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Procycling 02.18

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RIGOBERTO URÁN ICH KANN

RIGOBERTO URÁN ICH KANN NICHT SAGEN, ES KOMMT, WIE ES KOMMT, WÄHREND ICH AUF MEINEM HINTERN SITZE. ICH MUSS RAUS UND TRAINIEREN, OPFER BRINGEN, HART ARBEITEN. ICH KANN NICHT EINFACH AUF GUTE ERGEBNISSE WARTEN. gehandicapt wurde. „Das Wichtigste bei einem dreiwöchigen Rennen ist, sich an allen 21 Tagen okay zu fühlen – die Form ist wichtig, aber auch deine Gesundheit. Daher hatte ich Zweifel, aber Zweifel, ob ich für die Dauer des Rennens gesund bleibe. Im Nachhinein sehe ich diese Jahre als normal an. Was die Resultate angeht, war es – zumindest bei den großen Rundfahrten – vielleicht nicht so erfolgreich, wie ich gehofft hatte, aber manchmal kommen die Resultate, manchmal nicht.“ Urán, der im ersten Teil der Saison solide, wenn auch unspektakulär fuhr, ging in die letztjährige Tour in der Hoffnung auf einen Etappensieg und einen Platz in den Top Five, aber nutzte die – wie er sagt – „beste Form, die ich je in meiner Laufbahn hatte“. Was hatte sich geändert? „Nichts, überhaupt nichts. Ich bin derselbe. Ich habe die gleiche Arbeit gemacht. Das Einzige, was sich verändert hat, ist das Ergebnis. Ich hatte immer den Glauben; du musst nur warten, bis alles passt. Alles kommt zu seiner Zeit.“ Es wird schnell klar, dass Rigoberto Urán mehr ist als ein Radrennfahrer. Aber man fragt sich, wie viel die Leute davon sehen. Für jemanden, der Kurs auf das Podium genommen hatte, blieb er bei der Tour seltsam unbehelligt. Die berühmten Horden kolumbianischer Fans hauten natürlich auf den Putz und pendelten zwischen ihm und dem Movistar-Bus des angeschlagenen Nairo Quintana, aber ansonsten bekam Urán wenig Aufmerksamkeit. Auf dem Gipfel des Col d’Izoard, der letzten Bergetappe des Rennens, umschwärmten die Fernsehkameras und Renn ­ komissäre das Gelbe Trikot von Chris Froome, der in den Anti-Doping- und dann in den Podiumsbereich eskortiert wurde. Unterdessen belagerten die Medien die große französische Hoffnung Romain Bardet, der im Schneidersitz auf dem Asphalt saß und ausdruckslos ins Leere starrte – ein dramatisches Bild eines Sportlers, der begriff, was das für ihn und sein Land bedeutete. Bei Urán war es ein nüchterneres Bild. Nur eine Handvoll Reporter wollte etwas von ihm wissen, als er eine Jacke und einen Schal von seinem Pfleger entgegennahm und sich erkundigte, wo sein Teambus stand. Er beantwortete höflich ein paar Fragen, schaute sich die chaotische Szene am Gipfel an und fuhr runter, weg von dem Rummel. Man hat das Gefühl, dass Urán – zumindest auf den oberflächlichen Beobachter – unnahbar und undurchdringlich wirkt. Aber er ist tatsächlich extrovertiert, seine Persönlichkeit sprudelt aus der Dampfdrucktopf-Atmosphäre großer Rennen hervor. „Er tanzt gerne zu kolumbianischer Musik – sehr gern, und er singt gerne kolumbianische Songs mit – sehr gern. Immer und überall“, sagt EF-Drapac-Teammanager Jonathan Vaughters uns mit einem Lachen. Urán ist, allen Berichten zufolge, ein Naturtalent darin, Leute zum Lachen zu bringen, ein geborener Entertainer. Er treibt gerne Scherze, und vor Kurzem sorgte er in ganz Kolumbien für Furore, als er sich bei einem Besuch des Präsidentenpalastes aufs Rednerpult stellte, als Staatschef posierte und mit seinen Visionen für das Land Lachanfälle auslöste. Die fotografischen Beweise davon machten wenig später auf seinen Social-Media-Accounts mit dem Hashtag #RigoPresidente die Runde. Es gibt sogar eine YouTube-Zusammenstellung seiner locuras – seiner Verrücktheiten. Aber vielleicht verbergen Uráns „Es kommt, wie es kommt“- und „Tag für Tag“-Philosophien auch das Ausmaß seiner Ambition. Schließlich kann man eine solche Hintergrundgeschichte nicht ohne ein hohes Maß an Ehrgeiz und Entschlossenheit haben. Was anfangs wie Zurückhaltung wirkt, ist tatsächlich Zähigkeit und Hartnäckigkeit. „Ich kann nicht sagen, es kommt, wie es kommt, während ich zu Hause auf meinem Hintern sitze. Ich muss raus und trainieren, Opfer bringen, hart arbeiten. Ich kann nicht einfach auf gute Ergebnisse warten“, sagt er. „Die Ruhe kommt, wenn das Resultat da ist. Danach. Denn was passiert ist, ist passiert.“ Vaughters fügt hinzu: „Wenn man ihn persönlich kennenlernt, ist er unglaublich ambitioniert und konzentriert, aber er arbeitet unauffällig, das ist die richtige Art für ihn. Er ist sehr autonom und tut, was er tun muss, ohne viel Einmischung oder Rat oder was auch immer. Wenn du ihn mit zu viel Infrastruktur umgibst, tut ihm das sogar weh.“ Urán hat einen gesunden Abstand zu seiner Arbeit. Er bezeichnet den Radsport als „Geschäft“ und versichert, dass ihm der damit verbundene Stress nichts anhaben kann. 48 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

