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Procycling 02.18

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E D U A R D O S E P Ú L

E D U A R D O S E P Ú L V E D A DER PILGER AUS PATAGONIEN © Getty Images eine private Tragödie: Sein Vater, ein begeisterter Radsportler, starb bei einem Autounfall. Die Sepúlvedas, Vater und Sohn, waren nach einem Jugendrennen, das Eduardo gewonnen hatte, mit dem Auto auf dem Heimweg – sie wollten die Nacht durchfahren –, als sie um drei Uhr morgens bei dichtem Nebel in der patagonischen Wüste ins Schleudern gerieten und sich überschlugen. Sepúlveda wurde nur leicht verletzt, doch sein Vater starb. Es überrascht nicht, dass ein so schreckliches Ereignis Sepúlveda inspiriert hat, weiter Radsport zu betreiben, um das Andenken seines Vaters zu ehren. Nach dem Tod des Vaters hatte Sepúlveda praktisch keine andere Wahl, als seine Zelte abzubrechen, da er sich mit 15 nicht selbst zu den Rennen chauffieren konnte. „Mein Vater hatte mich immer herumgefahren, und ich fragte mich, was ich zu Hause sollte“, erzählt er. „Selbst wenn ich mobil gewesen wäre, gab es in der Gegend nur rund zehn Rennen im Jahr auf meinem Niveau. Vier oder fünf Monate nach dem Tod meines Vaters bin ich weggezogen.“ EINE WELT VOLLER RENNEN Buenos Aires war weit weg von seiner Familie und seinem früheren Leben, aber es ist eine der wenigen Gegenden in Argentinien mit einer nennenswerten Dichte an Radsportaktivitäten. Und verglichen mit dem Straßenradsport hat der Bahnradsport – den Sepúlveda als Teenager hauptsächlich betrieb – starke Wurzeln in Argentinien. Schon in den 1930ern gab es das (mittlerweile eingestellte) Sechstagerennen von Buenos Aires im weltberühmten Luna Park, das Fausto Coppi 1958 gewann. „Es war sehr hart, dort zu leben. Ich war allein und sehr jung“, erzählt er. „Auf der EIN GROSSES LAND MIT KURZER RADSPORTGESCHICHTE ARGENTINIENS RADSPORTSTARS Verglichen mit Südamerikas führender Radsportnation Kolumbien, in der die Wurzeln des Sports bis in die 1940er-Jahre zurückreichen, ist Straßenradsport auf höchstem Niveau in Argentinien relativ neu. Bisher war der erfolgreichste Argentinier der mittlerweile zurückgetretene Juan José Haedo, dessen Vater Juan Carlos Argentinien bei den Olympischen Spielen vertrat und dessen jüngerer Bruder Sebastián immer noch bei UnitedHealthcare in die Pedale tritt. JJ Haedo brachte es als Profi in der World- Tour in der Zeit von 2007 bis 2012 auf 24 Siege, darunter Etappen beim Critérium du Dauphiné und der Volta a Catalunya. Haedos Sprintsieg bei der Vuelta a España 2011 war der erste Grand-Tour-Etappenerfolg eines Argentiniers. Sein Landsmann Max Richeze hat zwei Etappensiege vom Giro 2007 zu Buche stehen, die ihm zuerkannt wurden, nachdem Alessandro Petacchi positiv auf das Asthmamittel Salbutamol getestet wurde. Haedo nahm zudem 2012 als erster Argentinier an der Tour de France teil – obwohl man einwenden könnte, dass der ehemalige Klassiker-Spezialist Juan Antonio Flecha, der in Argentinien geboren, aber als Kind in Spanien eingebürgert wurde, bereits diese Ehre hatte. Aber was die Geschichtsbücher angeht, sind die einzigen drei Tour-Teilnehmer aus Argen - tinien bisher JJ Haedo, Sepúlveda und Richeze. anderen Seite konnte ich einmal in der Woche ein Rennen fahren. Als ich von Argentinien nach Europa zog, war ich schon abgehärtet und hatte mich daran gewöhnt, längere Zeit alleine zu leben, was sehr wichtig war.“ Aber dass Sepúlveda den Atlantik überquerte, war einer ebenso großen Portion Glück zu verdanken. „Aus Argentinien herauszukommen, war am schwersten. Es gibt drei oder vier Continental- Teams, aber die treten nicht im Ausland an, sodass die Jungs keine Erfahrung sammeln können“, sagt er. „Aber mit der Bahn-Nationalmannschaft trainierten wir viel für die Verfolgung, und 2012 sind wir zur Vorbereitung die Tour de San Luis gefahren. Die UCI hat Talentscouts in Südamerika. Einer von ihnen sah mich dort und überredete mich, in die Schweiz zu ziehen und mich ihrem Development- Team anzuschließen. Es war ein sehr neuer und ganz anderer Lebensstil in der Schweiz und eine wirklich große Umstellung. Aber ich dachte nie daran, zurückzugehen.“ Die Welt des europäischen Radsports öffnete sich nicht plötzlich für Sepúlveda, vielmehr nahm er unter den Fittichen des altgedienten UCI-Trainers Jean-Jacques Henry sechs Kilo ab und stellte fest, dass schnell bergan zu fahren gar nicht so schwer war. „Ich stellte fest, dass ich neben dem Zeitfahren auch klettern konnte“, sagt er. „Ich war ein Flachlandbewohner in Argentinien, denn es gab in meiner Umgebung nichts anderes – keine Berge. Aber seit der Schweiz habe ich bei den Rennen immer auf die Bergetappen gewartet, um zu sehen, was ich dort erreichen konnte.“ Nach sechs Monaten in Aigle fuhr Sepúlveda als Stagiaire für FDJ, obwohl er wusste, dass langfristig für ihn kein Platz in dem Team war. Stattdessen brachten Top-Ten-Plätze im Prolog und bei einer Bergetappe der Tour de l’Avenir ihm einen Vertrag mit Bretagne-Séché Environnement für 2013 ein. Er verbrachte die nächsten fünf Jahre bei dem bretonischen ProConti-Team, aus dem Fortuneo-Oscaro wurde. Während er ein starker Zeitfahrer blieb, arbeitete Sepúlveda am Klettern, was sich schnell in den Resultaten niederschlug. 2014 holte er einen zweiten Platz am Mont Faron bei der Mittelmeer-Rundfahrt und einen 60 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

