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Procycling 02.18

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DAS GROSSSE INTERVIEW

DAS GROSSSE INTERVIEW imon Yates fährt dieses Jahr den Giro d’Italia. Wenn alles gut geht – sowohl bei Yates als auch beim Giro –, geht die Reise in Jerusalem los. Das Peloton macht einen Transfer nach Sizilien, überquert die Meerenge von Messina und beginnt den langen Trek den Stiefel hoch zum letzten, entscheidenden Drittel in den italienischen Alpen. Es ist Yates’ Debüt bei der italienischen Landesrundfahrt. Danach lässt er die Tour de France aus und bereitet sich auf die Vuelta a España vor. Es ist das Programm, das er letztes Jahr fahren wollte, bis Orica-Scott ihn wegen der Knieprobleme von Esteban Chaves ins Tour-Team berief. Yates war, wie man sich erinnern wird, bei sei - ner dritten Tour in Glanzform. Er holte auf dem Gipfel von La Planche des Belles Filles das Weiße Trikot des besten Jungprofis. Aber er weigerte sich, defensiv zu fahren. Auf dem Weg nach La Planche, Le Puy und Foix zeigte er sich lebendig und aggressiv und setzte sich aus der Gruppe um das Gelbe Trikot ab, im altmodischen Stil mit großer Übersetzung und kleiner Tretfrequenz, der typisch für ihn ist. Der Lohn waren der siebte Gesamtrang und das Weiße Trikot in Paris, das er sich mit vollen zwei Minuten Vorsprung gesichert hatte. „Das hat gute Erinnerungen für später geschaffen“, sagt der mittlerweile 25-Jährige über seine Tour im Gespräch mit Procycling. „Aber ich glaube, in einer Sportart wie dem Radsport musst du dir immer neue Ziele setzen. Wenn du zu viel reflektierst und dich auf deinen Lorbeeren ausruhst, ist es schwer, morgens aufzustehen und zu tun, was du tun musst“, fügt er hinzu und lächelt. „Du musst immer nach vorn schauen.“ Der Giro war das Rennen, das für ihn im Vordergrund stand, aber auch einige Lektionen aus der Vergangenheit, vor allem die Tendenz des Weißen Trikots, die Hoffnungen der Anwärter auf das Gelbe Trikot zu schmälern, statt ihnen Auftrieb zu geben. „Es gibt nicht viele Fahrer, die anschließend das Gelbe Trikot gewinnen, nachdem sie das Weiße gewonnen haben“, sagt er. „Ganz im Gegenteil. Sie werden den Erwartungen nicht gerecht. Ich werde weiter arbeiten und versuchen, keiner von ihnen zu sein.“ Druck sei ein Hauptgrund, so Yates, warum es Tejay van Garderen, Pierre Rolland und 29 ande - re vor ihm nicht geschafft haben, Weiß in Gelb umzumünzen. Frühreife mag ein weiterer sein, räumt er ein. „Vielleicht gewinne ich nie. Das ist immer möglich. Aber ich würde sagen, es ist ein realistisches Ziel. Ich glaube nicht, dass ich schon auf dem höchsten Punkt meiner Fähigkeiten oder Karriere bin. Es gibt immer noch einen Verbesserungsspielraum, und so lange ich das weiß, werden wir es weiter versuchen.“ Wir treffen Yates im Urlaubsort Puerto Rico auf Gran Canaria. Er und sein Bruder Adam sind dort im Trainingslager, versorgen sich selbst und sammeln die Grundlagen-Kilometer für die bevorstehende Saison. Sie wohnen in einem Ferienhaus an einem exklusiven, gut bewässerten Golfplatz, der einen Streifen frischen Grüns vor den kahlen, rotbraunen Bergen und dem weißen Beton der Stadt bildet. Innen stehen Geschirr in der Spüle und ein paar Dosen Heinz Beans in einem Küchenregal, dazu gibt es Instant-Kaffee und H-Milch. Gewaschene Trikots und Shorts – alle in XS – trocknen auf einem Wäscheständer; Radsport-Hardware liegt und steht überall herum. Ein Laptop ist in den großen Fernseher gestöpselt. Es könnte eine Studentenwohnung sein. Die Brüder warten gespannt auf das neue Teamtrikot, das ihr Sponsor Giordana geschickt hat. Orica-Scott gibt es nicht mehr; nun heißt es Mitchelton-Scott, und statt dunkelblau ist das Trikot jetzt schwarz und neongelb. Der neue Titelsponsor Mitchelton Winery gehört zu den Firmen des Multimillionärs Gerry Ryan, und Ryan ist natürlich der Hauptgeldgeber des australischen Teams. Adam verkrümelt sich, und Simon, zugänglich, gesprächig und eine Sicherheit und Überzeugung ausstrahlend, die man nicht oft mit den Zwillingen in Verbindung bringt, führt uns für das Interview an den Tisch am Swimmingpool. Die Saison 2017 lief gut für Yates. Neben seinem Erfolg bei der Tour, der sich an Adams Wei- KARRIERE-HÖHEPUNKTE YATES’ BISHER GRÖSSTE ERFOLGE 2010 Mit 18 kommt Yates ins Programm der British Cycling Academy. Wenig später wird er Junioren-Weltmeister im Madison mit seinem britischen Landsmann Dan McLay. 2011 Yates gewinnt eine Etappe der prestigeträchtigen Tour de l’Avenir. Bei der Auflage waren auch Warren Barguil und Romain Bardet erfolgreich, während Yates’ künftiger Teamkollege Esteban Chaves die Gesamtwertung gewann. 2013 Bei seiner ersten Bahn-Weltmeisterschaft in Minsk gewinnt der 20 Jahre alte Yates die Goldmedaille im Punkterennen. Er sichert sich das Regenbogentrikot mit einem perfekt getimten letzten Sprint. 22 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

