7. April.“ Bettiol kann sagen, dass der Sieg bei einem großen Rennen wie der Flandern-Rundfahrt ihn nicht verändert hat, aber für Bettiol hat es in diesem Jahr sicherlich so etwas wie Veränderungen gegeben. 2019 war der Italiener zu EF Education First zurückgekehrt, wo er 2014 Profi geworden war. Bettiol war erst 20, als er zu Cannondale ging, und er blieb bei dem Team, als es ein Jahr später mit Garmin fusionierte und das amerikanische Team die Lizenz übernahm. Seine Karriere ging stetig bergan, und er ließ 2016 und 2017 mit einigen Platzierungen sein Talent aufblitzen: Dritter der Polen-Rundfahrt, Zweiter des Bretagne Classic; Dritter und Siebter beim GP Québec und GP Montréal; Sechster der Clásica San Sebastián. Doch als Cannondale ankündigte, Ende 2017 als Titelsponsor auszusteigen, und Teamchef Jonathan Vaughters unsicher war, ob er einen neuen Geldgeber finden würde, beschloss Bettiol, es in einer neuen Umgebung zu versuchen, und wechselte zu BMC. © Getty Images Bettiol kämpft sich mit sichtbarem Vorsprung den Paterberg hoch, den letzten Anstieg der Ronde 2019. Als Bettiol in Oudenaarde über den Zielstrich rollt, ist er vom Nobody zum gefragten Rennfahrer geworden. 54 PROCYCLING | OKTOBER 2019

ALBERTO BETTIOL © Gruber Images OKTOBER 2019 | PROCYCLING 55