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Procycling 02.18

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RIGOBERTO URÁN „Ich

RIGOBERTO URÁN „Ich musste die ganze Verantwortung für die Familie übernehmen“, sagt Urán, der mit dem Rad herumfuhr und Lose verkaufte, um seine Mutter und Schwester zu ernähren. „Mit 14 war ich sozusagen der ‚Vater‘ der Familie. Ich musste mit 14 erwachsen werden.” An diesem Punkt fixiert sich Uráns Blick auf das, was unmittelbar vor ihm liegt. Er setzte sein Leben schnell fort und spricht bis heute nicht gern über den Tod seines Vaters, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. In unserem Interview bezeichnet er seine Kindheit sachlich als „normal“ und „problemlos“. „Als ich meinen Vater verloren habe, war ich noch sehr jung, aber ich bin darüber hinweggekommen. Man kommt über alles, alles, alles hinweg. Wir als Menschen passen uns an, wenn wir müssen. Wenn es nötig ist, lernen wir und passen uns an. Daher war diese Zeit nicht schwer – überhaupt nicht. Jetzt kann ich sagen, es war schwer, aber damals, in dem Moment – kein Pro blem.“ Urán blieb Kurbelumdrehung für Kurbelumdrehung an Froome dran, als es bei der Tour in die Berge ging. Der Zweitplatzierte Urán gratuliert Christopher Froome zum Toursieg. WIR ALS MENSCHEN PASSEN UNS AN, WENN WIR MÜSSEN. WENN ES NÖTIG IST, LERNEN WIR UND PASSEN UNS AN. DAHER WAR DIESE ZEIT NICHT SCHWER – ÜBERHAUPT NICHT. JETZT KANN ICH SAGEN, ES WAR SCHWER, ABER DAMALS, IN DEM MOMENT – KEIN PRO BLEM. In dem Moment. Kein Problem. Ist es ein Wunder, dass Urán Tag für Tag leben wollte? Wenn die Vergangenheit schmerzhaft und unwiederbringlich und die Zukunft plötzlich so ungewiss ist, wird die Gegenwart zum einzigen festen Boden. Urán musste schnell erwachsen werden. Er bekam ein Fahrrad geschenkt, kurz bevor sein Vater starb, und gewann sein erstes Rennen. Er machte sich in der Region einen Namen, und mit 17 wurde das Continental-Team Orgullo Paisa auf ihn aufmerksam. Nach kolumbianischen Bestimmungen können Fahrer erst ein Gehalt bekommen, wenn sie 18 sind, aber er überredete sie, ihm eine Lohntüte zu geben, damit er seiner Mutter Geld schicken konnte. Es dauerte nicht lange, bis er die Reise nach Europa antrat. Ein Bekannter vermittelte ihn 2006 zum Team Tenax in Italien, und plötzlich war Urán mit 19 Jahren Radprofi. Am Anfang war es ein steiniger Weg. Er erlitt in den ersten beiden Jahren zwei schwere Stürze; der erste führte zu einem Schlüsselbeinbruch bei seiner ersten Bekanntschaft mit belgischem Kopfsteinpflaster, der zweite zu zwei gebrochenen Ellenbogen und einem gebrochenen Handgelenk bei der Deutschland Tour. „Bei dem zweiten sagten sie mir, es würde schwer, vollständig zu genesen. Daher machte ich mir Sorgen, nie wieder Rennfahrer sein zu können – ich hatte gerade erst angefangen.“ Zu den Blessuren kam das Gefühl der Fremdheit hinzu, in eine neue Kultur und Sprache, die er nicht verstand, hineingeworfen zu sein. Hat er je befürchtet, dass dieses Leben vielleicht doch nichts für ihn sei? „Ich weiß nicht. Die Zukunft kennst du nicht. Du kommst halt klar.“ Urán setzte weiter einen Fuß vor den anderen, und ein Jahrzehnt später ist er hier, einer der bestbezahlten Radrennfahrer der Welt und Mitfavorit für die nächste Tour. Obwohl es letztes Jahr um diese Zeit anders ausgesehen hat. Ein Stern, der einst verheißungsvoll leuchtete, schien verblasst zu sein. Urán wechselte 2011 von Caisse d’Epargne zum Team Sky und war 2013 und 2014 jeweils Zweiter des Giro d’Italia. Aber als er die vermeintlich besten Jahre eines Rundfahrers erreichte, blieb er hinter den von ihm geweckten Erwartungen zurück, wurde 14. beim Giro 2015 und dann Siebter 2016. Anfang Juli hatten ihn nur noch wenige als Rundfahrer auf der Rechnung. „Du fängst an zu zweifeln, ja. Ich zweifelte an mir, aber ich glaube nicht, dass ich je an meinen Fähigkeiten gezweifelt habe – es war mehr meine Gesundheit“, sagt Urán, der bei seinen letzten beiden Giro-Teilnahmen durch eine Bronchitis 46 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

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