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Procycling 01.19

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© Kramon man sich nicht

© Kramon man sich nicht entspannen kann. Du musst immer in Position sein für die Kletterpartien, aber auch vorsichtig mit den ganzen Hindernissen.“ VALGREN PACKT AUS Verona ist eine Domestik bei den Klassikern, aber was ist mit der Belastung eines potenziellen Siegers? Amstel war Michael Valgrens größter Sieg, und er lud seine Werte auf Strava hoch, sodass Stephen Gallagher, der jetzt Dig Deep Coaching leitet, sie analysieren konnte. Gallaghers Rezension hebt die Leistungsschwankungen hervor: Amstel-Fahrer müssten tief in das anaerobe Energiesystem vordringen. „Valgren gewann Amstel in 6:40:07 Uhr mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 39,4 km/h“, sagt Gallagher. „Auf den ersten 15 Kilometern hat er durchschnittlich 271 Watt getreten – eine große Anstrengung, selbst für einen Profi.“ 100 Kilometer vor dem Ziel nahm das Tempo weiter zu, beginnend mit dem Vrakelberg. „Dort produzierte Valgren 520 Watt für 1:23 Minuten, um diesen kurzen und steilen Anstieg zu bewältigen. Danach attackierten sich die Fahrer der Hauptgruppe auf dem Keutenberg mit seinem steilen Abschnitt von über 20 Prozent und versuchten auszureißen“, fährt er fort. „Lawson Craddock verlor 32 Sekunden allein beim 1,1 Kilometer langen Anstieg und fuhr ihn in 3:12 bei 436 Watt. In der Zwischenzeit leistete Valgren 508 Watt und erklomm ihn gemeinsam mit Valverde in nur 2:43 Minuten.“ Valgren brachte auf dem Cauberg (nach 244 Kilometern) „große Zahlen“, als die ausgedünnte Favoritengruppe ihn zum letzten Mal erklomm. „Hier leistete Valgren für 1:26 Minuten 595 Watt, um das steilste Stück zu schaffen. Das waren über 100 Watt mehr als bei den beiden vorherigen Überfahrten des Caubergs, und es brachte eine ausgewählte Gruppe, darunter Valgren, Peter Sagan, Alejandro Valverde und [Roman] Kreuziger, wieder an die Ausreißer heran. Der zweite Angriff war noch mal kraftvoller, und diese 47-Sekunden-Belastung reichte aus, um eine Lücke rauszufahren, wobei nur Kreuziger folgen konnte.“ Valgren positionierte sich perfekt für den Sprint und lag 200 Meter vor der Ziellinie direkt hinter Kreuziger, bevor er vorbeizog. „Dabei erzeugte er neun Sekunden lang eine durchschnittliche Leistung von 925 Watt, maximal 1.050 Watt“, sagt Jungels greift an der Côte de la Roche aux Faucons an und gewinnt L–B–L. Gallagher. „Es war eine riesiger letzter Kraftakt.“ In diesem Fall zerstörte Valgrens Stärke die Bemühungen der Domestiken. Aber oft, erklärt Green, trete bei Radrennen das Gegenteil ein. „In vielen Fällen sind es die Helfer, die den Löwenanteil dazu beitragen, ihren Kapitän vor dem Wind zu schützen und bei Angriffen zurückzuschlagen. Ich bin überzeugt, [Michał] Kwiatkowski bringt auf vielen Etappen der Tour höhere Leistungswerte als [Chris] Froome und [Geraint] Thomas. Er leistet so viel Arbeit und verausgabt sich, bis er sich etwa vier Kilometer vor dem Ziel ausklinkt.“ Green erläutert diese rollenspezifische Leistung. Beispielsweise lag 2017 Greg Van Avermaets Belastung bei Amstel (wo er Zwölfter wurde) um sechs Prozent unter dem Teamdurchschnitt des Vorjahres, während sie bei seinem Sieg in Roubaix etwa 20 Prozent höher war. „Die Daten, die wir für andere Fahrer im Team erhoben haben, zeigen, dass sie ab 50 Kilometer vor dem Ziel ruhiger machten oder ausstiegen“ sagt Green. „Wohingegen Greg natürlich gewann.“ 78 PROCYCLING | JANUAR 2019

