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Procycling 02.18

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ANDREJ GRIWKO Mutter war

ANDREJ GRIWKO Mutter war Ärztin. Sie kamen oft nach Italien und ich lernte seine Eltern wirklich gut kennen. 2009 zum Beispiel kamen sie alle nach Venedig und wir feierten Weihnachten zusammen. Dmytro hat das Training früher nicht ernst genommen, obwohl er enormes Potenzial hatte. Er war ein guter Sprinter und kletterte unglaublich gut. Er war ein universeller Fahrer. Später, nach seiner Karriere, zog er nach Israel und wir hatten wenig Kontakt. Manchmal telefonierten wir und er lud mich nach Israel ein, aber ich habe es nie geschafft hinzufahren. Er trainierte für den Ironman und er war jemand, der sich antreiben und an seine Grenzen gehen konnte. Vielleicht hat das bei seinem Tod eine Rolle gespielt – er hat viel bei 40 Grad Hitze trainiert. Er war jung und gesund, und ich verstehe immer noch nicht, wie und warum das alles passiert ist.“ FEBRUAR Bei der Dubai Tour im Februar wurde Griwko auf der 3. Etappe aus dem Rennen ausgeschlossen, weil er Marcel Kittel während des Rennens oberhalb des Auges einen Stoß versetzt hatte. Die Geschichte kochte mitten im Rennen hoch, als Patrick Lefevere, Kittels Quick-Step-Teamchef, sinngemäß twitterte: „@marcelkittel wurde von einem @AstanaTeam-Fahrer geschlagen. Ich hoffe, der Präsident der Jury übernimmt seine Verantwortung.“ Im April verhängte die UCI gegen Griwko eine rückwirkende Sperre für 45 Tage. Griwko versicherte immer, er habe sich für einen Teamkollegen revanchiert und sei unfair behandelt worden. „Ich wollte nur meine Position und die meines Teamkollegen verteidigen. Marcel Kittel ist ein kräftiger Typ, der nicht damit rechnete, dass ihm jemand die Stirn bietet. Aber ich hatte keine Wahl. Hätte ich nicht reagiert, wäre ich bei 55 km/h gestürzt. Wer weiß, was mir und anderen Fahrern hinter mir passiert wäre. Solche Auseinandersetzungen gibt es oft im Radsport – manchmal fängt die Kamera sie ein, manchmal nicht. Mein Fall war so aufsehenerregend, weil die Kameras das Blut in Marcel Kittels Gesicht eingefangen hatten. Aber die Wahrheit ist, dass nicht meine Hand den Cut verursacht hat, sondern seine randlose Brille. Und am folgenden Tag, als er auf dem Podium stand, sah man nichts mehr von der Wunde, nur ein kleines Pflaster, um mehr Drama zu machen. Nach dem Abendessen in Dubai an dem Abend habe ich versucht, mit Kittel und Lefevere zu sprechen. Lefevere hatte diese Sache auf Twitter gestartet, aber ich fragte ihn, ob er persönlich mit mir sprechen möchte. Ich lud ihn ein, zu kommen, sich hinzusetzen und das Problem zu lösen. Aber sie zogen es vor, über Facebook und Twitter zu reden. GRIWKO FAKTEN Alter 34 Nationalität Ukraine Teams 2005 Domina Vacanze 2006–2008 Milram 2009 ISD 2010–2018 Astana Profisiege 5 Grand Tours 14 Monumente 35 Bestes Resultat Etappen- und Gesamtsieg Mittelmeer-Rundfahrt 76 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

