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Procycling 01.19

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R Ü C K 20 18 J A H R E

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K ROBERT WAGNER DER NEUE MANN Unverhofft kommt … zumindest manchmal. Als sich Robert Wagner schon fast mit seinem Abschied aus dem Peloton abgefunden hatte, meldete sich André Greipel. Das Ergebnis: Statt der Schulbank wird der Magdeburger noch mindestens ein Jahr den Radsattel drücken – Motivationsschub inklusive. Interview Chris Hauke Fotografie Getty Images Robert, nach sechs Jahren bei LottoNL– Jumbo drohte das Ende deiner Profikarriere. Wie hat sich diese Entwicklung abgezeichnet? Da muss ich ein bisschen weiter ausholen: Nach der Tour de France 2017, als wir mit Dylan Groenewegen auf den Champs-Élysées erfolgreich waren, habe ich gemerkt: Die Tour ist knüppelhart – ganz anders als alle anderen WorldTour-Rennen. Die sind auch hart, aber die Tour ist Wahnsinn. Ich habe Dylan gesagt: Du bist ein aufstrebender Stern, in der Zukunft brauchst du Leute, die dir weiterhelfen können. Für mich ist das Rennen nicht so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe. Dementsprechend hat auch das Team reagiert und wir haben auch offen darüber gesprochen. Ich bin sehr dankbar für die sechs Jahre, das ist kein böses Nachtreten, denn ich halte nach wie vor große Stücke auf LottoNL–Jumbo. Aber somit wurde entschieden: Ich helfe Danny van Poppel [kam 2018 zum Team] in den Sprints, außerdem sollte ich zum Giro gehen. Woraus aber nichts wurde. Weil eine Schwangerschaft dazwischengekommen ist. Obendrein bin ich bei Tirreno–Adriatico krank geworden, und damit begann so ein bisschen die Misere. Tirreno liegt ja dicht vor den Klassikern. Das konnte ich nicht mehr kompensieren. Ich bin für die Klassiker ohnehin kein Ergebnisfahrer, sondern Helfer. Ich bin teilweise nur noch eingesprungen und habe mich an den Start gestellt, obwohl vorher klar war, dass ich nur 100 Kilometer fahre oder an der Verpflegung aussteige. Wenn du so ins Rennen gehst, eigentlich nur als Lückenfüller, dann ist das Mist. Das war mein Frühjahr. Also nichts. Dann hieß es: Bereite dich auf den Giro vor. Doch mittlerweile war meine Lebensgefährtin hochschwanger. Das Kind war ausgerechnet für das Ende der letzten Giro-Woche, doch es hieß auch: Es kann sein, dass es eher kommt. Darauf sagte das Team: „Fahr den Giro nicht. Vom Kopf her musst du dafür bei 110 Prozent sein.“ Dann sollte ich zur Dauphiné fahren. Doch auch die fiel für dich aus. Da hat mich mein Sohn rausgehalten. Der wurde genau auf der ersten Etappe der Dauphiné geboren. Somit war auch die passé. Dann bin ich noch zwei Wettkämpfe im Juni gefahren, aber das Kind zu bekommen, ist für mich das absolut Größte gewesen. Und so habe ich viel Zeit mit meinem Sohn und meiner Familie verbracht. Ich habe zwar auch trainiert, aber du trainierst in einer solchen Situation anders, da gibt es andere Prioritäten. Jedenfalls war klar: kein Giro. Auch zur Tour war ich nicht vorgesehen, weil Dylan seine eigenen Leute um sich herum hat. Somit habe ich nur noch den August und den September zur Verfügung gehabt. Damit wurde die Luft für eine gute Saison ziemlich dünn. Schon im Juni gab es ein offenes und ehrliches Gespräch mit dem Team. Mein Trainer Merijn Zeeman sagte mir: „Ich habe keine guten Nachrichten. Dein Vertrag als Fahrer wird nicht verlängert.“ Aber das war für mich irgendwo auch logisch. Ob Dylan, Primož Roglic oder Steven Kruijswijk – das Team hat in den letzten drei Jahren einen enormen Schritt gemacht. Man hat mir dabei aber auch signalisiert, dass es vielleicht eine andere Lösung geben könnte, bei der ich mit Lotto „ICH HABE LUST AUF FRANKREICH, ICH HABE LUST, MIT ANDRÉ NOCH MAL ANZUGREIFEN. ICH HABE WIRKLICH RICHTIG BOCK AUF DIE NEUE SAISON.“ verbunden bleibe – etwa mit einem Nachwuchsteam. Doch das gibt es bisher noch gar nicht. Im Juli hat mich dann André angerufen, kurz nachdem er aus der Tour de France ausgestiegen ist. Wir beide kennen uns, seit wir U13 fahren, und haben immer Kontakt gehabt. Er sagte: „Ich werde mein Team wechseln und gehe zu Fortuneo. Wie sieht es bei dir aus? Ich möchte gerne, dass du mitkommst.“ Das war für mich schon auch eine Ehre, denn ich hatte schon fast mit meiner Profikarriere abgeschlossen. Jetzt schaust du mit neuer Motivation auf kommende Aufgaben … Richtig. Ich habe Lust auf Frankreich, ich habe Lust, mit André noch mal anzugreifen. Sein Anruf hat mir einen Motivationsschub gegeben, ich habe jetzt wirklich richtig Bock auf die neue Saison. Was hättest du sonst gemacht? Ich hätte ein Studium angefangen – wobei Studium vielleicht ein bisschen viel gesagt ist. Es nennt sich „Master in Coaching" und wird am Johan Cruyff Institute in Amsterdam angeboten. Das ist eine Ausbildung, die von September bis Juli dauert 56 PROCYCLING | JANUAR 2019

