Aufrufe
vor 10 Monaten

Procycling 02.18

  • Text
  • Procycling
  • Rennen
  • Februar
  • Fahrer
  • Froome
  • Lemond
  • Yates
  • Giro
  • Radsport
  • Etappe

PROLOG AUS DEM HERZEN

PROLOG AUS DEM HERZEN DES PELOTONS RAAM STATT ROLLSTUHL In seinem Kampf gegen Multiple Sklerose hat Andreas Beseler schon viele Herausforderungen gemeistert – auch radsportliche. Nun steht er vor einem neuen Höhepunkt: dem Start bei Race Across America in einem Viererteam mit durchaus ambitioniertem Zeitplan. Procycling sprach mit dem sympathischen Mutmacher und Spendensammler. Interview Caspar Gebel Fotografie Andreas Beseler, sportograf Vor 25 Jahren stand Andreas Beseler am Abgrund – nun stellt er sich einer der größten Herausforderungen, die es im Radsport gibt. In einem Viererteam startet „Besi“, der auf dem Rennrad der Multiplen Sklerose davonfährt, im kommenden Juni beim Race Across America; 4.800 Kilometer, die in maximal 216 Stunden zurückgelegt werden müssen, stehen dann auf dem Programm. Selbst für Beseler, der 2011 das Mallorca M312 über ebenso viele Kilometer vor dem Toursieger 2006, Oscar Pereiro, gewann, ist dieses Rennen eine Herausforderung. Mit Thorsten Ostrowski, Derk Schneider und Christian Thometzek kann Beseler, Jahrgang 1965, auf starke und erfahrene Mitstreiter setzen – drei gestandene Radfahrer, die unter anderem beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring 2016 auf den 39. Platz von rund 600 Viererteams kamen. Andreas Beseler ist freilich viel mehr als nur Marathonfahrer. Als Botschafter der Nathalie- Todenhöfer-Stiftung sammelt er Spenden im Kampf gegen die Multiple Sklerose und macht anderen Erkrankten Mut. „Im Vordergrund steht das Spendensammeln“, beschreibt „Besi“ gegenüber Procycling dann auch die Motivation seines Teams, das RAAM anzugehen. Sein ehrgeiziges Ziel: „Wir wollen in sieben Tagen im Ziel sein. Sechs wären gut.“ Um das zu erreichen, hat das Team eine ausgeklügelte Rennstrategie erarbeitet: Zwei Zweierteams fahren jeweils zwölf Stunden, wobei sich die 12 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

zwei Fahrer im Regelfall alle zwei Stunden abwechseln. Das ruhende Team fährt derweil im Begleitfahrzeug vor. Die Wechseltaktik sei auch in Teilen seiner Erkrankung geschuldet, erklärt Beseler: „Bei Nachtfahrten habe ich Probleme durch mein Gesichtsfeld.“ Er und sein Partner Christian werden daher die „Tagesschicht“ übernehmen. Vor der reinen Distanz hat der Langstreckenfahrer keinen Bammel – immerhin fuhr Beseler vor fünf Jahren schon als Soloist 3.800 Kilometer quer durch Kanada. Doch Schwierigkeiten gibt es genug – Gewitterzonen und Wildhunde etwa, gegen die sich das Team mit großen Wasserspritzen zu Wehr setzen wird. Und nicht zu vergessen die „Regulations“, 52 DIN-A4-Seiten, die den Ablauf des Rennens bis ins kleinste Details regeln. Beim Fotostopp keine Warnweste übergezogen: Zeitstrafe. Wildpinkeln: Zeitstrafe. … Und es reichen drei solcher Verstöße, um ausgeschlossen zu werden. Dazu muss im Vorfeld auf vieles geachtet werden; ein großes Thema sind etwa die Sponsorenliste und die Trikotgestaltung. Zur Bekleidung passendes Material haben „Besi“ und seine Kollegen auch schon: Ende September 2017 erfolgte die Übergabe der neuen Räder an der Idsteiner Firmenzentrale von Storck Bicycles. „SOBALD DER START - SCHUSS GEFALLEN IST, GIBT ES KEINE TELEFONATE NACH HAUSE MEHR“, ERKLÄRT ANDREAS BESELER. Schon jetzt wird es also spannend für das Team „Besi & Friends“. Die Finanzierung des Projekts steht; alles, was unterwegs an Spenden zusammenkommt, fließt an die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung. Wenn das 16-köpfige Team – vier Fahrer, zwei Teamchiefs, der Navigator, drei Mechaniker und die Frauen und Männer, die für Ernährung, Physiotherapie, Organisation und Presse verantwortlich sind – Mitte Juni an den Start geht, greife die vielleicht wichtigste Regel, erklärt Andreas Beseler: „Sobald der Startschuss gefallen ist, gibt es keine Telefonate nach Hause mehr.“ Familie, Freunde und Öffentlichkeit werden durch tägliche Blog-Einträge und den Live-Tracker auf dem Laufenden gehalten, doch darüber hinaus müssen sich „Besi & Friends“ ganz auf sich selbst und aufs Rennen konzentrieren, ohne Ablenkung und Einmischung von außen. Tiefe Einblicke in die teaminternen Prozesse und Dynamiken kann man aber dennoch gewinnen. Denn mit dabei ist auch der Filmemacher und Autor Christian Gropper, der die Langstreckenfahrt in einem Kinofilm darstellen will. Wer mehr über das RAAM, Andreas Beseler selbst und sein Projekt „Rad statt Rollstuhl“ erfahren will, findet alles Wissenswerte unter: www.rad-statt-rollstuhl.de FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 13