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Procycling 01.19

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PROLOG AUS DEM HERZEN

PROLOG AUS DEM HERZEN DES PELOTONS ENDSTATION Das Ende der Saison gleicht dem Spiel Reise nach Jerusalem. Wann laufen Fahrer Gefahr, ihren Platz zu verlieren? © Getty Images Wieder geht ein Jahr zu Ende und wieder steht ein Pool von Fahrern im Peloton ohne Vertrag da. Kein WorldTour-Team musste den Betrieb einstellen wie in vergangenen Wintern; bei der Fusion von BMC mit CCC haben die Topfahrer alle einen Job gefunden und Patrick Lefevere konnte Fensterhersteller Deceuninck als Sponsor gewinnen, um das erfolgreichste Team des Jahres 2018 vor dem drohenden sportlichen Fenstersturz zu bewahren. Trotzdem schrumpfen die WorldTour-Teams weiter – vor allem, weil die Teamgröße bei World- Tour-Rennen seit 2018 um einen Mann reduziert wurde. 2014 beschäftigten die Rennställe am Ende der Saison durchschnittlich 30,4 Fahrer; 2019 dürfte der Schnitt bei unter 27 liegen. Da in der WorldTour rund zehn Arbeitsplätze pro Jahr verschwinden und auf ProContinental-Ebene Vérandas Willems und Roompot fusioniert haben, während Aqua Blue Sport mitten in der Saison aufgelöst wurde, bekommen etliche Fahrer die Krise zu spüren. Bei Redaktionsschluss hatten Tour-Etappensieger Ramunas Navardauskas, der Berghelfer Giovanni Visconti, der zuverlässige Domestik Philip Deignan und der einst 27 FAHRER PRO WORLDTOUR-TEAM IM SCHNITT vielversprechende junge Kletterer Kenny Elissonde keinen Vertrag. Die eine Seite erkennt darin einen Vorboten des Niedergangs des Sports, die andere sieht es als natürlichen Zyklus: Fahrer kommen und gehen, aber im Prinzip gibt es eine endliche Anzahl von Plätzen im Ökosystem Berufsradsport, und das war immer so und wird immer so bleiben. Ein spezielles Problem in diesem Jahr ist der Umgang mit jüngeren Fahrern. Der 22 Jahre alte Brite James Shaw, der mit seinem Zweijahres-Neupro- 12 PROCYCLING | JANUAR 2019

fi-Kontrakt mit Lotto Soudal vertraglich in der Luft hängt, wies auf die Schwierigkeit hin, sich auf WorldTour-Niveau im gegenwärtigen Klima zu entwickeln. „Das bedeutet, dass die jüngeren Fahrer wie ich, die ihre physische Reife noch nicht erreicht haben, es nur schwer zu diesen großen Rennen schaffen, nachdem die UCI die Teams um einen Mann verkleinert hat“, zitierte ihn Cycling Podcast. Allan Peiper, Manager bei BMC und künftiger Sportdirektor bei einem anderen WorldTour- Team, sieht das genauso. Er sagte Procycling, dass „es bei 23 oder 24 Fahrern kein Nachwuchsprogramm in einem Profiteam gibt. Das kommt dabei heraus.“ Die Belohnungsstruktur der WorldTour ist immer noch ein Anreiz für die Topteams, teure Kapitäne und ihre Helfer einzukaufen, die Punkte garantieren. Die Teams haben weniger Geld übrig, um jüngere Fahrer zu kleineren Rennen zu schicken, und aufgrund des Limits von 85 Renntagen pro Jahr, das 2017 eingeführt wurde, weniger andere Fahrer für diese Rennen. Und sie haben weniger Spielraum, um auf einen Außenseiter zu setzen, indem sie einen jungen oder nicht bewährten Fahrer einstellen, der sich gut entwickeln könnte. Niemand möchte ein Risiko eingehen, wenn jedes Rennen zählt. Infolgedessen stellen viele Fahrer fest, dass das Fenster, in dem sie sich bewähren können, kleiner wird. Vor diesem Dilemma stehen nicht nur Neuprofis; jeder Fahrer ohne nachgewiesene Spezialisierung oder Erfolgsbilanz lebt mit dem Risiko, als Erster entlassen oder als Letzter engagiert zu werden. „Die Gefahr ist, dass Fahrer in Mannschaften kommen, wo sie keinen sichtbaren Kapitän haben [den sie unterstützen können], sie fahren keine eigenen Resultate ein und haben keine Punkte“, sagt Peiper weiter. „Die Gefahr ist, dass sie in diesen Bereich geraten, wo sie verzichtbar sind.“ Eine unkonventionelle Methode, um nicht überflüssig zu werden, ist, sich ein Profil jenseits von sportlichen Leistungen aufzubauen und einen Marktwert unabhängig von Resultaten zu erreichen. Fahrer wie Lawson Craddock, die stoische Rote Laterne der Tour de France, sowie Larry Warbasse und Conor Dunne von der „No Go Tour“ haben sich einen Namen gemacht, ohne Rennen zu gewinnen. Aber es ist ein bisschen wie diese Publicity- Stunts, wo weltberühmte Musiker in der U-Bahn spielen und niemand mit der Wimper zuckt. Das Theater ist ein fester Teil der Show. Dass Craddock trotz Verletzung durchhielt, hätte keine so hohen Wellen geschlagen, wenn es nicht die Tour de France gewesen wäre. Niemand hätte sich für zwei Belgier interessiert, die von Italien nach Hause radeln, wären es nicht die WorldTour-Profis Thomas De Gendt und Tim Wellens gewesen. Sagen wir’s mal so: Wenn ein Durchschnittsdeutscher im Wald „Shut up, legs“ ruft, interessiert das keinen Menschen. Diese verrückten Auftritte zählen nur, weil die Teams und ihre Fahrer in der obersten Liga spielen. Für die Sponsoren, die Rennställe und ihr Publikum läuft es trotzdem auf Performance hinaus. Steig’ auf oder steig’ aus. Es kann für talentierte Fahrer eine bittere Pille sein, aber die, die in der nächsten Saison über ein Leben außerhalb des Radsports nachdenken, müssen sich mit der harten Realität abfinden: Der Profiradsport ist immer noch so unbarmherzig wie früher. James Shaw beendete die Saison ohne Anschlussvertrag und mit gebrochenem Schlüsselbein von der Lombardei-Rundfahrt. Elissonde, vormals Berghelfer bei Sky, hat für 2019 auch noch keinen Arbeitgeber. DIE GROSSEN TRANSFERS 2019 Welche großen Namen der WorldTour wechseln in diesem Winter von einem Team ins andere? Fahrer Team 2018 Team 2019 Richie Porte BMC Racing Trek-Segafredo Fernando Gaviria Quick-Step Floors UAE Emirates Rohan Dennis BMC Racing Bahrain-Merida Caleb Ewan Mitchelton-Scott Lotto Soudal André Greipel Lotto Soudal Fortuneo-Samsic Michael Valgren Astana Dimension Data Stefan Küng BMC Racing Groupama-FDJ Niki Terpstra Quick-Step Floors Direct Energie Tony Martin Katusha-Alpecin LottoNL–Jumbo © Getty Images JANUAR 2019 | PROCYCLING 13