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Procycling 01.19

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R Ü C K 20 18 J A H R E

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K CHRIS FROOME © Getty Images Wie behältst du die Saison 2018 in Erinnerung? Es war auf jeden Fall eine Achterbahn. Natürlich habe ich gute Erinnerungen an die Tour und wie toll das gelaufen ist – auch wenn es persönlich nicht ganz nach Plan lief. Nachdem ich gerade drei große Rundfahrten in Serie gewonnen hatte, war es eine besondere Erfahrung, mit G [Geraint Thomas] in Paris auf dem Podest zu stehen. Das war eine coole Art, den wichtigsten Teil der Saison abzuschließen. Es war auch eine sehr turbulente Zeit mit dem ungeklärten [Salbutamol-] Fall. Ich glaube, als der Fall im Gange war, wollte ich mir selbst nicht eingestehen, dass mir das zu schaffen machte. Ich versuchte, alles auszublenden – Scheuklappen aufzusetzen, den Kopf gesenkt zu halten und mich so gut wie möglich zu konzentrieren. Aber ich kann jetzt zugeben, dass ich einen Preis dafür gezahlt habe – durch den Frust – und dass meine Konzentration beeinträchtigt war, da es eine schwierige Situation war. Kannst du quantifizieren, wie groß die Beeinträchtigung war? Nein. Aber das Training war mir immer sehr wichtig, und wenn ich von einer Fahrt nach Hause kam, habe ich als Erstes die Daten hochgeladen und bin sie ein paar Minuten lang durchgegangen. Im vergangenen Jahr war das nicht so. Ich habe zwar immer noch mein Training gemacht, aber man kann von Glück sagen, wenn ich es überhaupt hochgeladen habe. Ich kam nach Hause und habe als Erstes auf meinem Smartphone nach Neuigkeiten in dem Fall gesucht. Ich bin extrem froh, dass wir der Sache auf den Grund gegangen sind. Wann hattest du das Gefühl, dass der Fall sich zu deinen Gunsten wendet? Sehr früh in dem Fall haben wir erfahren, dass es massive Fehler bei dem Test und der Art der Berechnung gab. Schon da gaben ja einige Leute, die den Test durchgeführt hatten, zu, dass er im Prinzip nicht aus den richtigen Gründen eingerichtet wurde und die Grenzwerte nicht das waren, was sie hätten sein sollen. Das hat mir sehr früh eine gewisse Zuversicht gegeben, dass wir der Sache auf den Grund gehen würden. Andererseits war es furchtbar, als es im Gange war, denn obwohl wir viele wissenschaftliche Beweise vor- „MEIN VERTRAUEN IST DURCH DIESEN FALL SCHWER ANGESCHLA­ GEN. BIS VOR KURZEM HABE ICH KEINE MÜHEN GESCHEUT, DIE ARBEIT DER WADA ZU VERTEIDI­ GEN, ABER SEITDEM IST DAS VERTRAUEN ERSCHÜTTERT.“ legten, haben sie gemauert. Es kam mir wirklich wie ein aussichtsloser Kampf vor. Erst in der letzten Woche, bevor ich schließlich freigesprochen wurde, sah es nach einer Wende aus. Wie viele Gedanken hast du dir über diesen positiven Test, der sich als falsch herausgestellt hatte, gemacht? Wie schlimm war es wirklich? Wenn man in meiner Position ist und so viel getestet wird wie ich – ich meine, ich bin in einem Jahr über 80 Mal getestet worden –, dann denkst du … bei all diesen Tests, und da man Reisen um die ganze Welt unternimmt, besteht ein gewisses Risiko, dass etwas auftaucht, was nicht da sein sollte, ob das von einer Lebensmittelverunreinigung oder sonst was kommt. Für jeden sauberen Fahrer ist das der größte Albtraum, und ich habe mir immer Sorgen deswegen gemacht. Ich kann das Gefühl gar nicht richtig beschreiben, als dieser Rechtsanwalt von der UCI mich anrief. In den ersten paar Sekunden glaubst du, das ist ein Kumpel, der sich einen Spaß mit dir erlaubt, aber dann ist es echt und gar nicht zum Lachen. Hast du Vertrauen zur WADA? Ich glaube, mein Vertrauen ist durch diesen Fall schwer angeschlagen. Und nicht nur für meinen eigenen Fall, sondern weil ich auch so viel über ähnliche Fälle und andere Athleten erfahren habe, deren Ruf durch ähnliche Fälle gelitten hat. Bis vor Kurzem habe ich keine Mühen gescheut, die Arbeit der WADA zu verteidigen, aber seitdem ist das Vertrauen ein bisschen erschüttert. Die Bestimmungen zu Salbutamol haben sich im WADA-Code 2019 nicht geändert. Ich habe jedenfalls nichts von irgendwelchen Veränderungen gehört, was einfach verrückt ist, weil sie schließlich in meinem Fall zu dem Schluss gekommen sind, dass die festgestellte Konzentration an Salbutamol einer therapeutischen Dosis entsprach – aber wenn eine therapeutische Dosis zu einem Wert über der Grenze führen kann, wie bei mir – warum gilt diese Grenze dann noch? Warum wurde das nicht geändert? Durch meinen Fall ist es natürlich öffentlich geworden, aber es gibt sicher noch andere. Es ist kein zufälliger oder einmaliger Fall. Es ist sehr überraschend. Um über den Sport zu sprechen – du sagtest 2016, du hättest nach dem Giro 2010 „keine Lust“, noch mal über den Zoncolan zu fahren. Wie siehst du den Berg jetzt? Es war eine Etappe, vor der ich mich beim diesjährigen Giro gefürchtet habe – wegen der Erfahrung mit dem Berg beim letzten Mal, im Jahr 2010. Ich weiß noch, dass es eine schreckliche Etappe war. Ich litt, ich fuhr mit einer Verletzung, und ich weiß noch, dass ich dachte, ich hätte den 48 PROCYCLING | JANUAR 2019

