Aufrufe
vor 2 Monaten

PC_10_2019_FINAL_X1

  • Text
  • Radsport
  • Teams
  • Sieg
  • Bettiol
  • Images
  • Rennen
  • Etappe
  • Fahrer
  • Oktober
  • Procycling

NACHLESE ANALYSE •

NACHLESE ANALYSE • ERKENNTNISSE • DATEN © Getty Images BINCKBANK TOUR / 12.–18.08.2019 DE PLUS ERZIELT A-PLUS BEIM BINCKBANK Um Etappenrennen zu gewinnen, muss man manchmal verstehen, wie Mengendiagramme funktionieren. Im Fall der BinckBank Tour 2019 bräuchte man ein klassisches Diagramm mit drei Kreisen. Ein Kreis wäre Etappe 4, eine hügelige, 96 Kilometer lange Runde mit Start und Ziel in Houffalize. Ein weite- ERGEBNIS rer wäre das Zeitfahren der 6. Etappe. Und der dritte wäre das traditionelle Finale zum Abschluss des Rennens in Geraards bergen. Eine Drei-Mann-Gruppe machte Etappe 4 unter sich aus: Tagessieger Tim Wellens, die junge Schweizer Sensation Marc Hirschi und Jumbo–Visma-Fahrer Laurens De Plus. Indem es fast eine halbe Minute vor FAHRER TEAM ZEIT 1 Laurens De Plus Jumbo-Visma 21:29:55 2 Oliver Naesen Ag2r La Mondiale + 0:35 3 Tim Wellens Lotto Soudal + 0:36 4 Greg Van Avermaet CCC Team + 0:37 5 Marc Hirschi Team Sunweb + 0:44 De Plus (r.) gewann keine Etappe, war aber immer zur Stelle, wenn es darauf ankam. 43 Siege für Jumbo–Visma in diesem Jahr den Verfolgern ins Ziel fuhr, brachte sich dieses Trio in eine starke Position, um die Gesamtwertung zu bestreiten. Beim Zeitfahren war das Ergebnis nuancierter – die Spezialisten dominierten, aber viele der Klassement-Anwärter kamen relativ dicht gedrängt ins Ziel, rund 20 Sekunden hinter Etappensieger Filippo Ganna. Die Besten unter ihnen: De Plus als Neunter mit 18 Sekunden und Wellens mit 20 Sekunden. Und beim Finale in Geraardsbergen machte ein anderes Trio den Etappensieg unter sich aus: Oliver Naesen setzte sich knapp vor Greg Van Avermaet durch und De Plus war gleich dahinter. Die nächsten Fahrer waren rund eine halbe Minute zurück, genau wie auf Etappe 4. In der entscheidenden Schnittmenge der drei Kreise unseres BinckBank-Diagramms tauchte nur der Name eines Fahrers auf: Laurens De Plus. Wellens und Hirschi waren auf den Etappen 4 und 6 vorn; Naesen und Van Avermaet lieferten anständige Zeitfahren ab und waren auf Etappe 7 die beiden Ersten im Ziel. Aber De Plus war als einziger Fahrer bei allen drei wichtigen Rendezvous zur Stelle. Die Ironie – und sie ist bei Etappenrennen 74 PROCYCLING | OKTOBER 2019

