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Procycling 02.19

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AUSFAHRT DER CHAMPIONS

AUSFAHRT DER CHAMPIONS WAS GEFÄLLT DIR AM RADFAHREN? Mark Cavendish: Ich glaube, es ist die Freiheit. Du kannst hinfahren, wo du willst, von deiner Haustür aus, mit wem du willst, so schnell du willst, so weit du willst und so lange du willst. Cadel Evans: Ist Radfahren heute anders für dich als mit fünf Jahren? MC: Nicht das Radfahren, aber alles drum herum. Hast du das Buch von André Agassi gelesen? Darin schreibt er, dass er Tennis am Ende gehasst hat. Manchmal denke ich, dass es mir reicht, aber es ist nicht der Radsport, der mir reicht. Es ist das ganze Drumherum, das mit dem Erfolg einhergeht. Das kann zu viel werden. Aber der Radsport, wenn du ihn auf das Wesentliche reduzierst … Ich glaube, wenn du es darauf beschränken könntest, würde Agassi Tennis noch lieben, aber es ist das ganze Drumherum. CE: Wenn alle Erwartungen an dich wegen dem, was du bist und was du erreicht hast, nicht da wären, würde es dir dann mehr Spaß machen? MC: Es würde mir wahrscheinlich mehr Spaß machen. Es wäre anders, aber es ist schwer zu sagen. CE: Die Leute fragen mich immer, ob mir der Radsport fehlt. Mir fehlen die Radrennen schon, aber es gab Erwartungen, denen ich gerecht werden musste. Ob mir das Radfahren jetzt Spaß macht? Es macht mir mehr Spaß. Ich muss keine Erwartungen erfüllen. Ich habe kein Wattmessgerät, das Daten an meinen Trainer mailt, die sagen, dass ich keine sechs-Komma-noch-was Watt pro Kilo trete. Cav kann bei keinem Rennen auftauchen, ohne dass alle wissen, dass er 30 Etappen der Tour gewonnen hat. FÄHRST DU VIEL, CADEL? CE: Ich versuche es. MC: Schau ihn dir an! CE: Ich fahre einfach genug, um auszusehen, als wäre ich fit. Ich bin nicht so fit, wie ich aussehe! Aber ich liebe es. Cav und ich sind unterschiedliche Fahrertypen und wir sind auch ziemlich unterschiedliche Persönlichkeiten. Aber angefangen mit dem Radsport haben wir aus Liebe zu dieser Freiheit, die wir spüren. Wenn die Zeit für Cav kommt, seine aktive Laufbahn zu beenden, wird er eine neue Motivation haben, wieder Rad zu fahren. Deswegen habe ich nach Erwartungen gefragt, denn wenn du es so nimmst, ist es befreiend. Es ist die Befreiung vom Stress, denn wenn du mit Erwartungen fährst, kann es belastend sein, aber plötzlich musst du keine Erwartungen mehr erfüllen, wenn du einen durchschnittlichen Tag hast. Du bist nicht mehr jeden Tag die Nummer eins in der Welt. 42 PROCYCLING | FEBRUAR 2019

