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Procycling 02.19

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NICO DENZ Nur haarscharf

NICO DENZ Nur haarscharf schrammt Denz auf der zehnten Etappe des Giro 2018 an seinem ersten Grand-Tour-Tagessieg vorbei. © Tim de Waele/Getty Images (oben), Kei Tsuji/Getty Images Es sind noch rund 30 Kilometer bis ins Ziel, als das Finale der zehnten Etappe des Giro d’Italia 2018 eingeläutet wird. Auf dem Weg in das kleine Städtchen Gualdo Tadino folgt eine Attacke auf die nächste, und als wären die 244 Kilometer Gesamtdistanz und die zahlreichen giftigen, kurzen Anstiege durch die umbrische Hügellandschaft nicht genug gewesen, hat es wenige Minuten zuvor stark zu regnen begonnen. In Führung liegen der Italiener Davide Villella (Astana) und der Slowene Matej Mohoric, als sich ein junger Profi aus den Reihen von AG2R La Mondiale ein Herz fasst und in der kurvigen, regennassen Abfahrt von Annifo hinunter in Richtung Tagesziel aus dem Feld heraus attackiert. Es sind nur 200 Höhenmeter hinab ins Tal, doch für den erst 24-jährigen Nico Denz werden sie zu einer Startrampe seiner noch jungen Karriere. Schnell legt er einige Meter zwischen sich und das Peloton – und stellt wenige Kilometer später den Anschluss an die Spitze her. 25 Sekunden befindet sich das Trio nun vor dem Feld – und das 20 Kilometer vor dem Ziel. Das Tempo ist hoch, besonders Mohoric, immerhin bereits dekorierter Vuelta-Etappensieger, attackiert immer wieder. Villella, Gewinner der Bergwertung der Spanien- Rundfahrt des Vorjahres, kann den Angriffen des Slowenen bald nicht mehr folgen – Denz kontert allerdings jede Attacke. „Ich wollte unbedingt am Hinterrad bleiben – so nah an einem großen Sieg war ich schließlich noch nie“, wird er später sagen. Und tatsächlich: Weder Villella noch das Peloton können das Duo bis auf die Zielgerade noch einfangen – es kommt zum Sprint. Denz zieht aus dem Windschatten von Mohoric, als die Regentropfen den beiden Profis ins Gesicht und die Jubelschreie der Zuschauer sie frenetisch nach vorne peitschen. Ein paar Sekunden spurten sie direkt nebeneinander – doch am Ende ringt der Slowene seinen Begleiter nieder. Etappensieg für Mohoric, Denz bleibt Rang zwei. „Ich habe auf den letzten Kilometern schon geahnt, dass er stärker als ich ist. Ich wollte trotzdem alles versuchen“, erklärt Denz direkt nach dem Rennen geknickt den Reportern. Für den jungen Deutschen aus dem unmittelbar an der Schweizer Grenze liegenden Städtchen Waldshut-Tiengen ist der zweite Etappenplatz beim Giro dennoch ein Achtungserfolg, der ihn erstmals in seiner Profikarriere ins Rampenlicht der internationalen Radsportpresse befördert. „Man hat gesehen, dass ich auch auf Sieg fahren kann, wenn ich die Gelegenheit dazu bekomme. Das war für mich extrem wichtig“, erzählt er im Procycling-Interview und spielt damit auch auf seine erfolgreiche zweite Saisonhälfte 2018 an: Bei der Europameisterschaft in Glasgow im August verpasst er im ebenfalls verregneten Straßenrennen eine Medaille nur aufgrund eines unglücklichen Sturzes im Finale und beim französischen Halbklassiker Tour de Vendée im Oktober feiert er seinen ersten Profisieg. „2018 war für mich ein richtig gutes Jahr“, freut sich Denz. KARRIERESTART IN FRANKREICH Seit Sommer 2015 ist Denz Radprofi im Trikot der französischen Equipe AG2R La Mondiale – und geht damit in diesem Jahr trotz seines verhältnismäßig jungen Alters von 24 Jahren bereits in seine fünfte WorldTour-Saison. Dass vor seinem Auftritt beim Giro d’Italia dennoch nur ausgewiesene Radsportexperten sein Potenzial kannten, liegt an seinem besonderen Karriere - weg: Während die meisten Profis aus Deutschland sich über heimische Nachwuchsmannschaften für größere Aufgaben empfehlen, steht der Südschwarzwälder seit der U23-Kategorie ausschließlich in Frankreich, abseits der deutschen Öffentlichkeit, unter Vertrag: zuerst für die U23-Division Chambéry Cyclisme Formation, welche das Nachwuchsteam des Profirennstalls Nico Denz im Trikot der AG2R-Equipe. Vor dem Saisonstart blickt der 24-Jährige auf sein bis dato bestes Profijahr zurück. AG2R verkörpert, später für die AG2R-Equipe der Elite. „Frankreich hat mir einfach die besten Chancen geboten. In meinem Jahrgang versammeln sich Fahrer wie Pascal Ackermann, Phil Bauhaus, Maximilian Schachmann oder Max Walscheid – entsprechend war ich damals in der U19 kein Überflieger, sondern eher einer aus der zweiten Reihe. Als ich dann Ende 2012 das An- 26 PROCYCLING | FEBRUAR 2019

