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Procycling 02.18

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CHRISTIAN GRASMANN ©

CHRISTIAN GRASMANN © Niculin Pitsch (klein), Werner Müller-Schell (oben rechts) es gerade in den Kader geschafft hat, wird bei einer Sichtung von Leistungssportdirektor Burckhard Bremer als Fahrer ohne Perspektive eingestuft. Mit 23 Jahren. „Ich war als Quereinsteiger super motiviert und hatte echt Bock – und dann kriegst du als junger Mensch so eine Ansage. Ohne Diskussion, ohne jegliche Chance. Das tötet doch jede Ambition“, erinnert er sich. Zu alt, zu wenig systemkonform. Nach der Enttäuschung im Nachgang der erfolgreichen deutschen Titelkämpfe will er alles hinschmeißen. Es kommt nicht von ungefähr, dass der heutige Sixdays-Star mittlerweile keinem jungen Fahrer mehr empfiehlt, den klassischen Weg über den Verband einzuschlagen. „De facto ist es leider so – und dafür gibt es zwei Gründe“, murmelt er. „Heutige Nationalmannschaften lassen keine Freiheiten mehr zu. Die Teilnahme an lukrativen Sechstagerennen, mit denen die jungen Profis ihren Sport finanzieren könnten, wird oftmals untersagt, das Geld fließt aber gleichzeitig nur in die Topfahrer. Natürlich könnte man sich hochkämpfen – aber wer soll das dann finanzieren?“ Für den Revoluzzer Grasmann ist die leistungssportliche Disqualifikation durch Bremer allerdings eine Initialzündung: Gemeinsam mit Freunden und Förderern geht er fortan seinen eigenen Internationales Bahnteam, Frauenequipe, Nachwuchsplattform – die Maloja Pushbikers sind das Herzensprojekt Christian Grasmanns. Weltweit ist die seit 2010 an den RSV Irschenberg angegliederte Equipe unterwegs, ohne dabei ihre Heimat zu vergessen. Neben den Profis gibt es über 60 Nachwuchslizenzen, bei bayerischen und deutschen Meisterschaften sammelt man Medaillen am Fließband. Nicht umsonst ist Grasmann von seinem Projekt überzeugter denn je: „Als wir aufgebrochen sind, hätten uns wohl die Wenigsten zugetraut, dass wir sieben Jahre später weltweit Rennen gewinnen. Und irgendwie stehen wir gerade erst am Anfang. Die Maloja Pushbikers Future Stars können das bezeugen.“ Mehr Informationen gibt es unter: www.malojapushbikers.com Weg. Es ist ein Weg mit Umwegen, aber geleitet von einer Vision: den Profiradsport modern zu interpretieren. Beim RSV Götting-Bruckmühl, bei dem er damals Schulter an Schulter mit einem gewissen Ralph Denk fährt, findet er Mitstreiter. Doch der Streit um ein neues Trikot beendet auch diese Ära schnell. „Wir wollten einen Neustart, mit neuen Sponsoren. Unser Trikotentwurf war etwas moderner als bisher, der alte Vorstand hat das Design aber abgelehnt. Die Begründung: Ein Straßenprofi darf nicht wie ein Mountainbiker aussehen.“ Grasmann muss heute lachen, wenn er diese Anekdote erzählt. „Wir haben den Verantwortlichen dann ein Ultimatum gestellt: Entweder dieses Trikot oder wir gehen – am Ende sind wir gegangen.“ Ein paar Monate später, im Frühjahr 2007, gründet er den RSV Irschenberg – den Club, für den er heute noch fährt. Im ersten Stock in seinem Materialdepot in Holzkirchen hat sich Grasmann ein Loft eingerichtet. Auch hier sind Räder ausgestellt, eine bequeme Ledercouch, Holzmobiliar und Musikboxen sorgen für entsprechendes Ambiente. Von hier aus managt er alle seine Aktivitäten: den Verein, die Jugendfahrer, die Bahnequipe, seine Karriere. In einer Kiste wühlt er nach alten Startnummern. Er findet die Akkreditierung des Berliner Sechstagerennens aus dem Jahr 2005 – eines der ersten seiner Karriere. Damals noch Lückenfüller im Sixdays-Peloton, ist er heute eines der Aushängeschilder der Szene geworden. Das Publikum liebt den oberbayerischen Revoluzzer und seine direkte Art – und der zahlt es mit Leistung zurück. 