RIGOBERTO URÁN Diese Stressfestigkeit wurde im vergangenen Sommer auf die Probe gestellt. Nach dem Erfolg bei der Tour wurden er und seine Teamkollegen per E-Mail informiert, dass sie an ihre Verträge nicht mehr gebunden seien. Er hatte gerade erst einen neuen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben, aber aufgrund einer Finanzierungslücke drohte dem Cannondale-Drapac-Team das Aus. Am Ende war er derjenige, der das Team rettete. Die Bewerber um seine Unterschrift standen Schlange, aber er ließ Vaughters zwei Wochen Zeit, einen neuen Sponsor zu finden, und Vaughters machte die Sache klar. Diese Episode unterstreicht nur Uráns Status als Kapitän, der eine besondere Verantwortung für den Erfolg des ganzen Teams hat. Mit fast 31 hat er nun einen Punkt erreicht, wo er begrenz ­ te Zeit hat, aus seiner Form Kapital zu schlagen und sie in Siege umzumünzen. Aber Urán ist ein Experte darin, Druck zu vermeiden. Die Tour, die Vuelta und die Weltmeisterschaft sind die wichtigsten Rennen auf seinem Kalender 2018, doch er versichert, es werde nicht so weit kommen, dass sie ihn als Person definieren. „Manchmal bewerten wir Resultate über. Meine Zufriedenheit hängt letztlich nicht davon ab, ob ich Rennen gewinne oder nicht“, sagt er und spricht begeistert über sein Familienleben und sein blühendes Geschäft mit Radsportbekleidung. „Für mich ist Radsport ein Job, einer, der mir Spaß macht, den ich respektiere und den ich so Urán rundete seine Saison im Oktober mit einem Sieg bei Mailand–Turin ab. gut wie möglich zu machen versuche. Aber Radsport ist nicht mein ganzes Leben. Er ist nur ein Teil davon“, stellt er klar. Nach einer langen Pause fügt er hinzu: „Ich versuche einfach alles, was ich mache, maximal zu genießen.“ Und damit wären wir wieder bei Rigoberto Uráns Wunsch, im Moment zu leben. Es ist wirklich eine einfache Philosophie – eine, die mit den Komplikationen der Vergangenheit und Zukunft aufräumt. Día por día. FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 49