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Procycling 01.19

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R Ü C K 20 18 J A H R E

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K DRAMA BEI DEN GROSSEN NEUN © Gruber Images 6Mailand–San Remo, Flandern, Roubaix, Lüttich, Giro, Tour, Vuelta, WM und Lombardei: Jedes Jahr spielen die großen Neun dieselbe tragende Rolle im Kalender. Sie sind die Säulen und Balken, die den Radsport davor bewahren, wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. In diesem Jahr bildeten die Rennen und das Aufsehen, das sie erregten, einen Kontrapunkt zu dem Chor der Forderungen, der Radsport müsse sich ändern, um einem modernen Publikum zu gefallen. All diese Rennen, die ebenso lang wie anspruchsvoll sind und die Geduld der Fahrer ebenso belohnen wie die der Zuschauer, waren spektakulär. Die Action und Eindringlichkeit der Siege bereicherten die jeweilige Geschichte der Rennen. Vincenzo Nibalis Solo belebte den Poggio als Ort, um bei San Remo zu attackieren; Peter Sagan gewann Roubaix als erster Weltmeister seit 35 Jahren; Bob Jungels nutzte die Côte de la Roche aux Faucons, um mit einer 19-Kilometer-Attacke Lüttich zu gewinnen; Chris Froome ließ mit seinem 80- Ki lometer-Solo auf der 19. Etappe des Giro eine vergangene Zeit wiederaufleben; Ale jandro Valverde gewann die Weltmeisterschaft, auf die er seine ganze Karriere lang gewartet hatte; und Thibaut Pinots Kampf mit Nibali am Civiglio bei der Lombardei- Rundfahrt war dramatisch. Die Mühen auf dem Weg zu Geraint Thomas’ Tour- und Simon Yates’ Vuelta-Sieg bereichern die Geschichte der Rundfahrten. Diese neun Rennen sind alt und knorrig, aber immer noch gesund. Wenn sie überleben, überlebt der Radsport. 24 PROCYCLING | JANUAR 2019