AUSFAHRT DER CHAMPIONS WORAN DENKST DU, WENN DU RAD FÄHRST? MC: Ich fahre gerne mit anderen Leuten und unterhalte mich gern. Wenn ich allein bin, hängt es von meinem Fokus ab. Gerade in der Vorbereitung auf die Tour de France verändert es meine Einstellung, und alles dreht sich wirklich nur um die Leistung. Aber meistens … weiß ich nicht. Alles. Es ist viel los. Vielleicht denke ich auch gar nicht. Es ist so viel los, dass ich von allem Abstand gewinne, wenn ich nur rauskomme und fahren kann. FINDEST DU DAS AUCH, CADEL? CE: Total. Ich sage meiner Freundin: Ich gehe mal raus zu einer therapeutischen Fahrt. Ich verstehe, was Mark sagt – dass in seinem Leben so viel los ist. Wenn du ein Favorit für die Tour de France bist, für das Grüne Trikot oder das Gelbe Trikot, wollen praktisch alle Journalisten mit dir sprechen. Ein Fahrer, 1.500 Journalisten. Die Tour de France zu fahren ist physisch oder mental oder emotional nicht leicht. Wir haben viel im Kopf, und ich habe in schweren Phasen bei der Tour festgestellt, dass ich einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen habe, wenn die Etappe losging. In diesen stressigen Momenten kannst du leicht den Spaß daran verlieren. WIE FINDEST DU DEN WIEDER? CE: Da muss man den Leuten helfen, mit der Belastung umzugehen. Er ist der einzige Typ, der fahren kann, Cav ist der einzige Typ im Team, der das Grüne Trikot gewinnen kann, ich war der einzige, der das Gelbe anpeilen konnte. Das können wir nicht outsourcen. Aber alles andere, was outgesourct oder gemanagt werden kann, um die Belastung zu verringern … Verglichen mit den Belastungen, die ich in meinem Leben erlebt habe, ist die Tour weit oben angesiedelt. MC: Mir fällt es schwer, das zu tun. Ich bin ein Kontrollfreak. Ich will alles wissen und es nicht outsourcen. Dann weiß ich, dass ich alles gemacht habe. Ich will niemandem die Schuld für etwas geben müssen, was ich hätte kontrollieren können. Wenn ich es mache, ist es meine Verantwortung und es geht auf meine Kappe, wenn es nicht funktioniert. CE: Ich musste die Belastung reduzieren. Ich hatte jemanden, der meine Medienanfragen managte. „IN SCHWEREN PHASEN BEI DER TOUR HABE ICH EINEN SEUFZER DER ERLEICHTERUNG AUS- GESTOSSEN, WENN DIE ETAPPE LOSGING.“ CADEL EVANS Bei den Rennen hatte ich George Hincapie, der auf mich aufpasste, und ich konnte ihm komplett vertrauen und meine Tour de France in seine Hände legen. Er war so gut und erfahren. MC: Er ist der beste Teamkollege in der Geschichte. CE: So musste ich nicht ständig auf alles achten – welche Teams wo angreifen, wo Seitenwind sein würde. Ich hatte jemanden, der das tat, sodass ich mental weniger Stress hatte. MC: Du brauchst Leute, für die Radsport nicht nur ein Job ist, sondern die wirklich füreinander fahren. Das spürst du. Du kannst es nicht erklären, aber es ist mehr, als du mit den Augen sehen kannst, wenn es eine solche Verbindung gibt. HAST DU EINE LIEBLINGSSTRECKE? MC: Ich liebe es, auf der Isle of Man zu fahren. Es ist verdammt hart. Es ist windig und regnerisch. Schwere Straßen. Nie flach. IST DAS DER REIZ? MC: Nicht auf diese Art, wo es „dich hart macht“. Es härtet dich zwar ab, aber das ist nicht der Punkt. Da sind gute Leute dort. Es gibt einen Treffpunkt um 9:15 Uhr. Und egal, welches Wetter, was für ein Tag – sogar an Weihnachten ist dort eine Gruppe Fahrer. Es können Junioren, Veteranen, Frauen, Profis sein, ganz egal – es ist immer eine Gruppe da. Es leben eine Handvoll Profis da – ich, Pete Kennaugh, Stannard ist da, Ben Swift, Mark Christian. Eine gute alte Gruppe, und wir fahren einfach raus und los. CE: Das ist das Schöne am Radsport. Er bringt Fahrer zusammen, die das Grüne Trikot gewonnen haben, Sky-Profis, Veteranen, Frauen und Junioren, und sie können kommen und zusammen sein. Als ich aktiver Fahrer war, habe ich mich da-­ r auf konzentriert, mich auf Rennen vorzuberei­ FEBRUAR 2019 | PROCYCLING 43