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Procycling 01.19

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AUF NUMMER SICHER Marcel

AUF NUMMER SICHER Marcel Sieberg ist als treuer und loyaler Helfer eine absolute Idealbesetzung. Doch manchmal erfordern die Wendungen des Schicksals auch unangenehme Entscheidungen. So wie in diesem Jahr. Interview Chris Hauke Fotografie Getty Images Für den 36-Jährigen endet 2018 mit dem größten sportlichen Umbruch seiner Karriere. Nach elf gemeinsamen Jahren trennen sich die Wege von „Sibi“ und André Greipel. Der Auslöser war ein geschasster Kurzzeit-Manager – der Nutznießer ein junger deutscher Sprinter aus Bocholt. Marcel, du wechselst 2019 zu Bahrain- Merida. Wann war dieser Entschluss klar und wie kam es dazu? Der Deal war zur deutschen Meisterschaft klar, eine Woche vor der Tour de France. André und ich haben zu diesem Zeitpunkt gemeinsam gesucht, denn unser Ziel war es immer, weiter zusammen zu fahren. Wir sind beide 36. Für mich war allerdings auch wichtig, dass ich vor der Tour etwas habe – und das auch gerne fest. Ich fahre sehr ungern zur Tour, wenn alles ungewiss ist und dann vielleicht nicht klappt. Als Paul De Geyter [Manager bei Lotto Soudal ab Anfang 2018] reinkam, hat er mir signalisiert, dass er mit mir für die Zukunft plant – er mir allerdings erst vor der Tour etwas Genaues sagen könnte. 54 PROCYCLING | JANUAR 2019

