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Procycling 02.18

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DAS GROSSSE INTERVIEW

DAS GROSSSE INTERVIEW „RICHIE IST VIELLEICHT DER EINZIGE, DER BESSER IST ALS ICH ODER SO GUT WIE ICH. VIELLEICHT FÄHRT NAIRO AN EINIGEN TAGEN SEHR GUT – ABER NENNE MIR EINEN ANDE- REN FAHRER UNTER 60 KILO- GRAMM, DER SO SCHNELL IST.“ © Getty Images (2015), Yuzuru Sunada 2015 Yates fährt bei einer Reihe von World - Tour-Etappenrennen in die Top Ten: Fünfter der Baskenland-Rundfahrt, Sechster der Tour de Romandie und Fünfter des Critérium du Dauphiné. 2016 Bei Paris–Nizza wird er positiv getestet und bekommt ein viermonatiges Fahrverbot wegen eines „unabsichtlichen Verstoßes gegen die Anti-Doping-Regeln“. Nach verbüßter Sperre gewinnt er die Prueba Villa - franca sowie die 6. Etappe der Vuelta nach Luintra. 2017 Yates gewinnt drei Rennen, darunter die 6. Etappe von Paris–Nizza mit einer Solo- Attacke 19 Kilometer vor dem Ziel und die 4. Etappe der Tour de Romandie, die er als Gesamt-Zweiter hinter Richie Porte beendet. 24 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

