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Procycling 02.19

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TONY MARTIN © Luc

TONY MARTIN © Luc Claessen/Getty Images von Katusha während des Rennens hingeht. Die Story mit Marcel [Sportdirektor Dimitri Konyshew warf Kittel öffentlich Egoismus vor] hat dann nicht gerade fürs Team gesprochen. Und damit stand für dich fest, dass ihr nicht weiter miteinander arbeiten würdet? Ich sage es mal so: Die Gespräche sind nie so weit gekommen, dass mir das Team einen Vertrag hätte vorlegen können. Das Interesse auf beiden Seiten war nicht mehr gegeben. So würde ich es mal beschreiben, ohne eine Wertung zu geben. Ich denke, das Team hat erkannt, dass ich nicht ins Team passe. Und auch ich habe erkannt, dass ich nicht ins Team passe. Es war ein bisschen wie eine einvernehmliche Trennung. Schauen wir nach vorne. Jumbo-Visma hat in den vergangenen Jahren einen großen Schritt gemacht und mit Steven Kruijswijk, Dylan Groenewegen oder Primož Roglic echte Hochkaräter in seinen Reihen. Auch wenn es hierzulande bislang etwas unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit geblieben ist, handelt es sich um ein absolutes Topteam. Das ist richtig. Der Ansatz passt auch ganz gut zu meiner Persönlichkeit. Ich finde es einfach cool, wenn man liefert, ohne immer die große Welle zu machen. Das erlebe ich auch jetzt, wo ich das Team ein bisschen näher kennenlerne: Es wird sehr ruhig und konzentriert gearbeitet, ohne dass man jede Kleinigkeit und Innovation in den Medien rausbläst. Das kommt mir absolut entgegen. Ich bin auch eher ein ruhiger Typ, der in sich gekehrt ist und gerne fokussiert arbeitet, ohne das unbedingt mit allen teilen zu müssen. Du hast völlig recht: Das Team ist unauffällig, aber extrem erfolgreich. Genau so will ich auch arbeiten. Mit Paul Martens, der seit 2008 dabei ist, hast du einen weiteren Ansprechpartner. Ihr kennt euch auch schon ein bisschen länger … Wir sind bei den Junioren erst gegeneinander gefahren, dann in der U23-Nationalmannschaft miteinander und haben uns schließlich gegenseitig auf dem Weg ins Profilager begleitet. Das hat natürlich zusammengeschweißt. Dass ich mal mit ihm zusammen in einem Profiteam fahre, ist eine sehr coole Wende. Und klar, er ist für mich auf jeden Fall ein wichtiger Ansprechpartner, wenn es darum geht, ein bisschen hinter die Kulissen zu schauen oder Dinge zu verstehen, die für mich im Moment vielleicht noch ein bisschen befremdlich sind. Neben der ruhigen und konzentrierten Arbeitsweise – was ist dir bei Jumbo-Visma sonst bislang aufgefallen? Das klingt jetzt ein bisschen pathetisch, aber es ist wirklich eine Gruppe. Es gibt natürlich einen sehr hohen Anteil an Holländern, aber nicht diese Grüppchenbildung, die ich teilweise aus anderen Teams gewohnt bin. Teil einer großen Gruppe zu werden, ist sehr viel einfacher, als sich mit tausend kleinen Gruppen beschäftigen zu müssen. Wenn du etwa eine spanische Abteilung hast, eine italienische und dazu eine deutsche, ist es natürlich immer schwer, daraus ein Team zu formen. Das ist ein extremer Unterschied. Ansonsten muss ich extrem wenig Medien- und Commercial-Arbeit machen, was für ein Dezember- Trainingscamp echt unüblich ist. Ich habe immer ein bisschen Grauen vor diesen Camps gehabt, weil du das Training dort häufig radikal der ganzen Medienarbeit unterordnen musst. Hier hingegen haben wir viel Zeit für Training, die Medienarbeit wird deutlich reduziert. Ich kann mich also auf das Sportliche konzentrieren, was mir wiederum sehr weiterhilft. Ein weiterer großer Unterschied ist auf jeden Fall der Plan, der hinter dem Team steht – und das in allen