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Procycling 01.19

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20 18 GERAINT THOMAS U

20 18 GERAINT THOMAS U pisch gewonnen hat. Wir treffen ihn am Tag des WM- Straßenrennens der Männer im Teamhaus von Sky an der Moyenne Corniche oberhalb von Monaco, und das Gelbe Trikot, das er für das Fotoshooting mitgebracht hat – das, das er am letzten Tag des Rennens trug –, sitzt ein bisschen enger als im Juli. Die Bräune hat etwas nachgelassen und die Ringe unter seinen Augen liegen an einem hektischen Programm mit öffentlichen Auftritten, internationalen Reisen und Partys – nicht an der Belastung, 170 Kilometer am Tag schneller als jeder andere in der Welt zu fahren. Er sieht ein bisschen zerzaust aus, aber das ungekämmte Haar und der Bart, der irgendwie immer so aussieht, als wäre er vier oder fünf Tage alt, sind tym zu Hause in einen Laden zu gehen und eine Flasche Milch zu kaufen, brauchte Geraint Thomas früher ein paar Minuten, aber jetzt kann es eine halbe Stunde dauern. „Jeder will ein Foto und ein bisschen plaudern“, sagte er. „Das ist schön, aber es ist auch schön, Abstand von all dem zu gewinnen.“ Jetzt im Moment, aus der Perspektive seines Stützpunktes in Monaco, wo das Nachglühen des Toursiegs, in dem er sich seit Juli sonnt, der herbstlichen Wärme der französischen Riviera entspricht, hat man nicht das Gefühl, dass die Freude über den Sieg beim größten Rennen der Welt durch den Druck des Ruhms getrübt ist. Thomas ist in Urlaubsstimmung. Er ist eigentlich in Urlaubsstimmung, seit er die Tour de France J A H R E R Ü C K B L S I C K für ihn – ich habe Thomas’ Hochzeitsfotos gegoogelt, und da sah er genauso aus. Thomas muss ähnlich wie ein anderer britischer Toursieger, Bradley Wiggins, nach Monaten der Konzentration abschalten. Er hat härter denn je gearbeitet, um die Tour zu gewinnen, aber er hat einen Deal mit seinem seelischen Wohlbefinden geschlossen, dass er, wenn es ihn nicht hängen lässt, wenn er monatelang wie ein Mönch lebt, eine Weile nett zu ihm ist. „Ich bin entweder eingeschaltet oder abgeschaltet“, erklärt er. „Dazwischen gibt es nichts. Es ist wie ein Lichtschalter. Ich bin entweder auf 100 Prozent und es gibt Fisch und Salat und Quinoa und sechs Stunden auf dem Rad und Äpfel. Oder es gibt alles andere – Burger und Pizza und Bier und alles.“ Die Burger und das Bier sind der einfache Teil. Der kompliziertere Teil ist offenbar, sich damit anzufreunden, ein Toursieger zu sein. Auf der einen Seite vermittelt Thomas dieselbe Mischung aus gutmütiger Ungläubigkeit und Weigerung, sich die Tatsache zu Kopf steigen zu lassen, dass er sich einem Kreis mit nur 24 lebenden Mitgliedern angeschlossen hat, wie schon auf der Pressekonferenz nach der Tour. Andererseits verarbeitet er einige der komplexeren Fragen rund um seinen Toursieg: ob er Chris Froome als Sky-Teamkapitän verdrängt und wie er das fast übermütige Selbstvertrauen, das damit einhergeht, der beste Fahrer der Tour zu sein, mit der Persönlichkeit des netten Jungen von nebenan in Einklang bringt. Thomas ist meiner Erfahrung nach immer mit einem zurückhaltenden, typisch männlichen Gleichmut an das Leben herangegangen. Er verbalisiert das mit einem nicht transkribierbaren Verschlusslaut, den er vielen seiner Antworten auf Fragen von Journalisten voranstellt – man könnte es „phwa“ schreiben, obwohl das „W“ eher ein „R“ ist. Es ist eine Art akustisches Schulterzu- KARRIERE-HÖHEPUNKTE THOMAS’ WEG ZUM TOURSIEG © Getty Images 2007 Mit gerade mal 21 ist Thomas der jüngste Fahrer am Start der Tour de France. Er leidet schrecklich bei der von Dopingskandalen überschatteten Rundfahrt und wird 139. mit fast vier Stunden Rückstand. 2010 Sky-Kapitän Wiggins steht im Fokus, doch Thomas wird Fünfter beim Prolog, dann Zweiter auf der schweren Kopfsteinpflaster-Etappe nach Arenberg. Er fährt zwei Tage im Weißen Trikot. 2011 Bei der Flandern-Rundfahrt wird er Zehnter, nachdem er es an der Muur in die entscheidende Gruppe ge - schafft hat. Bei Dwars door Vlaanderen ist er zuvor Zweiter geworden. Sieger beider Rennen: Nick Nuyens. 2012 Thomas konzentriert sich vorwiegend auf die olympischen Bahnrennen, lässt aber auch sein Talent aufblitzen, indem er beim ersten wie beim letzten Zeitfahren des Giro d’Italia jeweils Zweiter wird. 38 PROCYCLING | JANUAR 2019

