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Procycling 02.18

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TIM WELLENS 52

TIM WELLENS 52 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

TIM WELLENS u hast 2017 sieben Siege geholt, aber die hügeligen Klassiker liefen nicht wie geplant und du bist aus der Tour de France ausgestiegen. Wie würdest du deine letzte Saison charakterisieren? Ich bin sehr zufrieden. Anfangs dachte ich, alles würde super einfach werden, weil meine ersten drei Siege schnell kamen – zwei bei der Mallorca Challenge und einer bei der Ruta del Sol. Der dritte Platz beim Strade Bianche war ein weiteres schönes Resultat. Strade Bianche war mein erstes Ziel. Bei Tirreno–Adriatico ließ meine Form ein bisschen nach. Ich war nicht wirklich schnell bei Tirreno oder den wallonischen Klassikern, die ein großes Ziel waren – ich hatte nicht das extra Quäntchen, um ein Resultat zu erzielen. Bei der Tour wäre ich gerne besser gefahren. Die Leute glauben, ich hätte die Tour wegen einer Al lergie aufgegeben, aber ich war auch krank. Und nach der Tour war zur BinckBank Tour wieder alles gut. Ich habe die Saison mit einem Sieg bei der Tour Guangxi stark abgeschlossen. Wirklich besonders war, dass ich mit einem Sieg angefangen und mit einem Sieg aufgehört habe. Damit bin ich zufrieden. Einige Fahrer fanden, dass die Eintagesrennen 2017 offener waren, dass sie angriffslustigen Fahrern lagen. Siehst du das auch so? Ja. Bei den wichtigen Rennen wie den flämischen Klassikern wurde viel angegriffen. Im Vorjahr gab Wellens fährt eine seiner typischen Attacken bei Lüttich–Bastogne–Lüttich. es bei den wichtigsten Rennen noch eine konservative Mentalität im Peloton. 2017 waren die flämischen Klassiker im Fernsehen toll anzuschauen, weil alle attackierten – wie Philippe Gilbert und Greg Van Avermaet. Worauf führst du die Veränderung zurück? Ich glaube, es waren die Fahrer selbst. Wenn die Kapitäne das Rennen früh eröffnen, fallen die Helfer schneller zurück und du hast eine viel größere Chance, vorn zu bleiben. Die Tatsache, dass die Kapitäne isoliert sind, trägt viel zu einem offenen Rennen bei. Die Tour hat es nicht gut mit dir gemeint. 2015 hattest du Ambitionen, eine Etappe zu gewinnen, hast dich aber schwergetan; 2017 hast du aufgegeben. Ja, obwohl André Greipel bei meinem Debüt vier Etappen gewonnen hat, daher war es für das Team sehr erfolgreich. Aber für mich nicht so sehr. Ich gehe immer mit dem Ziel in eine große Rundfahrt, eine Etappe zu gewinnen. Ich habe es 2015 versucht, aber es war nicht mein Jahr. Auch letztes Jahr war das Ziel, eine Etappe zu gewinnen. Das Problem ist, dass alle anderen das auch wollen! Hast du das Gefühl, mit der Tour noch eine Rechnung offen zu haben? Ja, aus dem Grund, dass die Tour das größte Rennen mit der meisten Publicity ist, aber zum zweiten Mal war die Tour nicht so, wie ich erwartet hatte. Ich schaltete mental auf die BinckBank Tour um und hatte sofort ein gutes Gefühl – das beste der ganzen Saison. Ich hatte beim Training viel Kraft in den Beinen und bekam die Bestätigung in Québec, wo ich Fünfter wurde. Dein Ruf als Profi ist der eines Fahrers, der früh attackiert. Bist du immer so gefahren? Nur so kann ich ein Rennen gewinnen. Ich kann den anderen folgen und Vierter oder Fünfter werden, aber um zu gewinnen, ist meine größte Chance, mich früh aus dem Staub zu machen. Es ist auch die Philosophie des Teams. Unser Sponsor Lotto sieht es gerne, dass wir attackieren und auf Sieg fahren, statt anonym im Peloton zu bleiben und auf dem dritten oder vierten Platz zu landen. Irgendwie ist Angreifen unser Motto. Ich hatte immer den Luxus, wählen zu können, wie ich ein Rennen fahre. Als Neuprofi musste ich erst beweisen, dass ich ein guter Fahrer bin, und dann bekam ich mehr Freiheiten, mir auszusuchen, was ich machen wollte. Das Team ermutigt uns wirklich zu attackieren und nicht, im Peloton mitzurollen und zu warten. „ICH KANN DEN ANDEREN FOLGEN UND VIERTER ODER FÜNFTER WERDEN, ABER UM ZU GEWINNEN, IST MEINE GRÖSSTE CHANCE, MICH FRÜH AUS DEM STAUB ZU MACHEN.“ Wie kam es, dass du dich im Laufe deiner Karriere spezialisiert hast? Ich mag einwöchige Etappenrennen wie die Eneco Tour, Tour de Pologne und Paris–Nizza wirklich gern. Ein Rennen wie die Dauphiné Libéré [Critérium du Dauphiné] zum Beispiel ist ein bisschen zu schwer. Aber die anderen Etappenrennen, die wallonischen Klassiker und die Lombardei- Rundfahrt mag ich wirklich. Dreiwöchige Rennen sind außerhalb meiner Reichweite: Sie sind zu lang und zu schwer. Auch der mentale Aspekt dreiwöchiger Rennen setzt mir zu: zu folgen, dich nie zu zeigen, und dann hast du einen schlechten Tag und alles ist vorbei – das ist nicht meins. Wir hören oft, dass Fahrer im Laufe ihrer Profikarriere abnehmen, aber bei dir ist es umgekehrt – du wirst schwerer. Ja. Es gibt einen großen Unterschied. Als Neuprofi war ich viel leichter und eher ein Kletterer, aber jetzt habe ich viel Muskelmasse angesetzt, daher liegen mir die sehr langen Anstiege heute etwas weniger. Als ich Profi wurde, wog ich 64 oder 65 Kilo, und jetzt wiege ich um die 70 Kilo. Viele Leute haben gedacht, dass ich bei dreiwöchigen Rundfahrten auf Gesamtwertung fahren könnte, aber ich habe schnell gemerkt, dass das nicht der Fall war. Du hast eine große Rundfahrt pro Jahr bestritten; kannst du dir vorstellen, an zweien teilzunehmen? Nein, ich möchte nur eine fahren. Du fährst eine Grand Tour und danach bist du viel schneller. Es ist ein Vorteil. Aber ich glaube, zwei große Rundfahrten pro Jahr sind zu viel. Du bist abwechselnd den Giro d’Italia und die Tour gefahren, aber nie die Vuelta a España. Ich glaube nicht, dass die Vuelta mir liegt. Ich bin sie nie gefahren, aber ich bin kein großer Fan, denn während der Vuelta gibt es sehr schöne Rennen wie die Eintagesrennen in Kanada [GP Québec und GP Montréal]. Für mich gehören sie zu FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 53