Bereichen, vom Material über die Ernährung bis hin zur Rennplanung. Ich war in noch keinem Team, wo in allen Bereichen so optimiert wird und das Ganze am Ende dann in einen Plan mündet. Das ist schon extrem stark. Da ich ebenfalls ein kleiner Perfektionist bin, gefällt mir das sehr gut. Und da sieht man wieder, dass man auch in meinem Alter, nach über zehn Jahren im Profiradsport, nicht auslernt. Nachdem du bereits für große Teams wie HTC oder Quick-Step gefahren bist, ist das ein ziemlich dickes Kompliment für deine neuen Kollegen. Auf jeden Fall, aber ich kann das auch wirklich so sagen. Ich glaube, hier wird so gearbeitet, wie viele denken, dass es beim Team Sky abläuft. Allerdings vielleicht nicht ganz so unter Zwang, wie man es sich vorstellen mag. Es wird viel zur Verfügung gestellt, aber es ist jedem selber überlassen, ob er es annimmt oder nicht. Was ich vom aktuellen Stand sagen kann, ist: Es ist für mich das optimale Team. Wie sehen denn deine konkreten Pläne für die Saison 2019 aus? Ich werde mich von den Klassikern abwenden und zu meinem Rennprogramm aus der Zeit vor 2016 zurückgehen, also die WorldTour-Rundfahrten im Frühjahr mitnehmen, von der Valencia-Rundfahrt Anfang Februar bis zur Tour de Romandie im Mai. Dort werde ich mich vor allem bei den Mannschaftszeitfahren als stützende Kraft für Primoz zur Verfügung stellen und dazu schauen, dass ich bei den Einzelzeitfahren vorne mit dabei bin. Ansonsten habe ich überwiegend eine helfende Rolle – was mir aber sehr gut gefällt, weil ich weiß, dass ich trotzdem eine extrem wichtige Pavé-Klassiker stehen vorerst nicht mehr auf Tony Martins Rennkalender. 22 PROCYCLING | FEBRUAR 2019

TONY MARTIN Kraft bin, vor allem was das Mannschaftszeitfahren angeht. Welche deiner Fähigkeiten ist dabei die wichtigste? Ich war dreimal Weltmeister in dieser Disziplin, habe also sehr viel Erfahrung. Dazu merke ich, dass der Punch immer noch da ist. Aber man kann so stark sein, wie man will – wenn man niemanden hat, der die Zügel in die Hand nimmt und der ganzen Sache einen gewissen roten Faden gibt, dann nimmt man das Team eher auseinander, als dass man eine schnelle Zeit abliefert. Das Team ist in dieser Hinsicht extrem von mir überzeugt, was mich natürlich sehr freut. Es ist auf jeden Fall ein großes Ziel von mir, die Mannschaft dabei nach vorne zu bringen. Der Cottbuser auf dem Weg zum vorerst letzten WM-Titel im Zeitfahren 2016. An solche Erfolge will Martin anknüpfen – im Einzel- und im Mannschaftswettkampf. Gibt es schon erste Resultate oder Erkenntnisse in dieser Richtung? Wir haben im Windkanal getestet und sind dabei zu sehr erfreulichen Ergebnissen gekommen – jetzt gar nicht mal, was das Material an sich angeht, sondern vor allem meine Position. Allerdings bin ich da immer ein bisschen verhalten positiv gestimmt, weil ich in dieser Hinsicht schon sehr viel mitgemacht habe. Scherzhaft gesagt: Nach den ganzen Verbesserungen brauche ich fast gar nicht mehr zu treten, um 50 Kilometer pro Stunde zu halten. Ich hoffe natürlich, dass sich diese Zahlen auf der Straße in guten Ergebnissen widerspiegeln. Aber die Voraussetzungen erst mal sind sehr gut. Du hast zwischen 2011 und 2016 vier WM-Titel im Einzelzeitfahren gewonnen – danach lief es allerdings nicht mehr so gut in dieser Disziplin. Die Entscheidung, in Belgien [bei den Klassikern] anzugreifen, kam ja auch aus dieser Dominanzstellung im Zeitfahren. Bis 2015 habe ich im Zeitfahren so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Selbst WorldTour-Etappensiege im Zeitfahren haben mich, bis vielleicht auf die Tour de France oder andere Grand Tours, damals nicht mehr sonderlich motivieren können. Deswegen gab es