Aufrufe
vor 1 Jahr

Procycling 02.18

  • Text
  • Procycling
  • Rennen
  • Februar
  • Fahrer
  • Froome
  • Lemond
  • Yates
  • Giro
  • Radsport
  • Etappe

TOUR DE FRANCE Stephen

TOUR DE FRANCE Stephen Roche wurde 1987 Zweiter in Lüttich, bevor er Giro und Tour gewann. © Offside L’Equipe TRADITION DIKTIERT Es gibt bestimmte Rennen, zu denen Topfahrer in ihrer Vorbereitung auf die Tour tendieren – die gebirgigen Etappenrennen in Europa, die über Jahrzehnte hinweg konstant geblieben sind. In den letzten fünf Jahren waren die beliebtesten Rennen für die Fahrer, die es in die Top Five der Tour-Gesamtwertung geschafft haben, Tirreno– Adriatico, die Baskenland-Rundfahrt, die Tour de Romandie und das Critérium du Dauphiné. Von den Fahrern auf den Plätzen eins bis fünf in diesen Jahren bestritten insgesamt 16 die Dauphiné, 15 die Romandie, 14 die Katalonien-Rundfahrt, 13 Tirreno und zwölf die Baskenland-Rundfahrt. Obwohl Paris–Nizza im Ruf steht, ein Rennen zu sein, das den Tour-Favoriten liegt, bestritt keiner aus den Top Five der Tour 2017 dieses Rennen, während es in den vier Jahren davor noch vier wa­ HERALD SUN TOUR TOUR OF OMAN RUTA DEL SOL TIRRENO–ADRIATICO CRITÉRIUM INTERNATIONAL ren. (Aber es ist gut für Mailand–San Remo-Sieger – fünf der letzten sieben fuhren Paris–Nizza, bevor sie La Primavera gewannen.) FROOMES WEG ZUR TOUR 2017 2016 2015 2014 2013 KATALONIEN-RUNDFAHRT LÜTTICH–BASTOGNE–LÜTTICH FLÈCHE WALLONNE TOUR DE ROMANDIE CRITÉRIUM DU DAUPHINÉ Die Volta a Catalunya und das Critérium du Dauphiné haben beide kletterbetonte Strecken, und da die Romandie oft mit einem Zeitfahren beginnt und endet, bieten alle drei Rennen den Fahrern die Bedingungen, das Klima und das Terrain – manchmal sogar dieselben Berge –, die sie auch bei der Tour vorfinden. „Für mich ist ein traditionelles Programm am besten“, fährt Yates fort. „Valencia, dann Paris– Nizza, dann Katalonien, dann eine Pause, dann bei Romandie und der Dauphiné wieder einsteigen, dann die Tour.“ Während Froome seine Saison 2017 in Australien begann, absolvierten Romain Bardet und Fabio Aru beide die Oman-Rundfahrt und Vincenzo Nibali und Quintana nahmen an der Abu Dhabi Tour teil. Aber die meisten Favoriten bleiben in Europa und vermeiden Langstreckenflüge um die Welt. „Es spricht einiges dafür, unter ähnlichen Bedingungen und bei ähnlichem Wetter Rennen zu fahren, wie du sie auch bei dem Ziel antriffst, auf das du dich vorbereitest“, sagt Charly Wegelius, Sportlicher Leiter bei Cannondale-Drapac. Wegelius versichert, dass es nicht den einen, magischen Weg zur Tour gibt, sondern einen, der auf vielen Variablen beruht – vor allem auf den Charakteristika der Tour-Route in dem Jahr. „Du musst speziell von der Route des Rennens ausgehen und sehen, an welcher Stelle im Rennen der Fahrer am konkurrenzfähigsten sein muss“, sagt er. „2017 gab es bei der Tour eine ungewöhnlich frühe Hügelankunft [5. Etappe]. Dadurch gab es im Prinzip eine Verschiebung um 72 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