ANDREJ GRIWKO Was mich ärgert, ist, dass ich keine Chance hat - te, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Ich sprach mit einem Kommissär bei dem Rennen und sie sagten, der Fall sei zu den Akten gelegt. Später, als die UCI ihre Entscheidung gefällt hatte, wurde ich gefragt, warum ich keine Erklärung zu dem Vorfall abgegeben hatte, aber ich hatte nie eine klare Chance bekommen. Ich habe den Brief gelesen, den Marcel Kittel als Beweis geschrieben hatte. Er sagte, er hätte mich überhaupt nicht berührt, dass ich zu ihm hingefahren wäre und ihn geschlagen hätte. Obwohl er einige Bemerkungen machte und zugab, seine Ellenbogen benutzt zu haben. Im Radsport gibt es keine Regeln für Superstars, aber es gibt sie für andere.“ APRIL Fast genau drei Monate nach Grabovskyys Tod kollidierte Michele Scarponi, Griwkos beliebter Astana-Teamkollege und Freund, Ende April beim Training zu Hause in Filottrano im Apennin mit einem Lkw und wurde tödlich verletzt. „Keine 24 Stunden vor seinem Tod hatten Michele und ich uns Mitteilungen geschickt. Ich hatte ihm zu seinem Etappensieg beim Giro del Trentino gratuliert, weil es der erste in der Saison für Astana war. Er tröstete mich wegen meiner Sperre nach Dubai. Er riet mir, mich neu zu fokussieren und Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Als ich die Nachricht las, dachte ich zuerst, es wäre ein geschmackloser und schlechter Aprilscherz. Ich konnte nicht trainieren – ich hatte keine Motivation, draußen unterwegs zu sein. Als er zu Astana kam, wurden wir schnell Freunde. Es war schwer, ihn nicht zu mögen. Er war eine unglaubliche Person. Nicht nur witzig, sondern auch klug. Am Ende war er einer meiner besten Freunde. Ich habe seine Familie kennengelernt. Wir haben alle zusammen in Livigno Silvester gefeiert. Er wollte Skifahren lernen, und während er im Flachen übte, war ich draußen an den Hängen. 14 G R A N D TOURS Als Sportler und als Mensch war er immer so positiv. In der dritten Woche der Tour, als alle müde waren, konnte Michele seine Teamkollegen im Bus noch aufheitern. Er konnte etwas sagen, das uns allen neue Energie gab. Und wenn wir zusammen Rennen fuhren, hatten wir eine besondere Beziehung: Wir wussten, wann der andere Hilfe brauchte, und entlasteten ihn dann ein bisschen. Als Team fühlten wir uns so down, dass wir überlegten, nicht an Lüttich–Bastogne–Lüttich und der Tour de Romandie teilzunehmen. Wir sprachen mit unserem Teamchef Alexander Winokurow und er überzeugte uns, weiterzufahren. Er hatte auch den Verlust eines sehr guten Freundes, Andrej Kiwilew [Kiwilew starb an Kopfverletzungen nach einem Sturz bei Paris–Nizza 2003] verkraften müssen, und er sagte: ,Wenn du ein Rennen aussetzt und dann ein zweites, ein drittes und ein viertes, werden die Rennen schwerer und die Saison ist für uns gelaufen.‘ Wir mussten Rennen gewinnen, sowohl für das Team als auch für Michele. Ich konnte nicht zur Beerdigung gehen. Es war eine etwas harte Entscheidung des Teams, nicht alle hingehen zu lassen, aber wir haben Verträge und Verpflichtungen, die wir einhalten müssen. Vielleicht hätten die Organisatoren die Rennen am Tag der Beerdigung absagen sollen. Die Fahrer, die die Romandie auf dem Kalender hatten, sind gefahren, und ich war einer davon. Ich hätte fast eine Etappe gewonnen, die ich Michele widmen wollte, aber auf den letzten 100 Metern wurde ich geschlagen. Das letzte Jahr war so schwer für mich. Es ist schwer, alles, was passiert ist, zu verstehen und zu akzeptieren. Es hat mich mein Leben und meinen Beruf neu bewerten lassen. Wie gefährlich er ist. Jedes Mal, wenn wir trainieren, wenn wir Rennen fahren, sehe ich, dass so viele Leute Risiken eingehen. Jeden Tag sehe ich Sprinter Risiken eingehen, die schreckliche Stürze für sich selbst und andere verursachen. Wir sind füreinander verantwortlich. Es ist egal, für welches Team du fährst, wie viele Rennen du gewonnen hast, wie jung oder alt du bist, wir folgen alle derselben Straße. Wir haben alle Familien und sie wollen, dass wir heil nach Hause kommen. Ich glaube, der Radsport muss seine Mentalität ein Stück weit ändern. Ein kleines Risiko ist in Ordnung, aber wir sollten nicht immer alles riskieren.“ Griwko wird bei der 2. Etappe der Tour de Romandie vom BMC-Fahrer Stefan Küng geschlagen. „DIE FAHRER, DIE DIE ROMAN- DIE AUF DEM KALENDER HATTEN, SIND GEFAHREN. ICH HÄTTE FAST EINE ETAPPE GEWON NEN, DIE ICH MICHELE WID MEN WOLLTE, ABER ICH WURDE GESCHLAGEN.“ © Getty Images FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 77