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Procycling 01.19

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R Ü C K 20 18 J A H R E

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K ARDENNENKLASSIKER Die hügeligen Klassiker des Frühlings, Amstel Gold Race, Flèche Wallonne und Lüttich–Bastogne–Lüttich, wurden in den letzten Jahren wegen ihres vorhersehbaren Rennverlaufes kritisiert. Unerbittliche Kletterpartien und (abgesehen von den jüngsten Ausgaben von Amstel) Hügelankünfte begünstigen in der Regel bergstarke Teams, die das Feld zusammenhalten bis zum unvermeidlichen Steigungssprint. Für die Fans spannenden Rennsports gab es 2018 jedoch einen Hoffnungsschimmer. Michael Valgren gewann Amstel nach einem späten Ausreißversuch, und Bob Jungels gewann Lüttich mit einem langen Soloritt. Aber wie auch immer die Rennen enden, niemand würde jemals ihre schiere Härte leugnen. Die langen Distanzen von Amstel und Lüttich sowie die zahlreichen Anstiege verleihen ihnen verdient ihren Status als Klassiker. Wie einige Trainer sagen, sind diese beiden Rennen die härtesten Tage der gesamten Rennsaison. Auf der jährlichen Science and Cycling Conference an der Universität Nantes im Juli wurde das von Dan Green bestätigt, ehemals Leiter der Leistungsanalyse bei BMC Racing und jetzt bei Dimension Data. „Man könnte denken, es sind Flandern, Roubaix oder gar Mailand–San Remo, aber ich habe die Daten, um es zu beweisen“, sagte er. EIN BISSCHEN TLC 595 W Leistung produzierte Valgren 1:26 Minuten lang am Cauberg beim Amstel Gold Race Besagte Daten stammen von Leistungsmessern der Fahrer, aber die Wattzahlen selbst sind ohne Analyse und Kontext schwer zu interpretieren. Programme wie Training Peaks werden dafür verwendet, aber Green hat seine eigene Software namens TLC (Total Load of Cycling) entwickelt. „Ich habe Tausende von Fahrten mit TLC ausgewertet und Amstel zeigte Spitzenwerte von 650 Punkten, Lüttich als nächstes 590. Gent–Wevelgem folgte, danach kamen Roubaix, Flandern, Mailand–San Remo und schließlich die Lombardei-Rundfahrt.“ Diese Punktewertung ähnelt dem Training Stress Score (TSS) von Training Peaks. Beide Werte quantifizieren den Schwierigkeitsgrad einer Fahrt, basierend auf Intensität und Dauer. Sowohl bei TLC als auch TSS wird eine Stunde hartes Training mit 100 Punkten bewertet. Es gibt jedoch zwei signifikante Unterschiede, die Amstel und Lüttich zu den Spitzenreitern machen. Green sagt, dass TLC empfindlicher auf die Anforderungen des professionellen Rennsports reagiere, wo kleine Leistungssteigerungen große Unterschiede hervorbringen können, besonders bei Eintagesrennen. Zum anderen verwende TSS Durchschnittswerte aus 30 Sekunden langen Abschnitten. „Das glättet die Daten und reduziert eine riesige Datenmenge über 700 Watt, da 30 Sekunden oft zu lang sind, als dass ein Fahrer sie halten könnte. Bei den Klassikern, insbesondere in den Ardennen, erreichten die Fahrer 700 bis 1.000 Watt für fünf bis zehn Sekunden – aber nicht für 30. Einige dieser Jungs könnten in einem Rennen bestimmt sechs Minuten lang über 700 Watt erreichen, aber das kann man einfach nicht berücksichtigen“, sagt Green. „Diese kurzen Leistungsspitzen beziehen sich auf das, was wir die anaerobe, aerobe und ausdauernde Komponente des Fahrens nennen. In Bezug auf die Leistung zeichnet einen typischen Klassiker-Fahrer Folgendes aus: Die anaerobe Leistung liegt über 550 Watt, die aerobe Leistung liegt zwischen 260 und 550 Watt und die Langzeitausdauer liegt unter 260 Watt. Für einen Kletterer könnten diese Zahlen wie folgt lauten: anaerobe Leistung über 500 Watt, aerob von 220 bis 500 Watt und Langzeitausdauer unter 220 Watt.“ In Greens Modell ist die Langzeitausdauer der Bereich, in dem ein Fahrer ohne Überanstrengung fahren kann, während er Fett als primäre Energiequelle verwendet. Aerob fordert mehr und nutzt einen größeren Anteil des Kohlenhydratspeichers des Körpers – Glykogen. Glykogenspeicher sind deutlich schneller verbraucht als Fettspeicher. Dann gibt es noch die anaerobe Schwelle, oberhalb derer Energie ohne Nutzung von Sauerstoff erzeugt wird. „Vor allem Klassiker haben aufgrund ständiger Geschwindigkeitsänderungen eine viel höhere anaerobe Komponente als Etappenrennen", sagt Green. „Beim Amstel waren von diesen 650 Punkten 205 (32 Prozent) unter anaerober Belastung. Es gab weitere 355 aerobe Punkte (54 Prozent) und nur 87 (14 Prozent) im einfacheren Ausdauerbereich.“ Dies können wir nun mit dem jährlichen Pensum der BMC-Fahrer vergleichen. Im Durchschnitt war jeder Fahrer 876 Stunden im Sattel und fuhr über 27.500 Kilometer mit 326 Höhenkilometern. Alle Fahrten summieren sich zu einer Gesamtzahl an TLCs von 50.000 Punkten, von denen nur 14 Prozent im anaeroben Bereich waren. © Kramon Astana-Fahrer Valgren gewinnt den Sprint beim Amstel Gold und freut sich angemessen. 76 PROCYCLING | JANUAR 2019

