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Procycling 02.19

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DAS WETTRÜSTEN DER

DAS WETTRÜSTEN DER SPRINTER DER SIEG 0 METER DER SPRINT 200 METER © Getty Images (oben) ELIA VIVIANI: Wenn auf den letzten zehn Metern niemand neben dir ist oder die Geschwindigkeit so hoch ist, dass niemand an dir vorbeikommt, ist das der beste Moment. Es ist ein Sekundenbruchteil, aber du genießt es. Und dann kommt das Adrenalin. Du hast während des ganzen Sprints einen sehr hohen Adrenalinspiegel, aber wenn du es über die Ziellinie schaffst, explodieren all diese Emotionen. Ein euphorischer Schrei, als Cavendish einen weiteren Sieg holt. SPRINTZUG 1 KM–250 M CAVENDISH: Vorher hattest du einen Fahrer, der dein Pilotfisch war. Daher kommt der Sprintzug. In den Jahren 2007 und 2008 habe ich neun von zehn Sprints gewonnen, die ich gefahren bin. Ich dachte, wenn ich einen Sprintzug habe, kann ich zehn von zehn Sprints gewinnen. Das haben wir einfach gemacht, und das hat die Siege garantiert. KITTEL: Die Zeit der großen Sprintzüge endete 2013/14. Wenn ich an die Tour in diesen Jahren zurückdenke, so hatte mein Team immer einen Kampf mit Lotto Soudal, und es kamen mehr Sprinter mit starken Teams. BENNETT: Wenn nicht so viele Topfahrer bei einem Rennen sind, spielt der Sprintzug eine größere MARK CAVENDISH: Die Leute glauben, beim Sprinten legt man 150 Meter vor dem Ziel los. Aber 150 Meter sind kurz. Es sind eher 200 Meter oder 250 Meter, und du warst vorher schon fünf Minuten im roten Bereich. Jeder kann eine hohe Wattzahl treten. Es geht darum, wie hart du sprinten kannst, wenn du schon im roten Bereich bist. ANDRÉ GREIPEL: Es gibt immer noch ein bisschen Power, die du aus den Beinen holen kannst. Manchmal bist du, bevor du den Sprint eröffnest, tot – wirklich tot –, aber du hast noch eine Leistungsspitze. Manchmal überraschst du dich selbst, was du aus dir herausquetschen kannst. Es ist das Ziellinienfieber. MARCEL KITTEL: Die Ziellinie ist meine rote Linie. Wenn ich in guter Form bin und die Ziellinie überquere und gewinne, erinnere ich mich nicht, wie sehr ich mich auf den letzten fünf Kilometern verausgabt habe. SAM BENNETT: Es ist schwer, in diese Blase der Topsprinter einzudringen, denn niemand will, dass du mit um den Sieg sprintest. Rolle, weil du sonst einfach weggeschwemmt wirst. So viele Leute wollen Sprintzüge. Ich glaube fast, es sind zu viele und du musst es alleine machen. VIVIANI: Die beste Position ist immer, wenn deine Anfahrer einen Kilometer vor der Linie loslegen und du zwei Leute hast und weißt, dass sie dich 200 Meter vor die Linie bringen. Wenn dir niemand den Sprint anfährt, ist die beste Position am Hinterrad des Sprinters, der Anfahrer hat. Du musst wissen, wer am besten organisiert ist. GREIPEL: Es gibt keinen vollen Sprintzug mehr. Der Platz auf der Straße ist begrenzt. Es läuft darauf hinaus, dass die letzten zwei Fahrer vor dem Sprinter alles richtig machen. Heutzutage versuchen viele Teams, den perfekten Sprintzug aufzubauen, deswegen ist es wie ein Beschleunigungsrennen. Um zu gewinnen, musst du förm-­ lich fliegen, aber das ist schwer, weil viele andere Teams