NICO DENZ BEIM GIRO D’ITALIA IM LETZTEN JAHR HAT MAN GESEHEN, DASS ICH AUCH AUF SIEG FAHREN KANN, WENN ICH DAZU DIE GELEGENHEIT BEKOMME. gebot bekam, nach Chambéry zu wechseln, habe ich keine Sekunde gezögert, mein Auto vollgeladen und bin losgefahren“, erinnert sich Denz, der in den Nachwuchsklassen dennoch zahlreiche baden-württembergische Meistertitel sowie mehrere Medaillen bei deutschen Titelkämpfen sammeln konnte. Dass er die vielen Erfolge seiner U17- und U19-Zeiten nur in einem Nebensatz erwähnt, liegt daran, dass Denz eher ein ruhiger Typ ist, bodenständig und bescheiden – das fällt im Interview direkt auf. In seinen ersten Jahren in Frankreich kommt eine weitere Qualität hinzu, die ihn auszeichnet: Zielstrebigkeit. Als er 2013, gerade einmal 19 Jahre jung, in Chambéry sein erstes Trainingslager absolviert, trifft er auf eine Gruppe hoch motivierter und bereits am Ende des Winters austrainierter französischer Nachwuchshoffnungen wie etwa seinen heutigen Teamkollegen Pierre Latour. Denz hat Respekt, lässt sich aber dennoch nicht beirren. Er schreibt sich für ein Sprachstudium ein, um schnell Anschluss zu finden, und lernt – auch auf der Rennstrecke. In Frankreich, schildert Denz, liefen die Rennen auf einem anderen Niveau als in Deutschland ab. „Die fahren schon im Februar wie die Irren, 200 Kilometer Attacke“, lacht er. „Insgesamt ist die Leistungsdichte deutlich höher und auch die Struktur ist deutlich breiter aufgestellt als bei uns.“ Der junge Deutsche geht dennoch seinen Weg – und er steigert sich. Gegen Ende des ersten U23-Jahres gewinnt er seine ersten Rennen und in der zweiten Saison in Chambéry folgen auch die erhofften größeren Siege. Sogar bei einem der begehrten Coupe-de-France-Rennen darf er jubeln und mit der Tour de l’Ardèche Méridionale gewinnt er seine erste Rundfahrt. Denz, der bereits zu diesem Zeitpunkt fließend französisch spricht, ist in Frankreich angekommen – und hat mit seinem Ehrgeiz und seiner zielstrebigen Arbeitsweise auch das Teammanagement überzeugt: Ende 2014 bieten ihm die Verantwortlichen um Vincent Lavenu einen Vorvertrag für die kommende Saison an. 2015 bestreitet Denz im Frühjahr noch die Amateurrennen in Frankreich, im Sommer wechselt er mit gerade einmal 21 Jahren schließlich endgültig ins Profilager. START IN DIE HELFERROLLE Geschenkt wird ihm bei den Profis dennoch nichts. Während deutsche Jahrgangskollegen wie Maximilian Schachmann bereits in ihrem ersten Profijahr als kommende Siegfahrer gelten und von ihren Teams früh auf ihre heutigen Leaderrollen vorbereitet werden, muss sich Denz bei AG2R La Mondiale seine Sporen als Helfer verdienen – eine Rolle, in der er sich allerdings durchaus wohlfühlt. „Seit ich Rad fahre, war es mir immer wichtig, dass der Spaß beim Sport an erster Stelle steht. Und das kann auch durchaus der Fall sein, wenn ich ein Rennen vorzeitig beenden muss, zuvor aber meinen Teil zu einem guten Mannschaftsergebnis beigetragen habe. Für Kapitäne wie Romain Bardet oder Oliver Naesen stecke ich gerne zurück“, meint er. Bei AG2R weiß man diese zuverlässige Einstellung zu schätzen: Denz, der „am liebsten lange, harte Rennen mag“, wird bald fester Bestandteil der Klassiker-Equipe der Franzosen und steht bereits 2016 unter anderem bei der Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix am Start. Doch gerade als er sich als Helfer zu etablieren scheint, erlebt Denz 2017 ein „Jahr zum Vergessen“, wie er rückblickend sagt. Nach einem guten Start beim französischen Etappenrennen Étoile de Bessèges wird er krank. Da sein Team allerdings seine Helferdienste benötigt, unterdrückt er die Erkältung mit Antibiotika und fährt trotzdem weiter - ein schwerwiegender Fehler, wie er bald feststellen muss. „Ich habe die Klassiker zwar bis zum Ende durchgezogen, aber besser ging es mir davon natürlich nicht. Es war eher so, dass mich die Krankheit so zermürbt hat, dass ich das ganze restliche Jahr nicht mehr in Schwung gekommen bin.“ Den größten Rückschlag der Saison erlebt er letztlich bei der Spanien-Rundfahrt: Auf der 15. Etappe wird er dabei erwischt, wie er sich an einem Begleitfahrzeug festhält und einen An- Eine Stärke von Denz sind unter anderem technisch schwierige Abfahrten – das beweist er beispielsweise beim Giro 2018. © Tim de Waele/Getty Images FEBRUAR 2019 | PROCYCLING 27