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Procycling 02.18

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E D U A R D O S E P Ú L

E D U A R D O S E P Ú L V E D A DER PILGER AUS PATAGONIEN © Graham Watson schen, und die Region heißt auch heute noch Y Wladfa. Da passt es, dass ein heutiger Einwohner von Y Wladfa, Eduardo Sepúlveda, sich den (angesichts seines Aufwachsens in einer der am dünnsten besiedelten Ecken der Welt ziemlich kühnen) Kindheits traum, Radprofi zu werden, nur erfüllen konnte, indem er die umgekehrte Reise antrat, die seine Vorfahren vor 150 Jahren unternahmen. Sepúlveda musste sich aus Patagonien herausarbeiten und es zurück nach Westeuropa schaffen, mit der zusätzlichen Schwierigkeit, dass sein Ausgangspunkt ein Ort war, an dem – wie es auf der Website seines früheren Fortuneo-Oscaro- Teams heißt – „man niemals damit rechnen würde, einem Radfahrer zu begegnen“. Und schon gar keinem Berufsradfahrer. Doch zwölf Jahre, nachdem seine persönliche Odyssee startete, hat Sepúlveda sich seinen Traum erfüllt, bei einem World Tour-Team zu fahren. Und im November fand er sich auf einem Sofa in einem Hotel im spanischen Pamplona am Trainingsstützpunkt von Movistar wieder. Sepúlveda 2015 bei seiner ersten Tour, bevor er von dem Rennen ausgeschlossen wurde. Der Argentinier feiert einen Solosieg bei der Tour de San Luis 2016. „ICH HABE MICH SEHR FÜR DEN SPORT ENGA GIERT, ABER EHRLICH GESAGT KONNTE ICH MIR NICHT VOR STELLEN, ALLE HINDERNISSE AUF MEINEM WEG ZU ÜBERWINDEN.“ „Ich hatte sehr, sehr viel Glück“, beschreibt der 26-Jährige mit schüchternem Understatement seinen Weg in die World- Tour. „Zu Hause in Argentinien habe ich mich sehr für den Sport engagiert, aber ehrlich gesagt konnte ich mir nicht vorstellen, alle Hindernisse auf meinem Weg zu überwinden.“ Das Problem war nicht nur, dass Patagonien am Ende der Welt liegt, wie Sepúl veda im Gespräch mit Procycling betont. „Ich bin sehr traurig über die allgemeine Situation des Radsports in Argentinien, denn wenn du dir die Gehälter, den Zugang zu Radsport-Equipment und den Rennkalender anschaust, ist alles sehr schwer.“ Selbst verglichen mit dem anderen großen südamerikanischen Land Brasilien – das ebenfalls nicht für Radsport bekannt ist – hinkt Argentinien weit hinterher. Während Brasilien rund ein Dutzend .2- oder .1-Rennen hat, gibt es in Argentinien nur eines: die Vuelta a San Juan. Sepúlvedas Landesrundfahrt hatte nur drei Auflagen: 1952 (der Sieger war ausgerechnet der belgische Klassiker-Held Rik Van Steenbergen), 1999 und 2000. Die Vuelta a Argentina, wegen schlechter Organisation schon häufiger kritisiert, war nach einem erschütternden Massensturz in ihrem letzten Jahr, als ein Lkw ins Peloton fuhr und der spanische Fahrer Saúl Morales starb, komplett aus den Schienen geraten. Das Rennen wurde eingestellt und nie wieder ausgetragen. WEG VON ZU HAUSE Fast zwei Jahrzehnte später sagt Sepúlveda: „Es mangelt hier immer noch an Sponsoren, weil sie sich vor allem auf Fußball und Motorsport konzentrieren. Das Problem ist, dass der Radsport in Argentinien immer noch nicht den Status hat, den er meiner Meinung nach verdient.“ Unter diesen Umständen machte Sepúlveda seine ersten Schritte in Richtung Profikarriere, indem er Patagonien mit 15 verließ und in die 1.500 Kilometer entfernte Hauptstadt Buenos Aires zog. Ganz abgesehen von seinem Alter war die Umstellung vom Leben in einer Region, in der weniger als zwei Menschen auf einem Quadratkilometer leben, zu Buenos Aires gewaltig. „Ich wollte versuchen, vom Radfahren zu leben“, erklärt Sepúlveda, „aber es war verrückt und gewagt. Doch damals habe ich es gemacht, ohne darüber nachzudenken.“ In seiner Heimatstadt Rawson zu bleiben, der Hauptstadt der Provinz Chubut in Patagonien, kam nicht infrage. In Rawson gebe es nur zwei Straßen, die sich zum Training eignen würden, sagt er. „Außerdem war ich in der Bahn-Nationalmannschaft, aber es gab auch keine Radrennbahnen in der Nähe.“ Ein weiterer Grund, warum Sepúlveda sein Elternhaus so früh verließ, war 58 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

© Yuzuru Sunada FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 59