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ANZEIGE RADSPORT VS. TRIATHLON Wenn am 12. Oktober die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii stattfindet, richten sich die Blicke der Sportwelt auf den Triathlon. Auch viele Radsportler verfolgen den Kampf der Eisenmänner mit großem Interesse. Doch was sind eigentlich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Sportarten? Procycling sprach mit dem Kölner Triathlonprofi Till Schramm über die verschiedenen Anforderungen im Radsport und im Triathlon. Fotografie Darren Wheeler/thatcameraman.com 84 PROCYCLING | OKTOBER 2019

ANZEIGE Till, du bist mittlerweile im zehnten Jahr Profitriathlet, hast im Laufe deiner Karriere aber auch immer wieder Einblicke in den Radsport gewinnen können. Wie viel Radsportler steckt eigentlich in dir? Doch mehr, als man auf den ersten Blick denken mag. Das Radfahren ist meine stärkste Disziplin im Triathlon, besonders auf bergigen und anspruchsvollen Strecken kann ich oft Zeit auf meine Konkurrenten gutmachen. Meine Verbindung zum Profiradsport reicht aber deutlich weiter: In Sachen Aerodynamik und Performance arbeite ich beispielsweise eng mit Lars Teutenberg zusammen, der ja unter anderem schon Performance-Trainer bei Bora–hansgrohe war. Zudem fahre ich oft mit Christian Knees zum Training, auch mit Gerald Ciolek war ich früher häufig unterwegs. Was sind denn die prinzipiellen Unterschiede zwischen Radsport und Triathlon? Der größte Unterschied sind sicherlich die Rennen an sich. Offensichtlich ist natürlich, dass im Triathlon drei Disziplinen – neben dem Radfahren eben noch Schwimmen und Laufen – in einem Wettkampf stattfinden. Beim Radsport ist man dagegen Spezialist. Aber auch das Radfahren als Disziplin an sich läuft im Profitriathlon ganz anders ab: So ist im Triathlon Windschattenfahren meist nicht erlaubt. Die Ausnahme ist die Olympische Distanz, auf der man auch im Pulk fährt. Ein weiterer Unterschied ist sicherlich, dass es im Triathlon keine Mehrtagesveranstaltungen oder Etappenrennen gibt. Im Triathlon ist jeder Wettkampf wie ein Klassiker. Bei einem Klassiker spielen allerdings Tempohärte und viele Belastungsspitzen eine große Rolle. Wie sieht das bei einem Triathlon aus? Das kommt ganz auf die Distanzen an. Auf kürzeren Strecken wie der Olympischen Distanz entscheidet sich ein Triathlon so gut wie immer beim Laufen, was unter anderem auch daran liegt, dass das Windschattenfahren dort erlaubt ist. Bei diesen Rennen spielt die Fahrtechnik eine große Rolle. Man muss möglichst effizient im Windschatten mitfahren, um so noch Kraft für das abschließende Laufen übrigzuhaben. Auf der Mittelund Langdistanz ist es dagegen wichtig, effizient und zugleich kraftvoll und aerodynamisch zu fahren. Aber auch hier muss man sich Körner für das Laufen aufsparen. Wie sehr ist das Radfahren beim Triathlon eigentlich mit einem Zeitfahren im Profiradsport zu vergleichen? Auf den ersten Blick sind sich beide Disziplinen sicherlich ähnlich – mit dem Unterschied, dass man beim Triathlon eben immer noch Reserven für das Laufen übriglassen muss. Während ein Radsportler sich im Zeitfahren immer am absoluten Limit bewegt, fahren wir grundsätzlich mit Luft nach oben – meist im GA2- oder EB-Bereich. Prinzipiell muss man sich im Triathlon sehr lange „PRINZIPIELL MUSS MAN SICH IM TRIATHLON SEHR LANGE IN DIESEM ,EKELTEMPO‘ BEWEGEN KÖNNEN.“ in diesem „Ekeltempo“ bewegen können. Ich fahre im Schnitt rund 300 Watt bei 70 Kilogramm über vier Stunden hinweg – die sehr guten Profitriathleten brauchen sich also von der reinen Durchschnittsleistung nicht vor Radsportlern zu verstecken. Aber klar: Eine Stunde Vollgas liegt mir wiederum nicht so gut, dafür kann ich eben vier Stunden konstant schnell fahren. [lacht] Provokativ gefragt: Könnte ein Profitriathlet bei einem Profiradrennen bestehen? Mit einer entsprechenden Vorbereitung könnte man eine Etappe wahrscheinlich schon zu Ende fahren. Es kommt aber ganz darauf an, wie das Rennen gefahren werden würde. Da Triathlon eine Einzelsportart ist, würden die meisten Triathleten sicherlich sehr schnell Schwierigkeiten bekommen, sich in einem Profifeld zu bewegen, und so viel Kraft verlieren. Ich bin aber davon überzeugt, dass manche Topprofitriathleten mit der richtigen Vorbereitung auch wirklich gute Radrennen fahren könnten. Mit dem Australier Cameron Wurf und dem Deutschen Ruben Zepuntke gibt es derzeit zwei ehemalige Profiradsportler, die im Triathlon sehr erfolgreich sind, während es kaum Umsteiger vom Triathlon zum Profiradsport gibt. Woran liegt das? Das liegt sicherlich daran, dass ein Profiradsportler ein so hohes Level an Ausdauer und Kraft mitbringt, dass er beispielsweise recht schnell sehr gut laufen kann. Das einzige Problem ist das Schwimmen. Da aber der Motor auch hier vorhanden ist, kann man sich auf die Schwimmtechnik konzentrieren und im Rennen hier Schadensbegrenzung betreiben. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein Julian Alaphilippe oder mein Freund Christian Knees sehr gute Ironmans absolvieren könnten. Der Triathlet kann dagegen alle drei Disziplinen überdurchschnittlich gut – im Radsport sind aber absolute Spezialisten gefragt. Das beginnt nicht nur beim Radfahren selbst, sondern führt weiter über das taktische Gespür bis hin zum Fahren im Feld. Um diese Fertigkeiten zu erlangen, muss man schon im Jugendalter anfangen. Übrigens: Ironman-Weltmeister Patrick Lange war in seiner Jugend ein reinrassiger Mountainbikefahrer. Der Radsport ist prinzipiell eine Mannschaftssportart. Im Triathlon gibt es Teams nur auf Bundesligaebene, bei Ironmans und Co. ist man aber auf sich alleine gestellt. Welche Auswirkungen hat das auf das Sportlerdasein? Sehr große. Auch wenn wir eine große Triathlonfamilie sind, gibt es im Rennen und im Training so gut wie keine Freunde. Aufgrund der Eins-zueins-Stituation im Wettkampf hat man immer sprichwörtlich die Ellbogen draußen und muss sich selber durchbeißen. Der Ironman ist wie ein Haifischbecken. Im Profiradsport ist man dagegen mit einem Team unterwegs – das macht einen großen Unterschied aus. Neben dem Radfahren müssen Triathleten auch im Schwimmen und beim Laufen ein sehr hohes Level erreichen. OKTOBER 2019 | PROCYCLING 85