die Suche nach einer Alternative. Wenn man jedoch gar keine Siege mehr einfährt, sehnt man sich natürlich nach den alten Erfolgen. Ich würde mich freuen, daran wieder anknüpfen zu können. Sind die Klassiker für dich damit ein für alle Mal abgehakt? Wenn sich alles andere gut entwickelt, können wir vielleicht schauen, ob Paris–Roubaix nicht doch noch mal interessant ist. Die anderen Klassiker sind nicht unbedingt was für mich, höchstens vielleicht an einem richtig guten Tag und in einer perfekten Ausgangsposition, aber das ist eher ein Lotteriespiel. Bei Roubaix denke ich nach wie vor, dass es auf jeden Fall passt und dass man es vielleicht doch noch mal irgendwann ins Programm integrieren könnte. Aber zunächst einmal will ich den sicheren Weg gehen und versuche, mich wieder auf altbewährte Weise aufzubauen. Die Option, deinen Kapitän mit einer guten Leistung beim Zeitfahren auf das Podium einer Grand Tour bringen zu können, muss dabei doch zusätzlich motivieren. Das ist auch das erklärte Ziel des Teams: Wir wollen in Frankreich das Gelbe Trikot angreifen. Das war für mich ein weiterer Grund, zuzusagen – um an diesem Projekt teilhaben zu können. Ich war noch nie Teil einer Tour-Mannschaft mit Klassementfahrer. Das motiviert mich auf jeden Fall und ich denke, dass es ungeahnte Kräfte freimachen kann, wenn man für einen Tour-Kapitän fährt, der eventuell um das Gelbe Trikot mitkämpft. Hinzu kommt, dass die Karten nach dem Rückzug von Sky Ende 2019 vielleicht noch mal komplett neu gemischt werden. Das könnte mittelfristig eine ganz andere Perspektive eröffnen. Warten wir erst mal ab, ob nicht noch ein Nachfolgesponsor gefunden wird. Viele werden vielleicht jubeln, aber ich finde es immer traurig, dass im Radsport solche erfolgreichen Teams eventuell einfach dicht machen müssen. Auch Quick-Step musste sehr lange kämpfen, um überhaupt einen neuen Sponsor zu bekommen. Es ist schon sehr, sehr traurig, wenn im Sport nicht mehr die Erfolge zählen. Ich habe das damals bei HTC-Highroad selber mitgemacht: Wir waren mit das erfolgreichste Team und mussten [Ende 2011] trotzdem schließen. Es ist schon ein trauriges Zeugnis für den Radsport, dass du nicht mehr sagen kannst: Wir bringen die Erfolge, und dann kommen die Sponsoren. Das scheint ja nicht mehr in Relation zu sein, und das ist auf jeden Fall ein bedenklicher Trend. Da gebe ich dir völlig recht. Es geht eher um mögliche Optionen für andere Teams. Wir wollen nicht die Tour gewinnen, weil Sky dicht macht. Ich messe mich lieber mit den Stärksten, als mir im Nachhinein sagen zu müssen: Du warst ja nur die drittstärkste Kraft. Das wollte ich damit sagen. Ich liebe unseren Sport und kann keine Jubelhymnen anstimmen, wenn Sponsoren aussteigen. Ich wünsche Sky auf jeden Fall, dass da eine Nachfolgelösung gefunden wird. Zum Abschluss noch mal zurück zu deinen neuen, meist niederländischen Kollegen. Robert Gesink wohnt unweit der Grenze und spricht sehr gut deutsch. Wie sieht es mit dem Rest aus? Ich spreche mit einigen Fahrern deutsch. Robert ist darin perfekt, dazu gibt es noch drei, vier andere, die das sehr gut können. Aber wenn 25 Sportler am Tisch sitzen, wird auf jeden Fall holländisch gesprochen und nicht permanent englisch. Das ist dann doch ein Unterschied. Bis jetzt war ich mehr in internationalen Teams. Jumbo-Visma hingegen ist stolz auf seine holländische DNA. Da werde ich mich anpassen müssen – und auch wollen, denn ich sehe das als Chance, noch mal eine neue Sprache zu lernen. Ich werde es sicherlich nicht perfekt lernen, aber ich möchte schon irgendwann so weit sein, den Gesprächen folgen zu können. © Tim De Waele/Getty Images FEBRUAR 2019 | PROCYCLING 23