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Procycling 02.18

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CHRIS FROOME EIN

CHRIS FROOME EIN „ECHTER“ DOPINGFALL? Die wichtigste: Hat der vierfache Tour-Sieger wirklich gedopt? In der Tat muss dies noch geklärt werden, schließlich bedeuten die positive A- und B-Probe bei der „spezifischen Substanz“ Salbutamol, wie es bei der WADA heißt, nicht automatisch einen positiven Befund, sondern es muss erst die Erklärung von Fahrer und Team abgewartet werden. Erst wenn diese von den Offiziellen entsprechend beurteilt worden ist, wird entschieden, ob es sich um einen Dopingfall handelt oder „nur“ um ein „abweichendes Analyseergebnis“. Es liegt nun also an Froome und seinem Team zu beweisen, dass der Wert auf natürliche Weise zustande kam – oder nicht. Fakt ist, dass Froome sich das Mittel bewusst zugeführt hat. Und als Spitzenreiter der Vuelta muss er mit einem Test nach der Etappe gerechnet haben. Entweder war er sich also sicher, nicht positiv zu werden, oder er war schlichtweg unvorsichtig. In der dem UCI-Statement folgenden Presseerklärung des Teams Sky meinte der 32-Jährige, dass er dem Rat seines Mannschaftsarztes gefolgt sei. „Mein Asthma wurde während der Vuelta schlimmer […]. Aber wie immer tat ich mein Bestes, um sicherzustellen, im erlaubten Bereich zu bleiben.“ Teamchef Dave Brailsford fügte hinzu: „Es gibt komplexe medizinische und physiologische Gründe, die den Stoffwechsel und die Ausscheidung von Salbutamol beeinflussen. Wir werden die Hintergründe genauestens untersuchen, um zu verstehen, was hier passiert ist.“ Bereits seit Ende September sitzen die Sky-Anwälte und -Experten daran, eine solche Erklärung zu finden. Denn die Folgen eines positiven Dopingbefundes, sollte kein Unschuldsbeweis gefunden werden, wären drastisch. Eine Sperre, die Aberkennung des Vuelta-Sieges und sogar ein mögliches Karriereende stünden dann im Raum. Es wäre der plötzliche Fall des Regenten. In anderen Salbutamol-Fällen wurde der ehemalige Topsprinter Alessandro Petacchi 2007 mehrere Monate gesperrt und verlor seine fünf Etappensiege beim damaligen Giro. Auch dem Italiener Diego Ulissi – mit einem ähnlichen Wert wie Froome getestet – wurden 2014 zwei Giro-Etappenerfolge aberkannt. Er wurde neun Monate gesperrt. Froome und Sky-Teammanager Dave Brailsford. Das Team Sky überprüft derzeit den Fall, um Erklärungen für den hohen Salbutamol-Wert des vierfachen Tour-Champions zu finden. 34 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

CHRIS FROOME KOMMENTAR VON WERNER MÜLLER-SCHELL Bärendienst für den Radsport Chris Froome ist positiv. Als am 13. Dezember bekannt wurde, dass der Brite bei seinem Vuelta-Triumph auffällig geworden war, herrschte in unserer Redaktion für einen Moment absolute Stille. Ausgerechnet Froome. Nach seinem Double aus Tour und Vuelta war er gerade noch in den Kreis der Größten aufgestiegen. Doch das scheint mit einem Moment verpufft zu sein – leider auch die Glaubwürdigkeit des Radsports. Wieder einmal. Dabei ist es nicht alleine die Tatsache, dass eines der Idole des Sports im negativen Rampenlicht steht, die schadet. Es ist vor allem der intransparente Umgang mit dem Fall Froome. Bereits am 20. September wurden der Brite und sein Team benachrichtigt. Trotzdem fuhr er am gleichen Tag das WM-Zeitfahren und gewann Bronze – die Öffentlichkeit wurde nicht einmal ansatzweise in Kenntnis gesetzt. Erst auf Druck des britischen Guardian und der französischen Le Monde bestätigten die UCI und Sky den Fall. Fast drei Monate später. Transparenz sieht anders aus. Außerdem schadet auch das, was seitdem passierte: Nachfragen werden nicht beantwortet, der Fall wird totgeschwiegen. Spekuliert wird trotzdem fleißig. Fahrerkollegen äußern sich, Experten, Medien – wirklich Bescheid weiß aber niemand. Professionelle Krisenkommunikation sieht anders aus. Genau das ist es aber, was ein Sport, der in den letzten zwei Jahrzehnten so vielen negativen Schlagzeilen ausgesetzt war, braucht. In diesen Tagen startet die Saison 2018. Trotz vieler Forderungen hat Sky Froome nicht suspendiert – obwohl man so einen sauberen Umgang mit dem Thema hätte beweisen können. Nach derzeitigem Stand ist also zu erwarten, dass ein belasteter Chris Froome im Peloton zu finden sein wird. Den Fall totschweigen wird dann nicht mehr funktionieren. Die altbekannte Intransparenz im Umgang mit Dopingthemen hat der Glaubwürdigkeit des Radsports einen Bärendienst erwiesen. Wieder einmal. EINE VERZÖGERUNGSTAKTIK? Es ist allerdings nicht nur die Meldung über Froomes positive Probe, die Fragen aufwirft. Auch ein Nebensatz, der in der Gewalt des eigentlichen UCI- Statements fast untergeht, polarisiert: „The rider was notified […] on 20 September 2017.“ Froome wusste also schon zwei Wochen nach dem Test Bescheid. Am Nachmittag der Benachrichtigung startete er trotzdem beim WM-Zeitfahren – und holte Bronze. Die Weltöffentlichkeit erfuhr erst zweieinhalb Monate später von den Geschehnissen. Auch wenn man sich hier im Rahmen des Regelwerks bewegte – bei Salbutamol-Fällen ist die Öffentlichkeit erst nach dem Abschluss der Ermittlungen zu informieren –, trägt dies nicht gerade zu einer besseren Glaubwürdigkeit des Radsports bei. Tony Martin, Tom Dumoulin, Christian Prudhomme – viele Profis und Offizielle äußerten sich in den letzten Wochen entsprechend. Der Grundtenor ist immer der gleiche: Es muss eine schnelle Entscheidung fallen – im Sinne des Radsports. Die Bewegung für einen glaubhaften Radsport (MPCC) hat das Team Sky sogar aufgefordert, Froome bis zur Klärung des Falles zu suspendieren, um Spannungen im Peloton zu verhindern. Derzeit gibt es allerdings kein festgelegtes Datum, bis zu dem die Untersuchungen abgeschlossen sein müssen. Schon jetzt steht aber fest, dass sich der Fall noch Wochen, wenn nicht sogar Monate hinziehen wird. Ganz egal aber, ob der Brite vorläufig suspendiert, später gesperrt oder freigesprochen wird – die Folgen für den Radsport sind schon jetzt negativ. Erneut hat ein Spitzensportler eine Doping - diskussion heraufbeschworen, die schon damit beginnt, dass sich viele Fans nun fragen, wie ein offensichtlich an Asthma leidender Athlet überhaupt zu solchen Spitzenleistungen am körperlichen Limit fähig ist. Froome, der im Mai beim Giro antreten will, gibt sich gelassen. Zum Start des neuen Jahres fuhr er eine 225-Kilometer- Runde durch Südafrika mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 37 km/h. Und auf Instagram postet er Familienfotos – so, als ob nichts gewesen wäre. Froome attackiert auf der 18. Etappe der letztjährigen Vuelta. Bei der anschließenden Dopingkontrolle wird er positiv getestet. FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 35