TOUR DE FRANCE zehn Tage. Von da kannst du, je nach Charakteristik eines Fahrers, zurückrechnen. Einige Fah ­ rer brauchen, sowohl unter physischen als auch unter mentalen Gesichtspunkten, mehr Rennen als andere. Einige Fahrer verbringen gerne Zeit auf einem Vulkan und kommen zu einem Rennen, andere fahren mehr Rennen, um sich dabei nach und nach die Bestätigung zu holen, dass ihre Arbeit Früchte trägt. Cannondale-Kapitän Rigoberto Urán fuhr bei der letztjährigen Tour auf den zweiten Platz und hatte die Baskenland-Rundfahrt, Tirreno–Adria tico und die Route du Sud hinter sich – statt des Katalonien-Dauphiné-Weges, den andere bevorzugen. „Er ist in Kolumbien in großer Höhe aufgewachsen; in seinem Fall haben wir letztes Jahr entschieden, ihn die Route du Sud fahren zu lassen, weil sie später war [15. bis 18. Juni] – als kleine Einstimmung auf die Tour, dann musste er davor möglichst viel Zeit in der Höhe verbringen. Es sind weniger die speziellen Rennen, sondern mehr ihr Platz auf dem Kalender, der den Ausschlag für oder gegen sie gibt.“ Aber Urán ist ein besonderer Fall, denn die Dauphiné ist für die Tour-Favoriten fast obligatorisch. Seit 2000 haben nur Lance Armstrong 2001 und Andy Schleck 2010 – bei allen mit ihren Resultaten verbundenen Einschränkungen – vor der Frankreich-Rundfahrt an der Tour de Suisse teilgenommen und anschließend das Gelbe Trikot gewonnen. STÖRUNGEN MINIMIEREN So viele Variablen haben Einfluss darauf, welchen Weg ein Fahrer zur Tour nimmt, sagt Wegelius, dass es vor allem wichtig ist, dass sie gesund bleiben. „Wenn ein Fahrer vernünftige Rennen fährt, gut trainiert und gesund bleibt, ist das die ideale Vorbereitung.“ Tatsächlich fahren die Profis heutzutage auch deswegen so wenige Rennen, weil sie damit Risiken ausgesetzt sind. Während Größen wie Hinault und Merckx regelmäßig Paris–Roubaix und die anderen Klassiker fuhren, bestreiten Tour-Favoriten heutzutage, wenn sie denn überhaupt einen Frühjahrsklassiker fahren, am liebsten das hügelige Lüttich–Bastogne–Lüttich. Die zunehmende Spezialisierung des Radsports ist ein Grund dafür, aber auch die Tatsache, dass die Fahrer nicht Gefahr laufen wollen, auf dem Kopfsteinpflaster zu stürzen und sich vor der Tour zu verletzen. Im Trainingslager können sie an ihrer Form arbeiten, unter kontrollierten Bedingungen und mit einem maßgeschneiderten Arbeitspensum. „Wenn du als Topfahrer an VOR-TOUR- RENNTAGE einem Rennen teil nimmst, ist der Druck hoch – vom Team, von der Presse. Ich glaube, es kostet dich Energie. Du willst alle deine Körner für das große Rennen aufheben“, erklärt Yates. „Diese 27 CHRIS FROOME 2017 49 BERNARD HINAULT 1982 Jungs sind immer bei 90 Prozent, vielleicht 95. Sie sind körperlich immer nahe an ihrer Bestform. Es sind dieser letzte Feinschliff und der mentale Aspekt.“ Es gibt Dutzende von Rennkombinationen, die Fahrer vor der Tour wählen können, aber schaut man sich die Programme der Topfahrer an, so trennt sie wenig. Alle bestreiten dieselben wenigen Rennen und haben ähnlich wenige Renntage. Wer es anders macht, stünde anders da und hätte einen potenziellen Nachteil, obwohl Froome mit seinem geplanten Giro-Start für Wirbel sorgt. Quintana hat den Giro bestritten, Alberto ist in einem Jahr den Giro und die Tour gefahren“, sagt Yates abschließend. „Wenn alle das machen, sitzen alle im selben Boot, aber wenn ein Fahrer das macht und die anderen nicht, ist es nicht unbedingt ein Vorteil.“ Richie Porte und Froome gehörten zu den Tour-Klassement fahrern, die 2017 die Dauphiné fuhren. „DU MUSST VON DER ROUTE DES RENNENS AUSGEHEN UND SEHEN, AN WELCHER STELLE IM RENNEN DER FAHRER AM KONKURRENZ- FÄHIGSTEN SEIN MUSS.“ © Kramon FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 73