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Procycling 01.19

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„WIR SIND ALLE

„WIR SIND ALLE HEISS.“ Nach einer überragenden Saison 2017 lief das vergangene Jahr alles andere als rund für den deutschen Sprintstar Marcel Kittel. Bei der Teampräsentation in Koblenz haben wir den Arnstädter getroffen und zu seinen Plänen befragt. Mit Erik Zabel wird ihm und seinen Kollegen 2019 ein neuer „Performance Manager“ zur Seite stehen. Interview Caspar Gebel Fotografie TKA/Kathrin Schafbauer 58 PROCYCLING | JANUAR 2019

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K MARCEL KITTEL Marcel, wie fühlst du dich sportlich und körperlich, auch im Vergleich zum Jahr davor? Ich fühle mich gut. Ich bin happy, dass ich jetzt auch schon wieder eine Weile auf dem Rad sitze. Dass ich gut trainiere und merke, was ich auf dem Rad mache, kommt auch an als Verbesserung – ich fühle mich sozusagen jeden Tag ein bisschen besser. Und ich merke einen Unterschied zwischen dem, wie ich mich manchmal während der Saison gefühlt habe. Ich denke, es war eine gute Entscheidung, die Saison tatsächlich zu beenden und mir die Zeit zu nehmen. Du hast dich medizinisch durchchecken lassen, Dinge wie eine Zahnentzündung standen im Raum. Hat sich da etwas ergeben? Zum Glück nicht. Ich bin froh über die Diagnose, nichts zu haben, und bin der Empfehlung nachgegangen, einfach mal ruhig zu machen. Meinst du, dass die Erwartungen an dich ziemlich hoch waren und dass man auch ordentlich auf dich eingeschlagen hat? Das hat man schon gemacht, sicher. Aber was soll ich jetzt machen? Das ist vielleicht Teil des Geschäfts – ich sage nicht, dass es schön ist oder schön war und habe auch nicht für alles Verständnis gehabt, egal, aus welcher Richtung es kam. Aber letzten Endes muss ich da drüberstehen und habe mich auch damit abgefunden. Ich weiß, von wo das kam, und wenn es dann mal wieder besser läuft, habe ich diese Erfahrung auch schon durch und weiß, auf welchen Schulterklopfer ich verzichten kann. Was hat sich in Sachen Training und Saisonplanung geändert? Die Saisonplanung ist noch nicht durch. Ich habe eine Idee im Kopf, die ich noch mit dem Team besprechen muss, aber ich werde sicher keine Experimente machen, weil 2019 ein wichtiges Jahr ist. Zum Training: Ich komme mit unserem neuen Trainer Kevin [Poulton] super klar, das Training schlägt gut an und wir trainieren auch sehr viel fürs neue Jahr. Wir sind alle heiß, ich bin heiß und ich freue mich, wenn es losgeht. Machst du dir Gedanken darüber, dass immer wieder junge Sprinter nachkommen und du dich als Älterer behaupten musst? Das ist eine Geschichte, die gerne von außen an den Rennfahrer herangetragen wird. Zum Beispiel, dass ich jetzt die magische 30 feiere. Das wird aber alles etwas hochgekocht. André Greipel ist ein gutes Beispiel für einen Sprinter, der lange erfolgreich ist, und wenn man dann in andere Sportarten guckt – Jan Frodeno hat seine größten Erfolge spät in seiner Karriere gefeiert. Ich bin zwar 30 und es kommen viele Junge hoch, aber das ist kein Grund zu sagen: Ich denke jetzt mal über den Abschluss nach. Es motiviert mich, man hat mehr Konkurrenz, klar muss man sich durchsetzen, aber das habe ich früher gekonnt und das werde ich auch in Zukunft tun. Weißt du schon, wie sich die personellen Veränderungen im Team auf dich auswirken werden, gerade was die Unterstützung bei den großen Rundfahrten angeht? Erst mal müssen wir das Rennprogramm besprechen. Die Leute, die gekommen sind, muss ich zum Teil erst mal kennenlernen. Die Intention ist definitiv, dass wir als Team an etwas arbeiten. Das ist zumindest meine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Mannschaftsarbeit. Deswegen