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K DIE ZUKUNFT SPRICHT SPANISCH 7Wer wird die Frankreich-Rundfahrten Anfang und Mitte der 2020er bestreiten? Wer Augen im Kopf hat, wird wissen, dass Egan Bernal im Moment der junge Fahrer sein dürfte, der die Tour am ehesten gewinnen kann, besonders, wenn Sky seine Rekrutierungspolitik beibehält. Aber gegen wen wird er antreten? Die besten anderen jungen Rundfahrer von 2018 tun sich bereits als Kräfte im Radsport hervor. Miguel Ángel López ist erst 24, war aber dieses Jahr Dritter des Giro und der Vuelta. Enric Mas ist ein Jahr jünger und war überraschender Zweiter bei der Vuelta 2018. Derweil gewann Ivan Sosa, der Ende Oktober erst 21 wurde, mit dem Adriatica-Ionica, der Sibiu Cycling Tour und der Vuelta a Burgos (wo er López auf den zweiten Platz verwies) gleich drei Etappenrennen. Von allen 1994 oder später geborenen Rundfahrern scheinen diese vier die größten Talente zu sein – neben dem 1995 geborenen Sam Oomen, der vielversprechender Neunter beim Giro wurde. Trek und Sky wetteifern darum, Sosa für 2019 zu verpflichten. EXPERTENMEINUNG SOPHIE HURCOM Procycling-Autorin Bester Fahrer 2018 war das Jahr des Julian Alaphilippe. Er gewann zwölf Rennen, darunter Flèche Wallonne, zwei Tour-Etappen plus das Bergtrikot sowie die Clásica San Sebastián. Die Leute sagen, es werden mehr Fahrer mit Charakter gebraucht, die mit Stil und Verve fahren, und davon hat Alaphilippe reichlich. Beste Fahrerin Anna van der Breggen ist 2018 etwas kürzer getreten, hat sogar Mitte der Saison eine Auszeit genommen, um Mountainbike zu fahren. Doch wie sie Lücken in ihrem Palmarès ausmachte, Rennen herauspickte, die sie gewinnen wollte und dann gewann, war beein - druckend. Zu den 32 Siegen in ihrer Karriere zählen jetzt Strade Bianche, die Flandern-Rundfahrt und endlich der Titel der Straßenweltmeisterin. Wer beeindruckte sonst? Mit unermüdlichen Attacken: Thibaut Pinot, Vincenzo Nibali, Simon Yates. Damit, dass er alle eines Besseren belehrte: Geraint Thomas. Damit, dass er von den am wenigsten wahrgenommenen Fahrern am beständigsten fuhr: Steven Kruijswijk. Er war bis Juli bei jedem Etappenrennen unter den Top Ten und wurde dann Fünfter der Tour und Vierter der Vuelta. Bestes Eintagesrennen Die Männer- und Frauen-Versionen des Strade Bianche sind die naheliegende Wahl, aber das Finale von Mailand–San Remo war an Spannung nicht zu überbieten. Beste Rundfahrt Der Giro war erneut die beste große Rundfahrt, und die 19. Etappe zwang meinen Kopf zu einem Kampf mit meinem Magen, weil ich mich nicht dazu entschließen konnte, loszurennen und das Mittagessen zu holen. Mannschaft des Jahres Quick-Step war gnadenlos, hatte aber auch jede Menge Stars zur Verfügung. Unterdessen übertraf LottoNL–Jumbo die Erwartungen und war in den Top Ten jeder großen Rundfahrt vertreten – in den Top Five der Tour sogar mit zwei Fahrern. Erinnerung des Jahres Chris Froomes quietschende Turnschuhe, die sein Eintreffen zu einem Interview um 23 Uhr im Sky-Hotel in Pau am Abend nach dem Zeitfahren der 20. Etappe ankündigten. TEAM SKY ZEIGT TAK TISCHE FINESSE – DIE KONKURRENZ SCHLÄFT 8Die gewagteste Nummer aller Radrennen 2018 war die Hauruck-Aktion von Chris Froome und Sky auf der 19. Etappe des Giro. Das britische Team mag für seine eindimensionale Catenaccio- Taktik bekannt sein und regelmäßig gescholten werden, aber beim Giro zeigte es seine kollektive Stärke auf ganz andere Weise. Bei der Tour setzten die Fahrer oft ihren Bergzug ein, um einen Angriff von Froome am Schlussanstieg vorzubereiten – am Finestre taten sie genau dasselbe, nur mitten auf der Etappe. Dabei sprengten sie das Rennen und beförderten Froome ins Rosa Trikot. Es war riskant, aber logisch betrachtet das einzig Mögliche. Das Team stand vor der Wahl, weiterzumachen wie bisher – dann würde Froome definitiv nicht gewinnen. Die andere Option war, es auszuprobieren und Froome eine vielleicht fünfprozentige Chance auf den Sieg zu geben. Fünf Prozent ist besser als null, also probierte man es. (Andere Fahrer wären vielleicht nicht so leichtfertig gewesen, alles zu riskieren, aber andere Fahrer haben auch nicht den Palmarès von Froome.) Es hätte trotzdem nicht funktionieren sollen. Dumoulin verschwendete Zeit mit dem Versuch, seine Begleiter zur Mitarbeit bei der Verfolgung zu animieren, anstatt sich in die Arbeit zu knien und es zu einem „Mann gegen Mann“-Rennen zu machen; immerhin hatte der Giro bis zu diesem Punkt gezeigt, dass er der stärkere Fahrer war. Die anderen hätten ihn am Schlussanstieg attackiert (was sie ohnehin taten), aber sie waren in der Gesamtwertung nicht nah genug, um Dumoulins Position zu gefährden. Aber Froome tat gerade genug. Er gewann, während Dumoulin verlor – zu gleichen Teilen. Und Sky bewies, zu großer taktischer Kühnheit fähig zu sein, was das Team bis dahin bloß nicht gezeigt hatte. Elissonde fährt raus, und Froome attackiert auf der 19. Etappe des Giro. © BettiniPhoto (klein), Getty Images JANUAR 2019 | PROCYCLING 25