2010 und 2015 gewinnt er zwei deutsche Meisterschaften, 2013/14 und 2014/15 zweimal die britischen Revolution-Series. Im Feld befinden sich keine Geringeren als die Tour-Stars Mark Cavendish und Bradley Wiggins. Das Thema Bahn-Nationalmannschaft ist aber passé – für immer. „Ich gehe Hindernissen aus dem Weg. Daher gilt für mich: Der beste Kontakt mit dem BDR ist kein Kontakt“, stellt er klar. Es kommt nicht von ungefähr, dass auch die Maloja Pushbikers ohne UCI-Continental-Lizenz unterwegs sind. Eine Mannschaft, die über die Jahre gewachsen und mittlerweile auf der ganzen Grasmann mit der Akkreditierung für das Berliner Sechstagerennen 2005. War er damals noch als Lückenfüller im Feld unterwegs, ist er heute selbst einer der Vorreiter der Szene. Welt gefragt ist – egal, ob bei Sechstagerennen, Kriterien oder Fixed-Gear-Events. Stars wie Leif Lampater, Marcel Kalz oder Maximilian Beyer gehörten bereits zum Kader. „Wir verkaufen Image, Lifestyle, Leidenschaft“, sagt Grasmann. Er bezeichnet die Pushbikers gerne als Start-up des Radsports [siehe Infokasten links]. Auch wenn das Geld oft knapp ist: Ein gutes Rennprogramm kann er seinen Fahrern doch immer bieten: Sechstagerennen, UCI-Rundfahrten im Iran, Kriterien in New York, Bahn-Events in Australien und England. Falls doch noch etwas im Budget übrig bleibt, investiert er es in Marketing. „Wir wollen dem Bahnradsport einen neuen Anstrich verpassen. Es geht bei uns um das große Ganze“, betont er immer wieder. DER SELBST FAHRENDE MANAGER Was er als großes Ganzes meint, zeigt sein Projekt beim RSV Irschenberg: Die Pushbikers fungieren hier als direkte Vorbilder des Nachwuchses. Stars zum Angreifen, die die Jungen motivieren sollen. Mit Erfolg: 300 Mitglieder, mehr als 60 Nachwuchslizenzen gibt es. Bei den bayerischen Landesmeisterschaften ist das Team eines der erfolgreichsten des Freistaates. Sieben Leute finden mittlerweile eine Dauerbeschäftigung in dem Großprojekt. Die wichtigste Hilfe an Grasmanns Seite: seine Lebensgefährtin Anne. Sie entwickelt Ideen mit und kümmert sich im Hintergrund. Besonders, wenn Grasmann, seit einem Jahr Vater eines Sohnes, im Winter selbst auf Tour ist: Von Dezember bis Februar verdient er fast das ganze Geld für die gesamte Saison. Die Sixdays in Gent, Bahnrennen in Australien, die Sechstagerennen in Rotterdam, Bremen, Berlin und Kopenhagen sowie die Revolutions-Serie in England – rennfreie Tage gib es nur wenige. „Das ist die einzige Zeit im Jahr, in der wir ein 68 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

CHRISTIAN GRASMANN bisschen Aufmerksamkeit für den Bahnradsport bekommen – und das müssen wir auch entsprechend ausnutzen.“ Trotz des Erfolges mit dem RSV Irschenberg und den Maloja Pushbikers – an seine Grenzen stößt Grasmann dennoch immer wieder: etwa, wenn seine Fahrer aufgrund der Regularien nicht die Trikots mit den Sponsoren der Pushbikers tragen dürfen, oder wenn ein Kriterium irgendwo in einem abgelegenen Industriegebiet stattfindet und er den Eltern der Youngsters erklären muss, warum es sich trotzdem lohnt, im Radsport am Ball zu bleiben. „Das Wichtigste in unserem Sport ist doch die Community. Es ist erst einmal egal, ob man Sixdays-Profi oder normaler Rennradfahrer ist – vor allem fährt man gerne Rad. Es gibt einen Grund, warum Events wie Red Hook oder Rad Race so erfolgreich sind, die Amateurrennen aber gleichzeitig ums Überleben kämpfen. Aber die Jugend begeistern, Sponsoren gewinnen – das versteht der Verband leider immer noch nicht.