Gipfel wahrscheinlich nicht erreicht, wenn die Tifosi am Straßenrand mich nicht angeschoben hätten. Das war einer der Gründe, warum ich mir den Berg in diesem Jahr vorher angesehen habe und ihn tatsächlich in Renntempo hochgefahren bin. Dass ich beim diesjährigen Giro dort gewonnen habe, hat meine Sichtweise natürlich geändert. Ich habe ein paar ziemlich coole Erinnerungen. Wo rangiert deine Vorstellung am Finestre unter deinen anderen Kletter-Coups? In puncto Originalität auf jeden Fall ganz weit oben, denn ich glaube nicht, dass in jüngerer Geschichte irgendjemand eine große Rundfahrt auf diese Art gewonnen hat. Es war ein Alles-odernichts-Angriff, und es hätte so oder so ausgehen können. Eine ganze Kombination von Faktoren kam zusammen. Natürlich war es ein Risiko, denn wenn sich ein paar Jungs zusammengetan Froome überwand seine Angst vor dem Zoncolan und nutzte ihn als Sprungbrett zum Giro-Sieg. Freunde auf dem Podium: Froome freut sich mit Thomas über dessen Tour-Erfolg. und eine Aufholjagd organisiert hätten, hätte ich im letzten Anstieg nichts mehr zuzusetzen gehabt und sie wären an mir vorbeigerauscht. Ich war auch in einer Position, wo ich so weit zurücklag, dass es mein Rennen nicht wirklich geändert hätte, wenn ich bis zum letzten Anstieg gewartet hätte. Selbst wenn ich eine Minute herausgefahren hätte, hätte ich das Rennen nicht gewonnen. Aber in dem Moment, wo ich angriff, wusste ich nicht, wie es ausgehen würde. Wie erschöpft bist du in die Ruhephase vor der Tour gegangen? Es ist nicht unbedingt, was das Rennen dir abverlangt, aber es ist ein ganz anderer Stimulus für deinen Körper. Normalerweise konzentrieren wir uns während der Giro-Periode darauf, bereit zu sein für die Tour, indem wir auf dem Vulkan in Teneriffa sind, wo du deinen Körper auf sehr maßvolle und kontrollierte Art auf ein bestimmtes Niveau bringen kannst. Wenn du den Giro fährst, verausgabst du dich total und baust dich eigentlich nicht für etwas auf, sondern zerstörst dich ein bisschen selbst. Es ist nicht so sehr die Erschöpfung, es ist die zeitliche Nähe des Giro zur Tour. Es ist nicht optimal, sich fünf oder 2017 23. Juli Froome gewinnt seine 4. Tour de France mit 54 Sekunden auf Rigoberto Urán. 10. September Froome gewinnt zum ersten Mal die Vuelta. 20. September Er wird Dritter der Zeitfahr-WM und e r- fährt von seinem zu hohen Salbutamol- Wert bei der Vuelta. 13. Dezember The Guardian und Le Monde bringen die Nachricht von Froomes positivem Test. © Kramon JANUAR 2019 | PROCYCLING 49