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K ROBERT WAGNER und mich in die Richtung weiterbildet, die ich später mal anstrebe: Sportlicher Leiter oder Coach. Wie gesagt, mit LottoNL–Jumbo hätte es noch Optionen gegeben – zwar [noch] nicht als Sportlicher Leiter, aber vielleicht als Sponsoren- Betreuer. Ich denke, heute geht es als Sportlicher Leiter nicht nur darum zu sagen, von wo der Wind kommt. Es ist mehr: Man trifft in einem Team auf verschiedene Charaktere, und wenn man ausgebildet wird, wie man auf verschiedene Charaktere eingeht, dann kann man auch ein guter Coach sein – und lernt vor allen Dingen viel über sich selbst. Das ist jetzt erst mal aufgeschoben, zumindest bis zum kommenden September. Machen werde ich es aber sowieso. Wie würdest du deine Rolle im Team beschreiben? Mit welchen Vorstellungen gehst du zu Arkéa-Samsic, wie die Mannschaft ab 2019 heißen wird? Ganz klar: Ich verdanke meinen Job André. Hätte er mich nicht angerufen, dann wäre ich auch nicht da. Ich gehe also dahin, um so viel wie möglich für André zu machen und ihn zu unterstützen. Ob das jetzt als letzter Mann ist oder nicht – in irgendeiner Form bin ich in die Sprintvorbereitung involviert. Meine Philosophie ist – und das war auch bei Lotto so: Man muss nicht immer an seiner Position festhalten oder der Leadout-Mann sein, zumindest nicht in der Kategorie, in der ich spiele. Maximiliano Richeze von Quick-Step, das ist ein richtiger Leadout-Mann – für mich der beste, den es gibt. In Deutschland haben wir Rüdiger Selig, auch der ist ein echter Leadout-Mann. Die sind da noch ein bisschen besser. Ich habe meine Qualitäten vielleicht eine oder zwei Positionen davor. Von daher muss man da auch ein bisschen flexibel sein. Unterm Strich geht es darum, dass der Sprinter bestmöglich unterstützt wird, damit er in eine Position kommt, von der er frei sprinten kann, und eine Chance hat, um den Sieg mitzukämpfen. Vielleicht kannst du mit André ja deinen 2017er-Triumph auf den Champs-Élysées wiederholen. Ich werde mich auf jeden Fall so vorbereiten, als ob ich die Tour fahre. Wenn ich dabei bin, werde ich natürlich auch mein Bestes geben, und das hoffentlich bis Paris. Der Idealfall wäre natürlich – als absolute Kirsche auf der Torte –, wenn wir dort noch mal einen raushauen könnten. Auch wenn sein Frühjahr durchwachsen war, trug Robert Wagner seinen Teil zum Sieg von Primož Roglič bei der Tour de Romandie Ende April bei. JANUAR 2019 | PROCYCLING 57