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Procycling 01.19

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R Ü C K 20 18 J A H R E

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K GERAINT THOMAS kann.) Aber seine Straßenkarriere war von Stürzen und Pech unterbrochen. Er gab Mailand–San Remo, Paris–Roubaix, die Tour, den Giro, Paris– Nizza und andere Rennen nach Stürzen auf. Wenn er bei der Tour im Sattel blieb, fuhr er in den Diensten von Froome. Irgendetwas ging immer schief. Aber 2018 lief alles gut. Es hatte eine außergewöhnliche Wirkung auf sein Selbstvertrauen, und auf der letzten Bergetappe – über den Col d’Aubisque – genoss er den Kampf. „Froomey fiel zurück und ich blieb einfach vorn“, sagt er. „Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich auch viel Selbstvertrauen. Ich habe mir kürzlich einen Dokumentarfilm über Joe Calzaghe angeschaut, und da war ein Kampf, den zu gewinnen er im Begriff war, und er gab seine Deckung auf und stand seinem Gegner, wer auch immer das war, direkt gegenüber, und so habe ich mich gefühlt. Wie ein Boxer, der eine Show abzieht. Ich habe keine Show abgezogen, aber ich habe gedacht: Komm schon, Dumoulin, kommt schon, Roglic, zeigt’s mir.“ Er fügt hinzu: „So, wie ich die Tour gewonnen habe, hatte ich das Gefühl, es die ganze Zeit unter Kontrolle zu haben.“ Der Toursieg war unkompliziert, aber das heißt nicht, dass er einfach war. „Es war manchmal schwer“, sagt er. „Der härteste Tag war wahrscheinlich Alpe d’Huez. Es ist merkwürdig, weil ich an dem Tag gewonnen habe, aber da hatte ich die kritischste Phase, schon mitten auf der Etappe, als es gar nicht so hart war. Das zu überstehen, war sehr gut für mein Selbstvertrauen. Dabei dachte ich gar nicht an den Etappensieg, ich wollte nur in der Spitzengruppe und bei den besten Fahrern bleiben. Die Etappe zu gewinnen, während ich das Gelbe Trikot trug, war eine große Sache.“ Thomas schlug also seine Rivalen in verschiedenen Teams, indem er sich keine Blöße gab. Aber er musste auch einen in seinem eigenen Team schlagen. „ICH HABE MICH GEFÜHLT, WIE EIN BOXER, DER EINE SHOW ABZIEHT. ICH HABE GEDACHT: KOMM SCHON, DUMOULIN, KOMMT SCHON, ROGLIC, ZEIGT’S MIR. SO, WIE ICH DIE TOUR GEWONNEN HABE, HATTE ICH DAS GEFÜHL, ES DIE GANZE ZEIT UNTER KONTROLLE ZU HABEN.“ Geraint Thomas ist die Art von Toursieger, mit dem man sich vorstellen könnte, in den Pub zu gehen. Er mag Sport und unterhält sich gern über Sport, und sein Twitter-Feed ist eine Mischung aus Rugby, Fußball und Boxen, er ist aber nicht groß darin, sich Radrennen anzusehen. Wir verpassen die letzten 90 Minuten des WM-Straßenrennens, und es ist ihm völlig egal. Er ist umgänglich und nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Dieser letztere Aspekt seiner Persönlichkeit liegt vielleicht an seiner Erfahrung bei der British Cycling Academy und dem Team Sky, wo die Höhen und Tiefen dadurch abgemildert wurden, dass man ziemlich viel Bohei um den ganzen Prozess machte. Oder vielleicht ist er einfach so. „Ich glaube, es war immer in mir, eingeflößt von meinem Vater, ohne dass ich es überhaupt wusste“, sagt er. „Es ist die Art, wie er denkt und mit Dingen umgeht, und es ist die Art, wie ich denke und mit Dingen umgehe.“ Aber er ist gefühlsbetonter, als er sich anmerken lässt und als er wahrscheinlich selbst glaubt. Er war genauso überrascht von den Tränen, die bei dem Interview nach dem abschließenden Zeitfahren der Tour über seine Wangen liefen, wie wir. Pressekonferenzen und Standard-Interviews, wie man sie in der Mixed Zone für Journalisten bei der Tour bekommt, sind nicht generell gut für Thomas. Besonders bei den Tour-Pressekonferenzen in diesem Jahr neigte er zum Sicheren und sich Wiederholenden. Wenn er auf die Etappe zurückblickte, war er ausnahmslos zufrieden und angetan, wie es gelaufen war. Wenn er vorausblickte, wollte er es Tag für Tag angehen und sehen, wie es läuft. Er ist mehr in seinem Element bei entspannten oder spontanen Interviews, wo seine ungerührte Art und sein trockener Humor besser zum Ausdruck kommen. Aber das Interview, kurz nachdem praktisch klar war, dass er das Gelbe Trikot gewinnen würde, raubte Thomas all seine Verteidigungsmechanismen und sein Ego, und das erlaubte einen seltenen Blick auf den Radsport enthusiasten in seinem Inneren. Ich spreche ihn darauf an, nach dem Zeitfahren in Tränen ausgebrochen zu sein. „Ja“, sagt er. „Ich habe es das ganze Rennen lang unterdrückt und mich nicht hinreißen lassen. Da ich ein Fan bin und die Tour und den Radsport immer noch liebe und wusste, wie groß es war und was es bedeutete, habe ich das die ganze Zeit unterdrückt. Wenn du emotional wirst, kann deine Leistung stark schwanken. Wenn du dich einfach auf den Prozess konzentrierst, sind es höchstens zwei Prozent. Aber plötzlich hat es mich gepackt und ich dachte, shit, du hast gerade die Tour gewonnen. Und dann, buff, packt es dich.“ © Getty Images 2017 Bei der Vorbereitung auf sein Hauptziel dieses Jahres, den Giro, gewinnt Thomas mit der Tour of the Alps erstmals ein gebirgiges Etappenrennen. Im Endklassement liegt er sieben Sekunden vor Thibaut Pinot. 2017 Nach seinem sturzbedingten Ausscheiden beim Giro fährt Thomas beim Düsseldorfer Einzelzeitfahren ins erste Gelbe Trikot der Tour. Nach vier Tagen in Führung stürzt er im Jura und muss das Rennen aufgeben. 2018 Er dominiert das Critérium du Dauphiné trotz eines Sturzes im Prolog. Er wird Tages-Dritter, Zweiter, Zweiter und Fünfter und gewinnt nach dem Sieg im Teamzeitfahren mit einer Minute Vorsprung. 42 PROCYCLING | JANUAR 2019

© Joseph Branston JANUAR 2019 | PROCYCLING 43