SIMON YATES „ICH DENKE NICHT DARÜBER NACH, WENN ICH IN SOLCHEN MOMENTEN ATTACKIERE. ICH PLANE ES NICHT ODER SAGE: DAS IST GENAU DER PUNKT, WO ICH ANGREIFE.“ ßes Trikot im Jahr zuvor anschloss – das erste Mal, dass Brüder diese Wertung gewannen –, entschied er 2017 drei Rennen für sich und trug zum ersten Mal das Spitzenreitertrikot eines World- Tour-Rennens. Die Siege waren jeweils eine Etappe bei Paris–Nizza und der Tour de Romandie, während er zwischendurch das Eintagesrennen GP Miguel Indurain gewann. (Letzterer Sieg setzte die kollektive Serie der Yates-Brüder im gebir gigen Nordspanien fort: Bemerkenswerterweise gelangen ihnen alle vier Siege in Spanien nördlich einer imaginären Linie, die die nördliche horizontale Grenze Portugals durch Spanien verlängert.) Auf der 6. Etappe von Paris–Nizza griff er am Col de Bourigaille 19 Kilometer vor dem Ziel ein ausgedünntes und in die Länge gezogenes Feld an. Er zog durch und gewann als Solist an der Mur de Fayence. Beim GP Miguel Indurain setzte er sich am letzten Anstieg ab und distanzierte eine kleine Spitzengruppe, in der Sky für Sergio Henao Tempo machte. Er gewann die 10-Kilometer-Verfolgung ins Ziel. Auf der Etappe der Tour de Romandie nach Leysin attackierte er das Peloton 20 Kilometer vor der Linie. Er schloss zur Spitzengruppe auf und war dann der einzige Fahrer, der Richie Portes Hinterrad halten konnte, als der BMC-Profi an ihm vorbeizog. Während Porte Zeit in der Gesamtwertung gutmachen wollte, wartete Yates in seinem Windschatten und servierte den Tasmanier dann im Sprint ab. Extravaganz ist ein Begriff, der mit seiner romantischen Konnotation fast zu blumig für den bodenständigen Yates zu sein scheint – er sagt direkter: „Ich fahre gerne aggressiv“ -, aber klar ist, dass er einen guten Riecher dafür hat, wann er angreifen muss. Wir fragen, ob die Wahl des richtigen Moments eine Wissenschaft für sich ist. Unter dem Wuschel dicken braunen Haars bläst er seine schmalen Wangen auf, als wäre er gebeten worden, die Einzelheiten der Chaostheorie zu erläutern. „Häufig ist es gar nicht geplant. Es passiert einfach“, sagt er. „Natürlich weißt du, ob die Leute müde sind und du dich okay fühlst, aber du fühlst dich nie gut in diesen Momenten.“ Hat er also ein gutes Gespür für das Feld? „Manchmal. Und wenn es am Limit ist. Manchmal“, antwortet Yates. „Es hängt vom Kurs und auch von meiner Form und Kondition ab. Aber es ist schwer zu sagen. Ich denke eigentlich nicht dar über nach, wenn ich in solchen Momenten attackiere. Ich plane es nicht oder sage: Das ist genau der Punkt, wo ich angreife.“ Yates verbrachte Jahre auf der Bahn, zuletzt in der British Cycling Academy. Er war Weltmeister im Punktefahren 2013 und davor Madison-Weltmeister der Junioren mit Dan McLay. Vielleicht hat die Arbeit auf den Brettern geholfen. „Das 2013 Yates gewinnt zwei aufeinanderfolgende Bergetappen bei der Tour de l’Avenir und wird dort Gesamt-Zehnter. Er belegt mit seinem Bruder Adam auf der 5. Etappe den ersten und zweiten Platz, bevor er in Morzine einen weiteren Sieg feiert. 2013 Yates holt in den Farben des Teams GB im Anstieg nach Haytor bei der Großbritannien-Rundfahrt seinen ersten Sieg bei den Profis gegen ein viel erfahreneres Feld. Er wird anschließend Gesamt-Dritter. 2014 Er unterschreibt seinen ersten Profivertrag bei Orica-GreenEdge und darf in seinem Debütjahr Tour-Luft schnuppern. Er kommt auf den Etappen 8 und 14 in zwei Ausreißergruppen, bevor er nach zwei Wochen aussteigt. © Getty Images, Offside Sports Photography (3/2013), Yuzuru Sunada (2014) FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 23