“ Wenn Grasmann spricht, ist er kaum zu stoppen. Er lebt den Radsport, er liebt ihn. Und genau deshalb setzt er sich so für ihn ein – auch wenn er damit so manch Alteingesessenen vor den Kopf stößt. Nichtsdestotrotz gilt: Sportler, die aus Liebe zu ihrem Sport den Mut beweisen, aus Konventionen auszubrechen, gibt es nicht oft. Und gerade diese Eigenschaft ist es, die Grasmanns Karriere zu dem macht, was sie ist: einem anderen Weg, einem Weg abseits des Mainstreams. Und Mit mittlerweile fast 37 Jahren befindet sich der Oberbayer im Herbst seiner Karriere. Ideen für die Zeit nach dem aktiven Radsport hat der findige Oberbayer genügend. es ist auch eine Eigenschaft, die den „höchstens drittklassigen Fahrer“, wie er zum Ende des Besuchs im Holzkirchner Materialdepot grinsend wiederholt, zum vielleicht letzten großen Aushängeschild der Sixdays-Szene macht. Im März wird Grasmann 37. Den Kampf für einen besseren Radsport, die Doppelrolle als Fahrer und Teammanager, den Spagat zwischen Familienvater und durch die Welt tingelndem Radprofi – lange will er sich die Mehrfachbelastung nicht mehr antun. „Vielleicht noch bis zu den Sixdays Anfang 2019“, überlegt er. Dann soll mehr Zeit für Familie und Freunde sein. Still wird es um Christian Grasmann, den bayerischen Radsport- Revoluzzer mit dem markanten kahl gescherten Kopf und dem Hipster-Vollbart, allerdings nicht werden. Um den RC Amor München zu retten, einen der ältesten Radvereine Deutschlands, wurde er vor zwei Jahren dessen Vorsitzender. Im Materialdepot schlummern die alten Zeitfahreinteiler aus den Neunzigerjahren: glänzendes Lycra, Blau mit weißen Sternen. Grasmann – „so etwas darf nicht verloren gehen“ – hat sie aufgehoben. Ein weiterer Schatz in seiner Sammlung, ein weiteres Kapitel Radsportgeschichte, das Grasmann neu schreiben will. Und dann ist da noch der Traum von einer eigenen Radrennbahn im nahen Irschenberg, nur ein paar Kilometer vom Holzkirchener Pushbikers- Lager entfernt. Die Planungen laufen. Im Irschenberger Gemeinderat wurde das Projekt schon vorgestellt, auch der Bürgermeister steht hinter dem Radprofi, der mit seinen Projekten die kleine bayerische Gemeinde bis auf die andere Seite des Erdballs bekannt gemacht hat. Es soll eine Radrennbahn werden, die mehr sein wird als nur bloß ein Holzoval. Eine Bahn mit Hotel und Geschäften – eine Idee, die nicht in die bisherigen Schemata des Radsports passt. Eine Idee, wie sie typisch für Christian Grasmann ist. Und eine Idee, mit der er seine Kritiker genauso verstummen lassen will wie mit dem RSV Irschenberg und den Maloja Pushbikers. Auch seine zahlreichen Ausstellungsstücke, die Räder, Pokale und Erinnerungsstücke aus dem Lager in Holzkirchen irgendwann einmal in größerem Rahmen auszustellen, überlegt er. Ein Rad aus seiner Sammlung liebt er besonders: Es ist ein handgemachter Wenz-Rahmen – orange und weiß. Ein Einzelstück. „Den nehme ich nur für die Fahrt zur Eisdiele“, lacht Grasmann, als er das Rad hervorholt und stolz präsentiert. Ob er sich denn vorstellen könne, damit irgendwann auch zur eigenen Radrennbahn im nahen Irschenberg zu pendeln? „Klar, warum nicht.“ FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 69