EDWARD PICKERING Herausgeber Ed vermisst Marcel Kittel jetzt schon bei den Sprints. Wenn er in Form war, war er unschlagbar. SAM DANSIE Redakteur Die vielen großen Siege junger Fahrer lassen für Sam nur einen Schluss zu: Die Zeit der 1990er-Generation geht ihrem Ende entgegen. SOPHIE HURCOM Procycling-Autorin Sophie ist immer wieder beeindruckt von Van der Poel und fragt sich, was er bei der WM erreichen kann. nicht selten – war, dass er bei den beiden wichtigen Straßenetappen das Nachsehen hatte. Er musste von hinten zuschauen, als Wellens Hirschi in Houffalize auf der Linie abfing. Auch in Geraardsbergen hatten Naesen und Van Avermaet die Nase vorn und nahmen ihrem belgischen Rivalen vier Sekunden ab. De Plus fuhr die 970 Kilometer der BinckBank Tour in weniger Zeit als alle anderen (ungeachtet der klugen Akkumulation von Bonussekunden bei den „Golden Kilometre“-Sprints der letzten Etappe), also war er der Sieger. Wellens und Naesen standen häufiger im Rampenlicht, aber Radrennen zu gewinnen heißt manchmal, im Hintergrund hart vor sich hin zu arbeiten. Die BinckBank Tour ist eine Anomalie auf dem Kalender, obwohl ihr das eher zum Vorteil als zum Nachteil gereicht. Anders als viele einwöchige Etappenrennen des Frühjahrs ist es kein Vorbereitungsrennen – wer die Vuelta anpeilt, ruht sich vielleicht nach der Tour aus oder spult bei der Vuelta a Burgos kurzfristig noch ein paar Kletterkilometer ab. Sie ist nicht gebirgig genug, um dasselbe Feld wie die meisten anderen Etappenrennen anzulocken, und sie fällt in die Flaute Mitte August zwischen Tour und Vuelta. Aber viele A-Promis der Klassiker bevölkerten die Top 15, die durchsetzt waren mit robusteren Zeitfahrern, die auf Etappe 6 gut fuhren und ihre Verluste dann auf den Sam Bennett domininierte mit drei Etappensiegen die Sprints. DE PLUS FUHR DIE BINCKBANK TOUR IN WENIGER ZEIT ALS ALLE ANDEREN. RAD- RENNEN ZU GEWINNEN HEISST MANCHMAL, IM HINTERGRUND HART ZU ARBEITEN. beiden hügeligeren Etappen begrenzten. Bis zur Weltmeisterschaft waren es noch sechs Wochen, aber Fahrer wie Van Avermaet und Philippe Gilbert galten als Favoriten für Yorkshire, und die intensive Woche mit Sprints und wiederholten kurzen Anstiegen war ein gutes Formbarometer. Natürlich sind die andere Kategorie von Fahrern, die bei der BinckBank in ihrem Element sind, die Sprinter, und das Rennen 2019 hatte ein gut besetztes Feld. Zwei der besten Sprinter der Welt waren dabei – Sam Bennett und Dylan Groenewegen –, und während Elia Viviani, Fernando Ga viria und Caleb Ewan anderweitig unterwegs waren, gab es eine Tiefe im Feld der Sprinter in Form von Álvaro Hodeg und Jasper Philipsen. Bennett, der bei seinem Bora-Team bei Giro und Tour fehlte, aber bei unserem Redaktionsschluss bereits zwei Etappen der Vuelta gewonnen hatte, war dominant. Er gewann die ersten drei Etappen der BinckBank-Tour und war Zweiter hinter Hodeg beim Sprint am fünften Tag. Bennetts wachsendes Selbstbewusstsein war in den letzten zwei Jahren deutlich, und ein möglicher Wechsel zu Deceuninck–Quick-Step 2020 könnte entscheidend für seine Karriere sein. Aber die glänzendste Zukunft von allen könnte die von Laurens De Plus sein, für den die BinckBank-Gesamtwertung der erste individuelle Sieg seiner Karriere war. Beiträge zu drei Siegen im Mannschaftszeitfahren, darunter die Weltmeisterschaft mit Quick-Step Floors 2018 und bei der Tour de France 2019, zeigen seine Allrounder-Qualitäten. Es sind genau diese Attribute, die ihn die BinckBank Tour gewinnen ließen. JUMBO–VISMA: EIN TEAM IM HÖHENFLUG Der BinckBank-Gesamtsieg von Laurens De Plus war Jumbo–Vismas 41. Sieg 2019. Zwei Monate vor dem Ende der Saison konnte das holländische Team, dessen Geschichte bis 1984 zurückreicht, bereits sein Jahr mit den bisher meisten Siegen feiern – die Vuelta-Etappensiege von Primož Roglič und Sepp Kuss nicht mal mit eingerechnet. Zuvor war ihr siegreichstes Jahr 2013 gewesen, als sie von Belkin gesponsert wurden. Damals holten sie 38 Erfolge, wobei in dieser Summe alle neun Etappen und die Gesamtwertung der Tour of Hainan Ende Oktober enthalten sind, was unterm Strich relativ weiche Siege sind. Ansonsten knackte das Team die 30-Siege-Marke nur dreimal, in den Jahren 2004, 2007 und letztes Jahr. Von den größten Rennen gewann die Truppe je einmal den Giro und die Vuelta (allerdings von Denis Mentschow, dessen Doping-Historie nicht ohne Makel ist), dreimal Mailand–San Remo und viermal die Flandern-Rundfahrt. Bei Roubaix, Lüt - tich und Lombardei stehen insgesamt 16 Podiumsplätze zu Buche, wobei es nie zum Sieg reichte. Beim Heim rennen Amstel Gold erzielte das Team sechs Siege, aber keinen seit 2001. Der letzte wirklich große Sieg war Óscar Freires Mailand–San Remo 2010. So stark wie jetzt war das Team noch nie – erst recht, wenn 2020 Tom Dumoulin kommt. Die Fans dürfen gespannt sein, ob der Quantität der Siege die Qualität entsprechen wird. 43 SIEGE: JUMBOS ERFOLGSJAHR SIEGE JAHR SPONSOR GRÖSSTER SIEG 43+ 2019 Jumbo–Visma Vuelta a España 38 2013 Belkin GP de Québec 33 2018 LottoNL–Jumbo Tour de Romandie 32 2007 Rabobank Vuelta a España 31 2004 Rabobank Mailand–San Remo 28 2005 Rabobank Tirreno–Adriatico 26 2001, ’09, ’11 Rabobank Amstel Gold Race (2001) 24 1990 Buckler 3 Tour-Etappensiege © Getty Images OKTOBER 2019 | PROCYCLING 75