SIMON YATES könnte man sagen, weil du auf der Bahn wirklich alles wahrnehmen musst, aber das ist sehr lange her … Natürlich baust du das in dein Gedächtnis ein. Auf der Bahn musst du immer genau wissen, was passiert. Aber auf der Straße zieht es sich so in die Länge, dass die Leute gut verstecken können, wie sie sich fühlen. Und an manchen Tagen ist es anders, nämlich so, dass ich mich über etwas ärgere oder was auch immer und denke: Okay, los jetzt!“, sagt er und schlägt mit der Hand auf den Tisch. Über was ärgert er sich? „Über vieles! Ich bin ein zorniger Mann!“, meint er mit einem großen Lachen. „Nein, ich bin ziemlich ruhig. Aber ich kann es, wenn es nötig ist. Ich glaube, du musst ein bisschen Aggression haben. Wenn du im Radsport zu entspannt bist, ist es schwer, in der richtigen Position zu sein, um diese Angriffe fahren zu können, über die wir reden. Du muss nicht gefährlich sein, aber du musst dir deinen Weg freikämpfen, denn niemand lässt dich umsonst rein.“ Natürlich gab es da auch Yates’ Etappensieg bei der Vuelta 2016 auf einem welligen Kurs, wo er mit einem entschlossenen Vorstoß vier Kilometer vor dem Ziel einige frühere Angriffe konterte und als Solist gewann. Es war auch seine Rückkehr zu großen Rundfahrten nach einer viermonatigen Sperre wegen „unabsichtlichen“ Dopings. Bei Paris–Nizza versäumte es ein Teamarzt, auf der letzten Etappe von Paris–Nizza für das ihm verschriebene Asthmamittel Terbutalin eine Ausnahmegenehmigung zu beantragen. In Spanien konnte er seine Wut über den Zwischenfall ab - reagieren. „Ja, naja, das ist eine dieser Gelegenheiten, wo ich mich etwas geärgert habe.“ Yates’ Sieg auf dem schweren Anstieg nach Leysin bei der Tour de Romandie brachte ihm sein erstes Spitzenreitertrikot als Profi bei einem WorldTour-Rennen ein. Es war 2017 Er wird Gesamt-Siebter der Tour de France und gewinnt das Weiße Trikot. Seine Vorstellung ist angriffslustig plus clever und konservativ, um seine Verluste in Grenzen zu halten, wo es möglich ist. nur über Nacht. Am nächsten Tag verlor er es im abschließenden Zeitfahren auf einem welligen Kurs am Genfer See an Richie Porte. Yates wurde dennoch Gesamtzweiter; es war sein erster Podiumsplatz bei einem WorldTour-Etappenrennen und sein sechster von sieben Top-Ten- Plätzen in der WorldTour. Insidern zufolge ist Simon ausgeglichener und beherrschter als sein Bruder Adam und deswegen für Etappenrennen wohl besser gerüstet. Aber Yates gibt zu, dass es ihm manchmal schwerfällt, eine Balance zwischen seinem Angriffsinstinkt und der nötigen Geduld zu finden. „Oft musst du dich beherrschen bis zum Umfallen. Aber das ist ein Großteil des Radsports. Schau dir einen Sprintzug an, wo der Sprinter bis auf die letzten 200 Meter nicht in den Wind darf. Die meiste Zeit müssen wir konservativ fahren. Spaß macht mir das nicht, ich fahre gerne aggressiv“, betont er. Wenigstens wenn eine kurze Bergetappe in eine große Rundfahrt eingebaut ist, ist Yates in seinem Element, denn dann kann er seine defensive Taktik „über Bord werfen und Spaß haben“, sagt er. Auf zwei solchen Etappen im letzten Jahr – nach Foix bei der Tour und der Bergankunft der Vuelta am Angliru – hielt er Wort und zettelte Angriffe an, die die Gruppe hinter ihm zur Reaktion zwangen. Yates ist ein Mitglied des U60-Clubs, wie er und sein Bruder es gerne nennen – Fahrer unter 60 Kilogramm, die auf Gesamtwertung fahren können. Wenn Yates sein Geschäftsführer ist, sind Richie Porte und Nairo Quintana Kassenwart und Prä sident. Klettern ist die Stärke von allen, aber im Zeitfahren sind ihnen schwerere Klassementfahrer wie Tom Dumoulin und Chris Froome klar überlegen. Yates’ Bilanz im Zeitfahren ist besser als die von Quintana, aber schlechter als die von Porte. Gegen Quintana schnitt Yates bei sieben Zeitfahren, in denen sie aufeinandertrafen, fünfmal besser ab, darunter bei allen drei Prüfungen bei der Tour. Gegen Porte sieht es unterm Strich schlechter aus, hier hat Porte sechs von neun direkten Vergleichen gewonnen. „Richie sieht auf dem Rad geschmeidig aus“, sagt Yates. „Er sieht schnell aus – er ist schnell. Richie ist vielleicht der Einzige, der besser ist als ich oder so gut wie ich. Vielleicht fährt Nairo an einigen Tagen sehr gut – aber nenne mir einen anderen Fahrer unter 60 Kilogramm, der so schnell ist.“ In der Vergangenheit hat Yates auch Froome bei Zeitfahren geschlagen, so zum Beispiel in Utrecht bei der Tour 2015. (Nebenbei bemerkt: Als Procycling Froome Ende 2016 fragte, welcher junge Fahrer ihn am meisten beeindruckt habe und ihm gefährlich werden könne, war der erste Name, den er ohne zu zögern nannte, der von Simon). Yates war auch der Klassementfahrer, der bei dem TRAINING VOR DER HAUSTÜR Auch wenn die Anstiege auf Gran Canaria länger sein mögen, findet Yates, dass die schweren Straßen in seinem heimatlichen Bury bei Manchester ein gutes Training bieten. „Was du hier nicht hast, ist, den ganzen Tag in die Pedale zu treten wie zu Hause. Hier fährst du 40 Minuten den Berg hoch und lässt es bergab praktisch einfach laufen. In Eng - land trittst du bergab auch meistens in die Pedale. Es ist ein wirklich schönes Fleckchen Erde und harte Arbeit. Du gewinnst wirklich etwas, aber für mich ist es frustrierend, dass die perfekte Zeit dafür nicht der Winter ist, wenn du es etwas gemächlicher angehen lassen und diese langen Kilometer abspulen willst – und das Wetter ziemlich mies ist.“ verregneten Zeitfahren in Düsseldorf im letzten Jahr am wenigsten Zeit auf seinen britischen Rivalen verlor. Aber seine Physiologie – klein und leicht – setzt ihm enge Grenzen, innerhalb derer er arbeiten muss. „Sagen wir es so“, erklärt Yates. „Wenn ich in einem Anstieg einen Test machen würde, um meine Schwelle zu ermitteln, und es wären zum Beispiel 300 Watt, und wenn ich auf einer Zeitfahrmaschine am Ende der Tour, wenn ich keine Beine mehr habe, immer noch 300 Watt trete, wo ist die Verbesserung?“ Doch mit dieser Aussage ist kein Fatalismus verbunden. „Ich glaube, ich bin gut. Es glauben nur alle anderen, dass ich scheiße bin“, sagt er. „Es bringt mich nicht um den Schlaf.“ Yates hat viele Stunden im Windkanal und auf der Bahn verbracht, um an seiner Aerodynamik zu arbeiten. Bei einer Session im Windkanal nach der Tour de Romandie 2016 und einer weiteren auf der Bahn ein Jahr später stellte er einiges um. Statt den Lenker anzuheben, um den Hüftwinkel zu öffnen und schmaler zu werden, machte er auf „alte Schule“ und rammte seinen Lenker in den Rahmen, damit er so tief wie möglich war. „Ich bin jetzt wirklich zufrieden mit meiner Haltung“, sagt er fröhlich. „Viele Leute haben Angst vor einer extremen Haltung, weil sie dann vielleicht nicht die Leistung produzieren oder die Position lange halten können, aber ich fühle mich auf dem Rad jetzt wohl. Das kommt vielleicht von der Bahn. Ich habe damals viel für © Yuzuru Sunada FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 25