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Procycling 02.18

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CHRISTIAN GRASMANN Eine

CHRISTIAN GRASMANN Eine von außen unscheinbare Lagerhalle im oberbayerischen Holzkirchen birgt in ihrem Inneren einen Radsportschatz. Mehr als 30 Rennmaschinen befinden sich in der Garage am Ortsrand der typisch alpenländischen Kleinstadt: Klassiker längst vergangener Rennradepochen, seltene Ausstellungsstücke und Renner, die gerade noch bei Bahnrennen in der ganzen Welt unterwegs waren und, auf Hochglanz poliert, auf ihren nächsten Einsatz warten. Dazwischen: Kisten voller Trikots, alter Pokale, Siegerkränze, Startnummern und unzähliger Ehrenwimpel von früheren Rennen. Hier, in einem Materialdepot in einer 15.000-Seelen-Gemeinde 30 Kilometer südlich von München und nur einen Steinwurf von den Alpen entfernt, wird ein Stück Radsportgeschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines der erfahrensten und zugleich polarisierendsten Sechstagerennfahrer Deutschlands: Christian Grasmann. 17 Saisons auf den Winterbahnen, mehr als 80 Sixdays. Grasmann, 36 Jahre alt, ist einer der letzten Bahnprofis, die einer Ära entstammen, als die Sechstagerennen noch Hochkonjunktur hatten und in ganz Europa winterliche Publikumsmagneten waren. Schon in den 2000er-Jahren fährt er Schulter an Schulter mit Größen wie Bruno Risi, Franco Marvulli, Rolf Aldag und Erik Zabel. Und er erlebt hautnah mit, wie viele traditionsreiche Events plötzlich reihenweise aus dem Kalender verschwinden: Dortmund, Grenoble, Köln, Stuttgart, Zürich – als Grasmanns Karriere beginnt, geht die große Sechstagezeit langsam zu Ende. „Das mitzuerleben, hat verdammt wehgetan“, erinnert er sich. 17 SAISONS AUF DEN WINTERBAHNEN, MEHR ALS 80 SIXDAYS. GRASMANN, 36 JAHRE ALT, IST EINER DER LETZTEN BAHNPROFIS, DIE EINER ÄRA ENTSTAMMEN, ALS DIE SECHSTAGERENNEN NOCH HOCHKONJUNKTUR HATTEN. Als die Radrennbahn in der Münchner Olympiahalle, in der bis 2009 die Münchner Sixdays, sein Heimat-Event, ausgetragen wurden, abgebaut wird, ist auch er dabei. Ein kleines Stück Holz, die 120-Meter-Marke, hat er sich zur Erinnerung aufgehoben. Auch sie zählt zu seiner Sammlung in Holzkirchen. Grasmann ist wütend und enttäuscht zugleich, wenn er von dieser Zeit erzählt. „Es hat sich seitdem in der Szene leider kaum etwas verändert. Und ehrlich gesagt kann ich dieses übermütige Geschwafel im Radsport nicht mehr hören: Alle wollen WorldTour oder große Events – am Ende passiert aber doch wieder nichts. Wir brauchen uns nicht zu wundern: Der Radsport hat die breite Masse, die Medien und die Sponsoren mit Hochmut und der kaum vorhandenen Bereitschaft, sich zu modernisieren, vor den Kopf gestoßen. Und was mit den Sixdays passiert, ist dafür ein gutes Beispiel.“ Während Grasmann durch das Materialdepot führt und die vielen im Laufe seiner langen Karriere gesammelten Schätze zeigt, sind die Leidenschaft, aber auch die Ernüchterung, die sich in 17 Jahren Radsport bei ihm angesammelt haben, unverkennbar. Bis heute hat sich der Sechstagezirkus nicht mehr erholen können. Mit Bremen und Berlin gibt es seit Jahren nur noch zwei Sixdays auf deutschem Boden, Letzteres wird längst von einer großen Sportmarketingagentur aus Großbritannien gesteuert. Grasmann, der sich trotz zweier Sechstagesiege – 2016 in Bremen gemeinsam mit Kenny De Ketele und 2017 in Rotterdam zusammen mit Roger Kluge – selbst als „höchstens drittklassigen Fahrer“ bezeichnet und für den eine Straßenkarriere in der WorldTour oder eine mögliche Tour-de- France-Teilnahme niemals zur Debatte stand, hat sich trotzdem durchgebissen. Ein Kampf, den er oft alleine ausgetragen hat. Jahr für Jahr, Rennen für Rennen. Es ist das Talent des Christian Grasmann, dass er eben mehr kann als nur Rad fahren. Der „Grasi“, wie er in der bayerischen Radszene genannt wird, ist nicht nur Radprofi, sondern auch Manager. Er berät Events, hilft Fahrerkollegen, ist Vereinsvorstand seines eigenen Clubs, des RSV Irschenberg, und mit den Maloja Pushbikers hat er eines der international bekanntesten Bahnrennteams aufgebaut. 70 Stunden die Woche arbeitet er an seinem Traum, Rad- 66 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

