Aufrufe
vor 2 Monaten

PC_10_2019_FINAL_X1

  • Text
  • Radsport
  • Teams
  • Sieg
  • Bettiol
  • Images
  • Rennen
  • Etappe
  • Fahrer
  • Oktober
  • Procycling

UNTERWEGS MIT EF ©

UNTERWEGS MIT EF © Chris Auld 72 PROCYCLING | OKTOBER 2019

UNTERWEGS MIT EF An der Hourquette d’Ancizan, dem wichtigsten Anstieg der Etappe, waren wir in einer guten Position. Das Peloton hat die Ausreißer gewähren lassen, und wir waren zahlenmäßig in der Gruppe gut vertreten, und mit starken Fahrern und Taktik hatte das gut funktioniert. Simon Clarke war mit anderthalb Minuten Vorsprung alleine an der Spitze des Rennens und wir hatten Alberto Bettiol in der Gruppe dahinter. Alberto Contador kam auf seinem Eurosport-Motorrad zu uns vorgefahren, um uns Komplimente für unsere Taktik zu machen. Er fragte, ob alles genau nach Plan laufe. Und ich antwortete cool: „Natürlich.“ Es wäre alles viel knapper geworden, wenn einer unserer beiden Fahrer hätte gewinnen können. Samstag, 20. Juli – 14. Etappe: Von der Spitze des Rennens ans Ende. Meistens sind es jeden Tag dieselben Jungs am Ende des Rennens, aus verschiedenen Gründen – Verletzungen, Erkrankungen, schlechte Form … In diesem Jahr waren es Michael Hepburn, Max Richeze und unser Fahrer Sebastian Langeveld. Keiner von ihnen ist ein Kletterer, daher war es nicht überraschend. Aber am Col du Tourmalet kam ein Fahrer, den man an diesem Ende eines Radrennens eigentlich nicht vermuten würde. Romain Bardet tauchte am Fenster auf und bat um eine Trinkflasche. Ich konnte nicht umhin, mit dem Fahrer mitzufühlen, der als größte französische Hoffnung für die Gesamtwertung galt. Als er fragte, standen zwei andere Franzosen – Thibaut Pinot und Julian Alaphilippe – Arm in Arm mit dem Präsidenten der Republik am Gipfel, und Bardet hatte nicht mal seinen eigenen Mannschaftswagen dabei, der ihm eine Flasche geben konnte. Die Fans am Tourmalet waren die wildsten, die ich bei der ganzen Tour in diesem Jahr gesehen habe. Angesichts der Anzahl männlicher Gliedmaßen und behaarter Kehrseiten, die den langsam fahrenden Autos gezeigt wurden, vermute ich, dass ziemlich viel Alkohol konsumiert worden war, als wir ankamen. Man muss meine Beifahrerin dafür bewundern, dass sie bei diesen Szenen eine stoische Gelassenheit an den Tag legte. Michael Woods von EF fuhr eine solide Tour, die er als 32. beendete. Die Fahrer von EF beglückwünschen sich gegenseitig am Ende der Tour 2019. WOCHE DREI EIN KURZER ANRUF BEI DER ASO LÖST SO ZIEMLICH ALLES BEI DER TOUR. Montag, 22. Juli – zweiter Ruhetag: Das beste Hotel des Rennens kommt genau, wenn man es am dringendsten braucht: am zweiten Ruhetag. Wir drei Sportlichen Leiter können nicht nur eine gesellige Ausfahrt durch die heißen Weinberge von Nîmes machen, sondern genießen auch den Luxus eines Pools, an dem wir den ganzen Nachmittag sitzen können. Aber das Beste von allem ist, dass wir hier nur ein Team sind. Es ist selten, dass man sich an einem Ruhetag tatsächlich ausruhen kann, aber wenn dir das gelingt, fühlst du dich wie neugeboren. Dienstag, 23. Juli – 16. Etappe: Als Logistikverantwortlicher ist meine größte Sorge, auf dem Weg zum Start ein Problem zu haben und dort zu spät anzukommen. Es ist wie der Albtraum, in dem man vergessen hat, sich zum ersten Schultag seine Sachen anzuziehen. Obwohl meine Logistik arbeit in den Wochen vor dem Rennen abgeschlossen ist, ist da immer die Angst, dass ein Verkehrsstau oder eine gesperrte Straße deine Pläne über den Haufen wirft. Ein solcher Knüppel wurde uns heute zwischen die Beine geworfen. Eine Straßensperre war über Nacht zwischen unserem Hotel und dem Start in Nîmes aufgebaut worden, und die Umleitung war unmöglich mit dem Bus zu befahren. Ich hatte unseren Busfahrer Biso noch nie in Stress geraten sehen, aber als er den Bus auf einer unglaublich schmalen Landstraße wendete, wobei die Mechaniker einen Baum zurückbogen, damit dieser uns nicht den Außenspiegel abriss, konnte ich die Panik einsetzen sehen. Glücklicherweise löst ein kurzer Anruf bei der ASO so gut wie alles bei der Tour. Ein paar Augenblicke nach dem Telefonat wurden wir von einer Polizeieskorte gerettet, die uns durch einen Sechs-Kilometer-Stau in die Innenstadt und zum Start des Rennens pilotierte. Krise abgewendet, aber der Erholungseffekt des Ruhetages war praktisch dahin. Sonntag, 28. Juli – 21. Etappe: Es ist ja schon beeindruckend, wie die ASO in einer Stadt wie Nîmes ein Problem lösen kann, doch die Etappe nach Paris ist der Ort, wo die Organisation wirklich ihre Muskeln spielen lässt. Der ganze Tag ist ein Wirbelwind von Polizeieskorten und blinkenden Sirenen, die uns von unserem Hotel in den Bergen von Val Thorens zu den Stufen der wartenden Flugzeuge in Chambéry bringen und dann nach Paris zum Start. Es nach Paris zu schaffen, ist großartig. Egal, wie gut oder schlecht das Team gefahren ist, das Ende der Tour ist immer ein Highlight. Allein dort anzukommen, ist immer noch eine Errungenschaft. Meine Tour endet um vier Uhr nachts, als unser Taxifahrer uns in die falsche Bar fährt, die geschlossen und am falschen Ende der Stadt ist. Wir geben uns geschlagen und fahren zurück zum Hotel. Am Montagmorgen nach der Tour wache ich 15 Minuten vor dem Abflug meines Flugzeugs auf. Nachdem ich ein Team von 33 Leuten fast vier Wochen lang auf dem rechten Weg gehalten habe, finde ich, dass eine Verspätung am ersten Tag, wo es nicht mehr darauf ankommt, perfektes Timing ist. © Gruber Images OKTOBER 2019 | PROCYCLING 73