„MOVISTAR IST EIN GROSSER SCHRITT, ABER ES HAT MIR NEUE ENERGIE GEGEBEN: ES FÜHLT SICH AN, ALS HÄTTE ICH GERADE MEINEN ERSTEN PROFIVERTRAG UNTERSCHRIEBEN.“ sechsten am Col d’Ospedale beim Critérium International. Aber eine Knieverletzung hinderte Sepúlveda an seinem Debüt bei der Tour de France im Juli. Dieses „Zwei Schritte vor, anderthalb Schritte zurück“-Muster sollte sich in den folgenden Jahren verfestigen. 2015 gewann Sepúlveda zwei kleinere französische Eintagesrennen, die Tour de Doubs und das Classic Sud Ardèche. Aber sein Tour-de-France-Debüt in jenem Jahr endete auf der 14. Etappe im Desaster. Wegen eines Defekts in Panik geraten, fuhr er im Wagen eines rivalisierenden Teams mit, um zu der Stelle zu gelangen, wo sein neues Rad auf ihn wartete. Es waren höchstens 100 Meter auf vier Rädern Sepúlveda (links) in den Alpen bei der Tour de France 2017. statt auf zwei, aber selbst mit einer so kurzen Distanz war eine dicke rote Linie überschritten, und er wurde prompt disqualifiziert. „Das Problem war, dass die Kette an einem Punkt riss, wo ein Mannschaftswagen den Ausreißern folgte und der andere schnurstracks an mir vorbeifuhr. Es war ein stressiger Moment und ich habe die falsche Entscheidung getroffen“, sagte Sepúlveda im folgenden Frühjahr in einem Interview mit Cyclingnews. „Den Fehler versuche ich in Zukunft zu vermeiden.“ Was Salz in seine selbst zugefügte Wunde rieb, war natürlich, dass er zu dem Zeitpunkt 19. in der Gesamtwertung und ein Top-15-Platz noch in Reichweite war. Für einen Tour-Neuling in einem ProConti- Team wäre das ein bemerkenswertes Ergebnis gewesen. „Er gehörte definitiv zu den stilleren Jungs des Teams, aber er hatte Selbstvertrauen“, sagt uns Dan McLay, der britische Sprinter, der drei Jahre mit Sepúlveda für das französische Team fuhr. „Er hatte manchmal Pech und er war auch nicht sehr locker, was es schwierig machte mit den Stürzen. Aber er ist ein starker Kletterer, und das konnte man manchmal sehen – so wie 2015 vor der Tour, als er auf einer Etappe der Route du Sud in einer Gruppe mit Contador und Quintana über den größten Anstieg kletterte.“ (Er wurde schließlich Fünfter.) Wie McLay es ausdrückt, gab es Momente der Brillanz, doch trotz dieser Glanzlichter hat man zunehmend das Gefühl, dass Sepúlveda mit angezogenen Bremsen fährt. Auch hatte er es mit unglücklichen Unfällen zu tun: Anfang 2016 wurde bei einem französischen Eintagesrennen eine Absperrung von einem orkanartigen Windstoß erfasst und durch die Luft gewirbelt – genau in dem Moment, als er vorbeifuhr. „Ich verlor © Sirotti FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 61