viel Betonung und Aufmerksamkeit auf einen Sprintzug legen. Die letzten Phasen eines Sprintfinales sind immer chaotisch. CHAOS 3 KM–1 KM BENNETT: Sprints fühlen sich unbarmherziger an. Es gibt heute so viele gute Sprinter und es gibt eigentlich keinen, der herausragt. Jeder ist schlagbar. Ich glaube, das macht es chaotischer: Jeder weiß, dass er gewinnen kann. CAVENDISH: Bei Highroad wollten andere Teams bei uns dazwischenfunken wie Liquigas und Lotto, aber das haben sie nicht geschafft. Selbst 2011 kamen mal ein oder zwei an uns vorbei – Greipel, Tyler Farrar –, aber wir haben es geschnallt und waren immer noch ziemlich dominant. GREIPEL: Sprintgeschwindigkeiten und das Chaos sind größer denn je, glaube ich. Das sind Radrennen. Jeder muss selber wissen, welches Risiko er eingehen will. VIVIANI: Der chaotischste Moment ist zwischen zwei Kilometern und einem Kilometer vor dem Ziel. In dem Moment weißt du, ob du in einer guten Position bist, um zu gewinnen, oder nicht – das ist der chaotischste Moment, weil jeder in der Position sein will, um zu gewinnen. TOM STEELS: Für Fahrer wie Viviani, die von der Bahn kommen, ist das Chaos ihre zweite Natur. Es ist die natürliche Herangehensweise an den Sprint. Du kannst so stark sein wie ein Pferd, aber wenn du nicht das Gespür hast, die Position zu finden, kannst du nicht schnell sein – und in dieser Phase kommt es auf Erfahrung an. KITTEL: Letztendlich wird es immer ein dominantes Team geben, das sich in dem Chaos behauptet und einen Sprintzug bildet. In diesem Jahr war es Quick-Step. Es kommt auf Erfahrung und Kraft an, und es kann sich von Rennen zu Rennen ändern. 50 PROCYCLING | FEBRUAR 2019

DAS WETTRÜSTEN DER SPRINTER STURZ- BOMBER 5 KM–1 KM CAVENDISH: Anders als man glaubt, kann es sein, dass ich gelegentlich ein Risiko eingehe, aber ich gefährde nicht absichtlich einen anderen Fahrer. Dich selbst einem Risiko auszusetzen, ist eine Sache, einen anderen einem Risiko auszusetzen, ist etwas anderes, aber das ist heute ein Problem geworden. BENNETT: Wenn du genug Sprints gefahren bist, kannst du Muster erkennen, zum Beispiel, wer wem folgt. Deswegen trage ich keine Brille mit Fassung unten, weil ich unter dem Arm durchschaue. Die letzten fünf Kilometer … muss ich sehen, was los ist, und am Funk sein oder dem ersten Typ zuschreien, dass er die Straße dichtmachen soll. Wenn du spürst, dass du auf einer Seite bist, und spürst, dass sie auf der linken Seite nach vorne drängen … da würden wir schon das ganze Peloton auf die andere Seite der Straße bringen. Nicht mit Gewalt, aber wir kontrollieren die Spitze und können fahren, wo wir wollen. DIE VORBEREITUNG 80 KM–5 KM CAVENDISH: Die Tour ist verdammtes Chaos. Du musst auf den letzten 50 Kilometern unter den ersten 30 Fahrern sein. BENNETT: Nach dem, was ich gesehen habe, beginnt das Tour-de-France- Finale 80 bis 50 Kilometer vor dem Ziel. Bei kleineren Rennen kannst du zehn bis fünf Kilometer vorher anfangen. Beim Giro sind es vielleicht 20 bis 15 Kilometer vor der Linie. Wenn wir sagen, wir wollen an einem bestimmten Punkt zusammen sein, müssen wir zusammen sein. VIVIANI: Jeder Angriff auf den letzten zwei, drei Kilometern kommt, weil die Geschwindigkeit