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Procycling 01.19

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R Ü C K 20 18 J A H R E

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K ERSTES GIPFELTREFFEN Der blaue Strich des Atlantik in der Ferne ist nur von der Spitze des Alto da Fóia aus sichtbar, dem höchsten Gipfel der portugiesischen Algarve. Es ist Anfang Februar, und unter dem klaren, wolkenlosen Himmel, durch das dunstige Sonnenlicht und vorbei an den rot-weißen Funkmasten, die auf dem Berggipfel verstreut sind, kann man kilometerweit in die Region sehen. Mit einer Höhe von 900 Metern steht der Fóia über den benachbarten Anstiegen der Serra de Monchique. Die Hänge sind exponiert und offen, was einer der Gründe dafür ist, warum die Aussicht so spektakulär und weit ist. Ein paar Hundert Menschen drängen sich auf den letzten 300 Metern der Straße. Einige sitzen geduldig auf den Granitfelsen, aus denen der vulkanische Gipfel besteht und die heute als temporäre Stadionplätze dienen. Manche, die mit dem Rad gekommen sind, tragen noch den Helm auf dem Kopf; viele haben rote Cofidis-Mützen auf, die mit freundlicher Genehmigung des Rennsponsors der Volta ao Algarve verteilt wurden. Etliche tragen eine Sonnenbrille; fast alle sind mit Pullovern und Mänteln gegen den kalten Wind geschützt. Es mag sonnig sein, aber es ist immer noch Februar. Trotz der großen Menschenmassen hier oben ist die Algarve um diese Jahreszeit ruhig. Die Touristen, die die Gegend im Sommer überfluten, um kilometerlange Sandstrände und makellos grüne Golfplätze zu genießen, sind noch längst nicht in Sicht – sie werden kommen, wenn in ein paar Monaten die Temperaturen steigen. Im Moment sind die Reihen der weißen Ferienchalets unheimlich verlassen, ihre Fenster dunkel und leer. Viele der Restaurants und Cafés haben geschlossen, die Straßen sind praktisch verkehrsfrei. Es ist, als sei die Region in einen tiefen Schlaf gefallen. Doch auf der Straße zum Fóia erwacht das Profi- Peloton langsam wieder zum Leben. Heute findet die zweite Etappe der Volta ao Algarve statt, und sie endet auf der Spitze des Berges. Seit drei Jahren ist der Fóia einer der ersten echten europäischen Gipfel der neuen Saison. Geraint Thomas, Dan Martin, Bob Jungels und Richie Porte gehören zu der wachsenden Zahl von Klassementfahrern, die sich hier in Schwung für die Saison bringen. Die angenehmen Temperaturen, die zentral gelegene Hotelbasis und eine Mischung aus hügeligem Gelände, Klettern und Zeitfahren machen das Fünf-Etappen-Rennen zu einem attraktiven Saisonauftakt. Der Fóia ist nicht unbedingt der schwierigste Anstieg. Die durchschnittliche Steigung auf den 15 Kilometern beträgt erträgliche sieben Prozent, und das steilste Stück mit 9,5 Prozent kommt fast genau in der Mitte. Das reicht, um nach einem Winter ohne Rennen wehzutun. Bei Trek-Segafredo steht vor der Etappe Bauke Mollema im Mittelpunkt des Plans. Das Team will hier gewinnen, gibt aber auch zu, dass der Anstieg als Formbarometer vor den größeren Herausforderungen der Saison dient. „Es wird interessant zu sehen, wie es allen gehen wird, denn dort kannst du nicht verstecken, ob du gut bist oder nicht. Auf dieser Grundlage kannst du weiter arbeiten, um zu sehen, wo du dich verbessern musst – zum Beispiel in Richtung Paris–Nizza oder nach Tirreno“, erklärt der Sportliche Leiter des Teams, Dirk Demol, gegenüber Procycling. „Wenn es gut läuft, gibt es dir Selbstvertrauen. Wenn es nicht so läuft, wie du gehofft hast, dann zweifelt du. Es ist ein interessanter Test, körperlich wie mental. Wenn es gut geht, gibt es dir einen Motivationsschub, wenn nicht, gehst du mit Fragen nach Hause: Was muss ich tun? Was habe ich falsch gemacht?“ Bei BMC sieht man die Sache ähnlich. Ihr Topfahrer Ritchie Porte ist hier, um sich ans europäische Terrain und Wetter zu gewöhnen. Vor einem Jahr ging Porte direkt von der Tour Down Under nach Paris–Nizza und hatte zu kämpfen. Dieses Mal wurde als Zwischenschritt die Algarve hinzugefügt. „Es ist nicht so, dass wir wirklich mit dem Plan und der großen Form hierher gekommen sind, um den Sieg zu holen“, sagt der Sportliche Leiter Fabio Baldato. „Ich will mir auch ansehen, wie das Team zusammenarbeitet. Es ist kein großes Drama, wenn es nicht an der Spitze ist.“ Im Anstieg übernimmt das Team Sky die Kontrolle, was angesichts der Tatsache, dass es mit dem stärksten Team und den beiden bisherigen Gesamtsiegern Thomas und Michał Kwiatkowski die Favoriten des Rennens stellt, nicht überrascht. Vasil Kiryienka gehört zu einer Vierergruppe, die am steilsten Abschnitt attackiert, aber sieben Kilometer vor dem Ziel startet er alleine durch – ein Zeichen dafür, dass sich seine Kapitäne stark fühlen. Kiryienka wird schließlich unter der Flamme Rouge von einem Peloton eingeholt, das gerade noch 19 Fahrer zählt. Michał Gołas, ein weiterer Sky-Fahrer, übernimmt die Führung. Auf den letzten 250 Metern eröffnen die Fahrer den Bergaufsprint. Kwiatkowski schwenkt nach rechts, reißt eine Lücke und führt die Gruppe durch die letzte Rechtskurve zur Linie. Martin, Thomas und Mollema liegen knapp dahinter, der Rest des Pelotons rollt kurz darauf ins Ziel. Geraint Thomas fuhr am Alto da Fóia ins Leadertrikot der Algarve-Rundfahrt – ein Formtest mit Aussagekraft. NACH DEM RENNEN Der Quick-Step-Teambus steht neben dem Café auf dem Berggipfel, ein paar Leute sitzen auf weißen Plastikstühlen draußen. Das Trikot des Lu xemburger Meisters offen und immer noch schweißüberströmt, wärmt sich Bob Jungels auf der Rolle ab. Er wurde Siebter, drei Sekunden hinter Kwiatkowski. „Du bist immer ein bisschen nervös, zumindest bin ich es“, beschreibt er Procycling, sobald er zu Atem gekommen ist, wie es ist, den ersten Berg der Saison zu fahren. „Du weißt nie, wie die Form ist, aber wie ich immer sage: Wenn du weißt, dass du ernsthaft 34 PROCYCLING | JANUAR 2019

