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Procycling 02.18

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84 PROCYCLING | FEBRUAR

84 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

LEMOND UND DIE KLASSIKER Greg LeMond ist vor allem für seine drei Toursiege bekannt. Kritiker warfen ihm vor, sich nur auf das Gelbe Trikot zu konzentrieren, aber die Wahrheit ist, dass er bei allen Klassikern eine viel bessere Bilanz aufzuweisen hat als sämtliche Toursieger nach ihm. Greg LeMond gilt als Vater des modernen Trends zur Spezialisierung im Radsport. Das wird ihm sogar zum Vorwurf gemacht. Bevor der dreifache Toursieger begann, seine Saison ganz auf den Juli auszurichten, so wird gern erzählt, fuhren die Champions von März bis Oktober auf Sieg. Rundfahrt- Spezialisten bestritten und gewannen Klassiker; Klassiker-Spezialisten bestritten und gewannen große Rundfahrten. Dann tauchte LeMond auf, begann sich für die Tour punktgenau in Form zu bringen und veränderte den Radsport für immer. „Totaler Bullshit“, lässt LeMond Procycling wissen. „Die Leute vergessen, dass ich bei einem Jagdunfall fast gestorben wäre.“ LeMond hat bei Eintagesrennen viel mehr erreicht, als sein Ruf vermuten lässt. Seine zwei Weltmeistertitel zeigen, dass er mehr tat, als mit seinem „Dieselmotor“ das Gelbe Trikot der Tour zu gewinnen, aber bevor er bei dem Jagdunfall Anfang 1987 fast ums Leben gekommen wäre, hatte LeMond eine sehr beeindruckende Reihe von Resultaten bei Frühjahrs- und Herbstklassikern geholt. Bei den fünf Monumenten etwa errang er zweite Plätze bei Mailand–San Remo (1986) und der Lombardei-Rundfahrt (1983), einen dritten bei Lüttich–Bastogne–Lüttich (1984), einen vierten bei Paris–Roubaix (1985) und einen siebten bei der Flandern-Rundfahrt (1985). Leider hatte er das Pech, auf Sean Kelly zu treffen, einen der besten Klassiker-Spezialisten aller Zeiten – Kelly schlug ihn bei allen oben genannten Rennen außer der Flandern-Rundfahrt 1985. (Andererseits bezwang LeMond Kelly bei der Straßen-Weltmeisterschaft 1989 im Sprint.) „Ich habe die Klassiker geliebt“, sagt LeMond. „Mein Traum war, Flandern oder Roubaix zu gewinnen. Ich würde wohl einen WM-Titel gegen Paris–Roubaix tauschen“, sagt er. „Naja, vielleicht meinen Junioren-Weltmeistertitel“, fügt er lachend hinzu. LeMond verpasste nach seinem Unfall praktisch die gesamte Saison 1987 und den größten Teil von 1988. Er kam 1989 wieder in Form, gewann die Tour und die Weltmeisterschaft, bevor er den Toursieg im folgenden Jahr wiederholte. Aber erst 1991 fühlte er sich wieder annähernd so gut wie in seinem besten Jahr 1986. „Fahrer müssen sich manchmal von einem Beinbruch erholen. Ich hatte einen gebrochenen Körper“, erklärt er. „Ich war nie wieder der Alte. 1991 war ich fast wieder in alter Form, aber dann kam die EPO- Periode. Ich war 1991 stärker als 1989 und 1990, aber ich war nie wieder der Alte.“ Abgesehen von einem beachtlichen Auftritt bei Paris– Roubaix 1992, wo er den Sieger, seinen Teamkollegen Gilbert Duclos-Lassalle, unterstützte, tat sich LeMond bei den Klassikern nicht mehr hervor. Die späten Jahre seiner Karriere definierten seinen Ruf, sich ausschließlich auf die Tour zu konzentrieren, und dieses Schema hat sich heute so verfestigt, dass wenige Tour-Favoriten überhaupt die Klassiker fahren, die ihnen liegen, ganz zu schweigen von Paris–Roubaix oder der Flandern-Rundfahrt beziehungsweise von einem Top-Ten-Platz bei diesen Rennen. Aber während LeMond als Vater dieses Trends gilt, stimmt auch, dass er der letzte Tour-Favorit war, der bei allen Klassikern und großen Eintagesrennen eine echte Gefahr darstellte. „Ich bin froh, dass Sie das machen“, sagt LeMond. „Es ist fast beleidigend für mich, wenn ich die Lorbeeren für die Konzentration auf die Tour bekomme.“ Text Edward Pickering Fotografie Offside/L’Equipe FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 85