der Gruppe nicht super hoch ist und jemand versucht, im letzten Moment zu entwischen. Aber wenn vorne ein richtiger Sprintzug unterwegs ist, ist eine solche Aktion nicht leicht. KITTEL: Ich glaube, dass gefährliche Vorstöße in der letzten Minute zum Spiel gehören, und ich glaube nicht, dass die Leute es absichtlich machen. Sie sind vielleicht nervös, sie wollen nach vorne kommen und vielleicht haben sie manchmal eine gefährliche Fahrweise. Aber es gibt Respekt zwischen den Sprintern. „WENN DU GENUG SPRINTS GEFAHREN BIST, ERKENNST DU MUSTER, ZUM BEISPIEL, WER WEM FOLGT. DESWEGEN TRAGE ICH KEINE BRILLE MIT FASSUNG UNTEN, WEIL ICH UNTERM ARM DURCHSCHAUE.“ SAM BENNETT GREIPEL: Bei der Tour ist es in der letzten Stunde unmöglich, Positionen gutzumachen. Wenn du die ganze Unterstützung des Teams willst, musst du unter den ersten 30 sein. STEELS: Du schaust dir immer den Start an – die gefährlichen Stellen, eine Chance, wo sich die Ausreißer absetzen können. Dann schaust du dir die letzten 50 Kilometer ganz genau an – ob es die Gefahr einer Windstaffel gibt oder ob es die Möglichkeit einer Windstaffel gibt, das kann man so oder so sehen. Dann schaust du dir die letzten zehn Kilometer besonders genau an, dann die letzten fünf Kilometer supergenau. Wir versuchen, die Funkinformationen an die Fahrer in Grenzen zu halten, aber je nach Strecke oder vo rausfahrendem Wagen gibst du ihnen zusätzliche Informationen. Du musst fähig sein, die Informationen an Fahrer zu geben, die einen Puls von 170 haben. Viviani passt immer genau darauf auf, wo seine Rivalen sind. KENNE DEINE RIVALEN BENNETT: Ich schaue mir Sprints an. Es sind nicht mal Hausaufgaben, es macht mir Spaß, glaube ich. Jeder hat seinen eigenen Sprintstil und seine eigene Persönlichkeit auf den letzten Metern und du musst das Ganze im Griff behalten, ohne zu besessen davon zu sein. Du musst dich auf dich selbst konzentrieren – es geht einfach darum, deine Gegner zu kennen. VIVIANI: Wenn wir bei einem Rennen starten, analysieren wir, wer daran teilnimmt: welche anderen Sprinter; welche Teams sind so organisiert wie wir; wer kann letzter Mann sein oder mit uns konkurrieren. Einfach um zu verstehen, wer unsere Rivalen in dem Moment sind. Wir planen die ersten Sprints so gut wie möglich. Wenn wirklich gefährliche Konkurrenten auftauchen wie Bennett beim Giro, versuchen wir zu verstehen, wie er uns schlug. So haben wir zum Beispiel in Praia a Mare verloren und verstanden, dass er an mir vorbeikommt, wenn er die letzten 50 Meter an meinem Hinterrad ist, daher müssen wir etwas ändern. Wenn Kittel bei einem Rennen ist, wissen wir, dass er wahrscheinlich stärker ist als ich. Es ist schwer für mich, an ihm vorbeizukommen, weil er 300 Watt mehr hat. CAVENDISH: Du schaust dir an, welche Fahrer von welchen Teams dabei sind. Wo sie sich normalerweise positionieren. Und du weißt, wo sie den Sprint eröffnen, wie lang ihr Sprint ist und ob sie nervös sind und sich einschüchtern lassen. KITTEL: Ich konzentriere mich nur auf mich selbst und mein Team und unseren Plan – das ist immer das Wichtigste und wird es auch in Zukunft bleiben. © Getty Images, Yuzuru Sunada (Viviani) FEBRUAR 2019 | PROCYCLING 51