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K ARDENNENKLASSIKER Eine hohe Belastung ist nicht unbedingt schlecht. Tatsächlich kann es vorteilhaft sein. Michael Woods von EF-Drapac wurde in diesem Jahr 20. beim Amstel Gold und zweiter in Lüttich. Woods sagt, dass vor allem Lüttich seinen Stärken entgegenkomme. „Eine meiner Stärken ist die anaerobe Wiederholbarkeit; ich bin gut darin, drei bis achtminütige Belastungen zu fahren. Das passt für Lüttich, da der längste Aufstieg weniger als zehn Minuten dauert.“ Die Physiologie von Woods passt zu diesen anaeroben Belastungen wegen seines Körperbaus, aber auch wegen seiner sportlichen Vergangenheit und seines aktuellen Trainingszustands. „Früher bin ich 1.500 und 3.000 Meter gelaufen, was zu etwa vier- und achtminütigen intensiven Belastungen führte. Mein Coach und ich arbeiten viel in diesen Bereichen, weil wir wissen, dass das meine Stärke ist“, sagt der Kanadier. „Wenn du in der WorldTour etwas findest, das du gut kannst, musst du dich darauf konzentrieren, da sich der Rennsport immer mehr spezialisiert. Im Training für ein Rennen wie Lüttich machen wir lange Ausfahrten, bei denen wir jede Stunde besondere Belastungen einbauen, um wichtige Anstiege wie La Redoute und Côte de Saint-Nicolas zu simulieren.“ Die Anstiege bei Lüttich kommen Woods’ Fähigkeit entgegen, drei bis acht Minuten Vollgas zu fahren. NICHT DIE GANZE GESCHICHTE Die Erfahrung lehrt, dass sich in der dritten Woche einer großen Rundfahrt die Erschöpfung breit macht. Die maximale Leistung der Fahrer sinkt bis um ein Viertel, das Immunsystem ist angegriffen und die Entschlussfähigkeit wird beeinträchtigt. Dabei kann es ein einzelner Tag bei Tour, Giro oder Vuelta nicht mit einem schweren Klassiker auf neh men, was die Gesamtbelastung angeht. „Der här teste Tag einer Grand Tour liegt typischer weise bei rund 550 Punk ten, eher unter 500“, erklärt Green. „Die klassischen Eintagesrennen sind zehn bis 15 Prozent schwe rer.“ Das deuten zumindest die Leistungs daten an, aber die Zahlen erzählen nicht die ganze Ge schichte. „Die ses Jahr sagten viele Fahrer, dass der härteste Tag im Sattel die 10. Etappe des Giro gewesen sei“, be richtet Green von seinen einsti gen BMC-Schütz lingen. „Das war die Etappe, als Chavez früh abgehängt wurde. Das Peloton witterte gleich Blut und es war ein echtes Aus scheidungsfahren über weit mehr als 100 Kilo meter. Sie wollten ihn kleinkriegen – und sie schafften es auch. Die Daten passten zum Feed back. Es war hart.“ Wodd stimmt dem zu: „Auf dem Papier schien es ein relativ leichter Tag zu sein, aber als Chavez abgehängt wurde, fuhren sie wie verrückt." KOPFSTEINPFLASTER ODER HÜGEL? Wie verschiebt Kopfsteinpflaster die Gleichung? Trotz der Schlussfolgerungen von Green denken viele, dass Rennen auf Pavé härter sind als die hügeligen Ardennen. „Nach meinen Berechnungen, was die Trainingsbelastung betrifft – und ich benutze TSS –, war die Tour von Flandern das härteste Rennen“, sagt Quick-Step-Floors-Trainer Koen Pelgrim. San Remo wurde Fünfter mit 331, Roubaix Vierter mit 353, Amstel Dritter mit 359 und Lüttich Zweiter mit 379 Punkten, aber Flandern lag mit 457 Punkten weit davor. „Es gibt so wenige einfache Abschnitte in Flandern, und die Fahrer kämpfen ständig um Positionen, auch in Anstiegen oder Kopfsteinpflaster-Sektionen.“ Flandern war eine große gemeinsame Anstrengung für das belgische Team, mit Niki Terpstras Sieg, Philippe Gilbert auf Platz drei und Ždenek Štybar auf Platz zehn. Diese unterschiedliche Bewertung der Rennen könnte auf „Datenvariationen“, wie Green sagen würde, zurückzuführen sein, die zwischen den beiden Methoden TSS und TLC bestehen, aber Green räumt ein, kein System könne die Brutalität der Pflastersteine erfassen. „Die zusätzliche Energie, um auf Kopfsteinpflaster zu fahren, bedeutet, dass die physiologische Belastung der Leistungsabgabe höher ist als das, was man normalerweise von dieser Leistung sieht. Sie können 380 Watt bei 80 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme und Herzfrequenz in der Ebene fahren, aber 380 Watt auf Kopfsteinpflaster bedeuten wahrscheinlich 84 Prozent vom Maximum.“ Green sagt, dass man Sensoren und weitere Algorithmen benötigen würde, um die physiologische Belastung durch das Fahren auf Kopfsteinpflaster zu untersuchen. Aber seine Zahlen bleiben bedeutsam, denn obwohl das System die psychologischen und muskulären Auswirkungen der Pflastersteine nicht berücksichtigen kann, misst es doch die erhöhte Herzfrequenz und Belastung. Die Fahrer haben jedoch ihre eigene Meinung. „Wenn Sie mich morgen bitten würden, einen Kurs alleine zu fahren, wäre Lüttich am härtesten“, sagt Dan Martin, der Gewinner von 2013. „Aber als Rennen, vielleicht weil es mir Spaß macht, geht es im Nu vorbei. Amstel ist wie ein Videospiel mit dem ständigen Auf und Ab, Links und Rechts. 2018 war das härteste Amstel Gold, das ich je gefahren bin, da die Ausreißer früh einen großen Vorsprung hatten, was bedeutete, dass das Tempo für die letzten 200 Kilometer sehr hoch war. Aber es kommt darauf an, welche Art von Fahrer du bist. Für mich würde Roubaix sicherlich die höchste körperliche Anstrengung erfordern, aber das wäre dasselbe für einen Kopfsteinpflaster-Fahrer, der es mit den Ardennen aufnimmt.“ © Kramon JANUAR 2019 | PROCYCLING 79