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Procycling 02.18

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DER BESTE WEG ZUR TOUR

DER BESTE WEG ZUR TOUR Akribisch planen die Fahrer ihren Weg zur Tour de France, um in Topform an den Start zu gehen. Gibt es das eine optimale Programm zur Vorbereitung auf das größte Rennen der Welt? Text Sophie Hurcom Fotografie Jered Gruber 70 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

Als Bernard Hinault am letzten Tag des Giro d’Italia 1982 als Erster über die Ziellinie in Turin fuhr, nachdem er das Einzelzeitfahren gewonnen und sich seinen zweiten Gesamtsieg gesicherte hatte, war der Schweiß auf seiner Stirn kaum getrocknet, bevor er seine Aufmerksamkeit auf die Tour de France richtete. Nur 27 Tage lagen zwischen dem Ende des Giro und dem Start der Tour in Basel, und da ein potenzielles Double jetzt denkbar war, wollte Hinault nichts dem Zufall überlassen. Statt nach Hause zu gehen, die Füße hochzulegen und sich auszuruhen, hatte der Franzose andere Vorstellungen von seiner Vorbereitung auf die Tour. Drei Tage nach dem Abschluss einer strapaziösen dreiwöchigen Spritztour durch Italien reiste er quer durch Europa zur fünftägigen Luxemburg-Rundfahrt, die er ebenfalls gewann. Selbst danach war seine Ruhephase kurz, da er am 21. Juni wieder am Start stand, dieses Mal bei der dreitägigen Tour de l’Aude in Frankreich – wobei er hier den Fuß ein bisschen vom Gas nahm und nur Dritter wurde. Hinaults Kalender und der seiner Zeitgenos ­ sen – Greg LeMond beispielsweise fuhr 1986 den Giro und die Tour de Suisse, bevor er die Tour gewann – würde den Tour-Favoriten heute Angst einflößen, und es ist fast unvorstellbar, dass jemand heute ein ähnliches Programm absolviert. Es wirkt gnadenlos, aber es führte zu dem erwünschten Erfolg: Hinault gewann das Auftaktzeitfahren der Tour, bevor er das gesamte Rennen dominierte und sich seinen vierten Gesamtsieg sicherte. Vergleichen Sie Hinaults Programm mal mit dem von Chris Froome. In den letzten drei Jahren bestand der minutiös geplante Kalender des Briten vor der Tour aus nur 27 Tagen (31 in der Saison 2013) im Gegensatz zu Hinaults 49 in der Saison 1982. Froome hat sich sogar fast exakt an dieselben Rennen gehalten – die Herald Sun Tour (die er 2016 und 2017 fuhr), die Vuelta a Catalunya, die Tour de Romandie und das Critérium du Dauphiné vor der Tour. Hinaults und Froomes Ergebnisse waren die gleichen – sie gewannen beide die Tour –, aber die Wege, auf denen sie dort hinkamen, könnten nicht unterschiedlicher sein. Zeiten, Trainingstheorie und Mode haben sich in den dazwischenliegenden 35 Jahren geändert, doch Hinault und Froome hatten trotzdem eines gemeinsam – sie sind bei der Tour in Siegesform an den Start gegangen. Froome hat überraschenderweise alle Bedenken in den Wind geschlagen und in diesem Jahr sein Augenmerk auf das Double aus Giro und Tour gerichtet, was seinem Programm für 2018 eine ganz andere Form verleiht. Die Extra-Woche zwischen beiden Rennen aufgrund der Fußball- Weltmeisterschaft plus die Tatsache, dass Froome vier große Rundfahrten in Serie gewinnen könnte, sind eine Gelegenheit, die zu gut ist, um sie sich entgehen zu lassen. Wobei nach dem positiven Test auf Salbutamol ein großes Fragezeichen über Froomes Saison hängen dürfte. Niemand hat seit Marco Pantani 1998 das Giro-Tour-Double geschafft, obwohl es viele versucht haben – Alberto Contador 2015 und Nairo Quintana 2017 sind die Fahrer, die zuletzt daran gescheitert sind. Den Giro zu fahren, ist bei Weitem nicht die beste Vorbereitung, aber gibt es einen optimalen Weg, den ein Fahrer zur Tour nehmen kann? „Im Laufe der Jahre haben die Leute erkannt, dass du nicht so viele Rennen zu fahren brauchst, deine Rennen sparsamer dosieren und dich auf das Hauptereignis vorbereiten kannst“, erklärt Sean Yates, früherer Sportlicher Leiter bei Sky Wie hat sich das Programm der Toursieger im Lauf der letzten 30 Jahre entwickelt? und Tinkoff, der Bradley Wiggins und Con tador unter seinen Fittichen hatte, im Gespräch mit Procycling. „Die Fahrer werden immer wählerischer, was ihre Rennen angeht. Es ist auch eine mentale Sache. Damals versuchte Eddy Merckx einfach, alles zu gewinnen, während heute das einzige Rennen, das für die Klassementfahrer wirklich zählt, die Tour ist. Natürlich ist es schön, die Romandie, die Tour de Suisse oder die Dauphiné zu gewinnen, aber es nicht das Ein und Alles. Einige Fahrer mögen das Gefühl, die Dauphiné nicht gewinnen zu müssen, aber gleichzeitig fahren sie das Rennen, um den Konkurrenten auf den Zahn zu fühlen. Während andere Fahrer das Rennen bestimmen wollen – aus psychologischen Gründen oder für ihr Selbstbewusstsein. Man sucht sich das Wesentliche aus, und wenn du Trainingslager auf Teneriffa hast, brauchst du nicht so viele Rennen zu fahren.“ DER WEG ZUR TOUR IM LAUF DER JAHRE FROOME CONTADOR ULLRICH ROCHE RENNEN 2017 2007 1997 1987 Herald Sun Tour Challenge Mallorca Comunidad Valenciana Paris–Nizza Mailand–San Remo Katalonien-Rundfahrt Critérium International Vuelta a Castilla y Leon HEW Cyclassics Baskenland-Rundfahrt Lüttich–Bastogne–Lüttich Flèche Wallonne Vuelta a Aragon Tour de Romandie Rund um den Henninger Turm Giro d’Italia Critérium du Dauphiné Tour de Suisse © Getty Images FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 71