trainiert hast, und im Rennen ein bisschen Glück hast, dann ist das Finale, was es ist.“ Auch Dan Martin schnappt nach Luft. Er schafft es nicht einmal zum Teamwagen von VAE Emirates, sondern stoppt mitten auf der Straße. „Tag zwei 2018, und es tut wirklich weh. Du spürst definitiv den Mangel an Renntagen, aber dafür ist dieses Rennen da“, sagt er. „Die Sprinterbeine sind noch nicht wirklich da. Es geht nicht wirklich darum, zu sehen, wie deine Form ist, es geht darum, Renntempo zu fahren. Das kannst du nicht trainieren. Du kannst nicht alleine 60 km/h fahren … Es ist Training für alle Sinne, all die automatischen Reaktionen, der Instinkt im Peloton, alles wird darauf hin trainiert, die nächsten große Rennen im März zu fahren.“ Als Drittplatzierter ist Geraint Thomas froh darüber, dass das Rennen bestätigt hat, was er bereits im Training wusste – dass er gut drauf ist. „Ich bin es gewohnt, die großen Ziele anzugehen, und du weißt genau, wo du stehst. Du bist ein paar große Rennen gefahren, du hast das ganze Training absolviert, alles ist analysiert und du weißt genau, wo du stehst und so … Wenn alles gut läuft, ist es das Ergebnis, das du erwartet hast. Doch so etwas wie das hier, der allererste „TAG ZWEI 2018, UND ES TUT WIRKLICH WEH. DU SPÜRST DEFINITIV DEN MANGEL AN RENNTAGEN, ABER DAFÜR IST DIESES RENNEN DA.“ DAN MARTIN, UAE EMIRATES Tag – da denkst du dir so, ich weiß es nicht. Es könnte echt gut laufen, es könnte echt schlecht sein. Es ist immer schön, wenn es gut läuft“, sagt er ein paar Tage nach der Etappe aus dem Sessel in der Hotellobby. Der Fóia erlaubt den Teams auch einen Blick auf den Fitnessstand ihrer Konkurrenten. Nach einem langen Winter und dem Zeitraum, in dem viele Fahrer das Team wechseln und sich einfinden müssen, bietet der erste große Anstieg des Jahres den Teams die Möglichkeit, einzuschätzen, wie ihre Rivalen die Rennpause verdaut haben – ob es jemanden gibt, der stark aussieht und auf den sie aufpassen müssen. Auch wenn es noch sehr früh im Jahr ist und der Fóia nicht der härtes- Fans in roten Mützen sammeln sich auf dem höchsten Berg der Algarve. te Anstieg ist, könnte es später im Jahr von Bedeutung sein, wer vorne mitfährt und wer Probleme mit dem Tempo hat. Kwiatkowski, Erster der Etappe und Gesamtsieger der Volta ao Algarve, beendete das Jahr mit den meisten Siegen im Team Sky – zu seinen neun Erfolgen gehörten der Gesamtsieg bei Tirreno– Adriatico und die Polen-Rundfahrt. Porte wurde derweil Zehnter am Fóia und hatte ein schwieriges Frühjahr, in dem er Paris–Nizza krankheitsbedingt auslassen musste. Besonders bemerkenswert ist vielleicht, dass der Fahrer, der an diesem Tag am Fóia die Führung des Rennens übernahm, Geraint Thomas war. Der Waliser hatte die Saison seines Lebens und gewann erst das Critérium du Dauphiné und dann die Tour de France. An der Algarve sagte er gegenüber Procycling, sein Lieblingsaufstieg sei Alpe d’Huez, der Berg, an dem er auf dem Weg zum Gesamtsieg die 12. Etappe der Tour gewann. Vielleicht sollten wir in Zukunft noch genauer darauf achten, was am Fóia passiert. JANUAR 2019 | PROCYCLING 35