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K GERAINT THOMAS „ICH BIN ENTWEDER EINGESCHALTET ODER ABGESCHALTET. ENTWEDER SECHS STUNDEN AUF DEM RAD ODER BURGER UND PIZZA UND BIER.“ cken, der Laut, den er von sich gibt, wenn ihm die Worte fehlen, um zu formulieren, was er fühlt. So beginnt er seine Sätze, wenn man ihn fragt, wie es ist, ein Tour-de-France-Sieger zu sein, oder wie er sich fühlte, als er mit dem Gelben Trikot auf den Schultern in Alpe d’Huez gewann. Das sagte er, als man ihn fragte, ob er dieses oder jenes Rennen hätte gewinnen können, wenn er nicht gestürzt wäre. Es klingt, als hätte er all das spielend ge- schafft. Er hat ein paar Jahre lang bei großen Rundfahrten sein Potenzial nicht nutzen können, aber Stürze und Pech haben sein Gleichgewicht nie gestört. Siege offenbar auch nicht. Alles hat sich 2018 für Geraint Thomas geändert, aber man muss sagen: er nicht. Thomas’ Toursieg war absolut dominant, von außen betrachtet. (Von innen war es eine andere Geschichte, aber dazu kommen wir später.) Er fuhr die ersten neun Tage vor den Bergen fehlerfrei, hatte immer die richtige Position, nie einen Reifenschaden, keinen Sturz und holte sogar hier und da ein paar Bonuspunkte. Nachdem er damit die Grundlagen für seinen Sieg gelegt hatte, schickte er sich an, in den Alpen eine uneinnehmbare Festung aufzubauen, indem er die Bergankünfte auf den Etappen 11 und 12 gewann. In La Rosière schüttelte er alle ab, und müsste man im Nachhinein einen einzelnen Moment herauspicken, in dem er die Tour gewann, wäre es dieser. In Alpe d’Huez gewann er den Sprint einer fünfköpfigen Gruppe. Im Zentralmassiv und den Pyrenäen hisste er seinen Rivalen zum Trotz eine Flagge auf seinem Schloss, indem er seinen Vorsprung verteidigte, ohne je den Eindruck zu machen, abgeschüttelt werden zu können. Ein Indiz, wie viel besser als alle anderen er war, ist, dass der Zweitplatzierte in Paris, Tom Dumoulin, erst im Zeitfahren am vorletzten Tag Zeit auf Thomas herausfahren konnte, wo der Holländer ihm harmlose 14 Sekunden abnahm. Das Rennen war, verglichen mit dem Rest von Thomas’ Karriere, ziemlich anomal. (Nicht auf diese Weise – Thomas ist doppelter Olympiasieger in der Mannschaftsverfolgung, daher hat er den Motor, und dem Vernehmen nach ist er der einzige Fahrer bei Sky, der es mit Froomes furchteinflößendem Trainingspensum aufnehmen 2013 Thomas zeigt Frühform mit einem Tagessieg bei der TDU plus drittem Schlussrang, doch alles deutet auf eine Klassiker-Karriere hin: Bei Omloop Het Nieuwsblad und E3 Prijs Harelbeke wird er jeweils Vierter. 2014 Dritter bei E3, Achter in Flandern und Siebter in Roubaix zeugen von Klassiker-Konstanz. Mit einem 22. Gesamtrang liefert er sein bis dato bestes Tour-Ergebnis ab, nach - dem Froome früh ausgeschieden ist. 2015 Der Sieg beim E3 ist sein Durchbruch bei den Klassikern. Er beeindruckt bei der Tour, wo er lange unter den besten Vier fährt, bevor er an der vorletzten Alpenetappe Zeit verliert. 2016 Mit Paris–Nizza gewinnt Thomas endlich ein WorldTour-Etappenrennen. Nur vier Sekunden trennen ihn am Ende von Alberto Contador, der es noch am letzten Tag mit einer langen Attacke versucht. © Getty Images, Joseph Branston (oben) JANUAR 2019 | PROCYCLING 39