AMSTEL VS. LÜTTICH Josu Larrazabal, Performance Manager bei Trek-Segafredo, analysiert die Daten von Tsgabu Grmay, um den Schwierigkeitsgrad beider Rennen zu bewerten. AMSTEL GOLD RACE Durchschn. Leistung 230–250 W Durchschn. Puls 70–75 % Höhenmeter 3.300 Max. Dauerleistung 40–45 min > 7 W/kg Schlüsselstellen Anstiege von 1–5 min Länge LÜTTICH– BASTOGNE– LÜTTICH Durchschn. Leistung 230–250 W Durchschn. Puls 70–75 % Höhenmeter 4.000 Max. Dauerleistung 25–35 min > 7 W/kg Schlüsselstellen Anstiege von 1–10 min Länge Beide Rennen zeichnen sich durch eine lange Reihe von Anstiegen und Belastungen aus. Schlüsselstellen beim Amstel Gold dauern nicht länger als fünf Minuten – in Lüttich sind es zehn. Das ist der Hauptunterschied zwi schen den gepflasterten Klassiker-Fahrern, die bis zu fünf Minuten lang stark klettern kön nen und beim Amstel Gold gut abschnei den, und den eigentlichen Bergfahrern. Das bedeu tet, dass die in Lüttich erfolgreichen Fahrer stärkere und schnel lere Kletterer sind. Die längeren Anstiege gestalten den Rennver lauf konstanter mit we - niger Zeit in Spitzen bereichen von über sie ben Watt pro Kilogramm und hoher Trittfrequenz, aber es wird mehr Zeit im Bereich über 90 Prozent der maximalen Herzfrequenz verbracht. Die Schlussfolgerung von Green wird vom ehemaligen HTC-Highroad-Coach Sebastian Weber gestützt. Weber hat INSCYD entwickelt, eine Software, die aufgrund metabolischer Werte die Intensität berechnet. Weber stellte Mailand–San Remo, Paris–Roubaix, Amstel und Lüttich in seinem System gegenüber. „Für Mailand und Roubaix habe ich einen 78 bis 80 Kilo schweren Sprinter und Rouleur analysiert, während ich für Amstel und Lüttich leichtere Kletterer (70 bis 72 Kilo) ausgewertet habe", erklärt Weber. „Das ist für diese Rennen realistisch und beeinflusst die absolute Ausgangsleistung. Aber letztlich gab es zwei klare Schlussfolgerungen: Paris–Roubaix war schwieriger, wenn es um das Kreatin-Energiesystem ging, während Lüttich einen höheren Laktatspiegel verursachte.“ Das Kreatin-Energiesystem ist bis zu etwa zehn Sekunden anaerob. Weber sagt, dass das Pflaster von Roubaix zahlreiche Beschleunigungsphasen von weniger als vier Sekunden erfordere, während Lüttich etwas längere anaerobe und harte aerobe Anstrengungen verlange, die kostbares Glykogen verbrauchen. Das ist der physiologische Hintergrund. Aber wie passt das zu den Kursprofilen? Carlos Verona ist ein 26-jähriger spanischer Fahrer, der 2018 bei Amstel Gold den 84. und in Lüttich den 80. Platz für Mitchelton-Scott belegte. Er sagt, dass die Distanz eine Rolle spiele, sowohl physisch als auch technisch. Mit 263 Kilometern ist Amstel 31 Kilometer kürzer als Mailand–San Remo, aber Verona sagt, dass der technische Aspekt deutlich kräftezehrender sei. „Bei Amstel dreht sich alles um die Position", so Verona. „Die Spitzenfahrer fahren die Hügel mit einer solchen Geschwindigkeit, dass man, wenn man nicht unter den Top 30 ist, den Anschluss verliert, und wieder heranfahren kostet viel Kraft. Lüttich ist anders“, fährt er fort. „Die Position ist wichtig, aber es gibt einen wichtigen Ausdaueraspekt. Ab 100 Kilometern vor dem Ziel wird Vollgas gefahren mit heftigen, wenn auch kurzen Belastungsspitzen.“ Verona lädt Trainingseinheiten wie Rennen auf Strava hoch. Bei Amstel fuhr er 264,11 Kilometer in 6:44 Stunden und legte dabei 3.299 Höhenmeter zurück, wobei er einen Wert von 464 Punk ten erreichte, der weitgehend auf der Herzfrequenz basiert. In Lüttich legte Verona eine Woche später 263,36 Kilometer in knapp 6:48 Stunden zurück und kletterte 3.951 Höhenmeter, was Strava mit 453 Punkten bewertete. Auf dem Papier wäre Amstel Gold also der Sieger. „Das ist in etwa richtig“ sagt Verona. „Amstel ist mental sicherlich härter als Lüttich, weil JANUAR 2019 | PROCYCLING 77