freue ich mich darauf und bin gespannt, wie es sich entwickeln wird. Wie siehst du deine Rolle abseits vom rein Sportlichen, wenn es darum geht, Imageträger für den Sponsor und fürs Team zu sein? Interessante Frage. Ich habe mir darüber nie große Gedanken gemacht, und es ist auch nie meine Intention gewesen, Radprofi zu werden oder bekannt zu werden. Mir fällt es schwer, das von außen zu betrachten – ich bekomme Nachrichten von Freunden, die sagen: Hey, du bist wieder im Fernsehen. Oder: Ich sehe einen Pappaufsteller in einer Drogerie von Alpecin, da bist du drauf. Und dann schicken sie ein Selfie. Das gehört auch dazu, und man sieht dann erst mal, was es für Auswirkungen hat – in dem Jahr zumindest, unabhängig von dem Erfolg, den man im dem Jahr hat, denn es basiert ja immer auf Erfolgen, die vorher passiert sind. Das Nonplusultra ist aber nach wie vor der Erfolg im Rennen. Ohne den bist du ganz schnell weg vom Fenster, und sich darauf zu verlassen, auch so im Gespräch zu sein, ist der falsche Weg. Als Sprinter gewinnst du oder du verlierst. Über den zweiten Platz wird nicht geredet, anders etwa als bei einem Klassiker. Ist das nicht ein bisschen ungerecht? Da kann man darüber jammern, aber am Ende geht es ja nun mal darum, zu gewinnen. Ich will nicht viermal Zweiter werden, ich will viermal gewinnen. Aber man muss nicht immer alles schlechtreden. Ich denke, dass es auch viele gute Leistungen gibt, auch wenn es nicht immer der Erfolg ist, aber trotzdem willst du das Foto haben, wo du die Arme hochreißt, und nicht das, wo du als Zweiter über den Zielstrich rollst und ein anderer die Arme hochreißt. Das ist schon so; wenn man Angst davor hat, sollte man es nicht machen. Was sagst du zum Weggang von Tony Martin? Ich finde es schon schade. Es ist halt ein professio - neller Sport und Tony hat sich neu orientiert, und ich habe absolut Respekt dafür. Es ist auch immer mal wichtig, sich eine Challenge zu suchen. Das hat er jetzt eben gemacht – aber das Gute ist: Ich sehe ihn ja immer noch regelmäßig. ERIK ZABEL Der neue Performance Manager über … … seine Aufgabe bei Katusha-Alpecin: Die Idee ist, als Bindeglied und Kommunikator zwischen den Fahrern und der Sportlichen Leitung zu agieren. … den Grund dafür: Es ist ja kein Geheimnis, dass sowohl das Team, die Rennfahrer, die Teamleitung, aber auch die Partner, zum Beispiel Alpecin und Canyon, nicht wirklich zufrieden waren mit der 2018er Saison. Canyon ist im siebten Jahr Bike-Partner, und wir verstehen das Sponsoring wirklich als Partnerschaft. … seine Einschätzung zu Marcel Kittel: Wir sind alle davon überzeugt, dass das Potenzial, das Talent und die Stärke von Marcel Kittel nicht verloren sind. … die Schwierigkeiten 2018: Das Hauptproblem war nicht nur die Tour, sondern, wenn man ehrlich ist, es waren ganz weite Strecken der Saison. Natürlich ist gerade in Deutschland die Tour immer noch das Highlight, wo dann der Radsport für einen kurzen Moment in den Fokus rückt, aber die Problematik gab es ja bei vielen Rennen. Letzten Endes geht es nur darum, den Rennfahrern zu helfen, ihren Job zu machen. Die Rennfahrer sind die Hauptpersonen – nach wie vor –, und ich denke, es ist wichtig, dass sie einerseits fit sind und überhaupt in der Lage dazu, im Rennen agieren zu können, also nicht nur darauf zu reagieren, was die anderen machen. Und andererseits, dass das Selbst vertrauen zurückkommt. … einen Lichtblick, der Hoffnung macht: Wer mich überrascht hat, war Nathan Haas: Er ist am Beginn der Saison gut gefahren und auch noch mal zum Ende in der Türkei. Ich persönlich denke, dass es gut und wichtig ist, den Schwung mitzunehmen. JANUAR 2019 | PROCYCLING 59