CHRISTIAN GRASMANN profi zu sein und „gleichzeitig dem Bahnradsport einen neuen Anstrich zu verpassen“. Grasmann, der früher für seine Ideen und Projekte oft belächelt worden ist, sagt selbst: „Ich bewege mich in einer Nische. Und es ist eine, in die sich sonst nur wenige trauen.“ Junioren, Nationalmannschaft, Profivertrag – dass Grasmann schon in jungen Jahren nicht den konventionellen Pfad eines Radprofis geht, sondern sich stattdessen lieber seinen eigenen Weg sucht, hat viele Gründe. Einer ist, dass er gerne sagt, was er denkt. Der Bayer mit dem rasierten Kopf und dem Vollbart ist jemand, der das Herz auf der Zunge – oder eben auf dem Sattel – trägt. Grasmann ist ein Revolutionär, einer, der polarisiert, einer, der gerne aus gängigen Konventionen ausbricht – und beim Versuch, Funktionäre und Veranstalter von seinen Ideen zu überzeugen, schon mal den Finger auf die Wunde legt. Eine Eigenschaft, die gerade im starren System des Profiradsports nicht überall gut ankommt: „Es ist nun einmal so, dass wir im Radsport ein Systemproblem haben. Was für einen Anreiz habe ich denn als junger Mensch, am Sonntagvormittag gegen 18 andere Fahrer ein Kriterium in einem Industriegebiet ohne Zuschauer zu fahren? Leider so gut wie keinen. Da wurde einiges verschlafen“, ist in etwa einer seiner Kritikpunkte. Er muss es wissen: Ein beachtlicher Teil des Lagers in der Holzkirchner Garage wird von dem Material der Jugendfahrer des RSV Irschenberg eingenommen – einer der erfolgreichsten Nachwuchsmannschaften Deutschlands. Es ist eines von vielen Projekten Grasmanns. EIN FRÜHER KARRIERERÜCKSCHLAG Während er auf das Material der Youngster, der „Maloja Pushbikers Future Stars“, wie sie im Verein genannt werden, zeigt, erinnert sich Grasmann selbst an seine Zeit als junger Rennfahrer. Als Quereinsteiger und ehemaliger Skifahrer beginnt er erst mit 19, richtig zu trainieren. Er hat Talent. Bei seinem ersten Sichtungsrennen überzeugt der groß gewachsene Bayer die bayerischen Landestrainer auf Anhieb. Es dauert nicht lange, dann fährt er Bundesliga und erhält Sportförderung. Feste Strukturen, vorgegebene Trainingsschemata – so richtig warm wird er mit den Routinen im Verband allerdings nicht. Auch nicht, als er 2004 in Leipzig überraschend, wie aus dem Nichts, Dritter bei der deutschen Meisterschaft in der Einerverfolgung wird – nur knapp hinter einem gewissen Jens Lehmann, seines Zeichens immerhin Olympiasieger. Ein paar Wochen später kommt jedoch der Rückschlag: Grasmann, der Mit seinen Ideen will Grasmann den Bahnradsport revolutionieren. Das Rezept: Profis, Amateure und Jugend unter einem Dach, dazu eine Prise erfrischendes Marketing. FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 67