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K MARCEL SIEBERG Spaß muss auch mal sein – Marcel Sieberg bei der Abu Dhabi Tour im Februar. Ab 2019 werden die Wüstenrennen eine ernstere Angelegenheit für ihn werden. Was passierte dann? Zwei Wochen vor der Tour habe ich mir gedacht: Jetzt könnten wir den guten Herrn doch mal anhauen und nachfragen. Er hat mir dann mitgeteilt, dass er mir nichts anbieten könne. Ich war natürlich sehr enttäuscht, dass ich bei Lotto nichts mehr bekommen würde. Wenn man allerdings auch meine Arbeit nicht zu schätzen weiß, dann ist es besser, dass sich die Wege trennen. Daraufhin hat mein Manager noch mal zwei Teams angeschrieben. Darunter Bahrain-Merida. Bahrain-Merida hatte mich im März schon mal angesprochen, als klar war, dass Phil Bauhaus dort hinwechselt. Er kommt wie ich aus Bocholt [wo Sieberg seit vielen Jahren wohnt], wir haben dazu denselben Manager. Phil konnte ein, zwei Fahrer mitbringen und hat mich gefragt – obwohl ihm klar war, dass ich wohl bei André bleiben würde. Daher habe ich ihm auch signalisiert, dass ich nicht zusagen werde, und in der Sache nichts weiter unternommen. Als dann die Absage von Lotto kam, hat mein Manager Bahrain-Merida noch einmal kontaktiert, und dann ging alles relativ schnell. Es war wie ein Sechser im Lotto, dass die Stelle noch frei war. Am Freitag hatte ich das Angebot vorliegen und musste mich bis zur deutschen Meisterschaft am Sonntag entscheiden. Ich wollte da auch nicht großartig pokern, denn ich bin ein Mensch, der auf Sicherheit geht. Ich habe eine Familie, zwei Kinder. Was passiert, wenn aus dem gemeinsamen Wechsel nichts wird? Von daher habe ich das Angebot angenommen, ohne großartig zu überlegen. Dennoch muss dieser Schritt schwer gewesen sein. Ich habe mich schon gefragt: Wie bringe ich das André bei? Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, auf der anderen Seite musste ich jetzt Nägel mit Köpfen machen. Ich wollte 2019 nicht arbeitslos sein, sondern das tun, was mir Spaß macht und was ich kann. Bei der deutschen Meisterschaft habe ich mit André gesprochen und ihm dabei erklärt, wie sehr ich von Lotto enttäuscht war. Ich freue mich auf die neuen Aufgaben, auch wenn ich meine Karriere nach elf gemeinsamen Jahren gerne mit ihm beendet hätte. Stattdessen schlägst du ein neues Kapitel auf und unterstützt mit Phil Bauhaus einen aufstrebenden Sprinter, der mit 24 Jahren noch eine lange Karriere vor sich haben könnte. Es ist eine komplett andere Aufgabe, auf die ich mich freue, für die ich mich aber auch umstellen muss. Ich kenne Phil schon lange und denke, dass er noch etwas braucht, um zum Weltklassesprinter zu werden. Bei dem einen oder anderen Rennen hat er ja schon gezeigt, dass er fähig ist, große Sprinter zu schlagen – etwa bei der BinckBank Tour 2018, wo er bei der ersten Etappe nur ganz knapp gegen Peter Sagan verloren hat [oder in Abu Dhabi, wo er Marcel Kittel hinter sich ließ]. Haben Rennen wie die in Abu Dhabi oder im Oman einen besonderen Stellenwert für ein Team wie Bahrain-Merida? Ich glaube schon, dass eine UAE-Tour [Zusammenschluss von Dubai Tour und Abu Dhabi Tour, wird 2019 zum ersten Mal ausgetragen] sehr wichtig ist für Bahrain-Merida. Das ist quasi so etwas wie Het Volk oder Kuurne–Brüssel–Kuurne für Lotto Soudal. „ES WAR WIE EIN SECHSER IM LOTTO, DASS DIE STELLE NOCH FREI WAR. ICH WOLLTE DA AUCH NICHT POKERN.“ Bist du die Wüstenrennen schon gefahren? Früher bin ich immer Katar gefahren, auch mal Oman, dieses Jahr mit André außerdem Abu Dhabi. Ich weiß also, was da abgeht, und freue mich darauf. Es sind auf jeden Fall schöne Rennen. Abu Dhabi war als Vorbereitung ein bisschen zu einfach, da fährt man lieber ein bisschen mehr im Wind, als man eigentlich müsste oder sollte, weil man dann einen höheren Trainingseffekt hat. Aber wenn man nächstes Jahr mehr Druck hat, weil es halt ein wichtiges Rennen für das Team ist, dann versteckt man sich natürlich ein bisschen und versucht eher, die Körner zu sparen und am Ende die Etappe zu gewinnen. Hast du schon konkrete Ziele für 2019? Paris–Roubaix ist jedes Jahr ein Ziel von mir. Davor würde ich gerne einfach gut mit Phil in die Saison einsteigen. Traust du dir auf dem Pavé in Richtung Roubaix noch mal eine solche Vorstellung zu wie 2016, als du Siebter wurdest? Ich werde es zumindest versuchen. Aber dazu muss alles super laufen. Ein Defekt zum falschen Zeitpunkt oder gar ein Sturz, schon ist die Sache gelaufen. Ich bin halt kein Fabian Cancellara, der zwei Minuten zufahren kann. Mit ein bisschen Glück kann es dann mit einem Top-Ten-Platz klappen. So ein Rennen ist ja immer auch ein Roulettespiel – aber das ist nicht nur bei mir so, sondern bei allen Fahrern gleich. Außer natürlich, wenn man Tom Boonen oder Peter Sagan heißt. Es gibt vielleicht eine Handvoll Fahrer, die es schaffen, wiederzukommen und trotzdem noch Fünfter zu werden. Aber so einer bin ich nicht. Bei mir muss dazu alles hundertprozentig passen. Sieberg rollt über sein bevorzugtes Terrain, als die Tour im Juli Pavé-Sektionen von Paris–Roubaix passiert. Dort will er 2019 noch einmal angreifen. JANUAR 2019 | PROCYCLING 55