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Procycling 03.19

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DAS GROSSE INTERVIEW

DAS GROSSE INTERVIEW Bahrain-Merida-Trainingslager im kroatischen Hvar hinsetzt. „Für uns Italiener“, erklärt er, „ist es nie genug.“ © Getty Images ie müssen zweimal hinschauen. Sdie Vincenzo Nibali Operation nur im Rahmen eines verzweifelten erlebt es oft, auf seinen Auslandsreisen, aber vor Versuchs, rechtzeitig für die Weltmeisterschaft allem mit seinen eigenen Leuten in Italien. Am wieder fit zu sein, und er kämpfte sich mit den Morgen nach der Lombardei-Rundfahrt im letzten Oktober war es nicht anders. Im Bahrain- Gewalt wieder in Form zu bringen. Schlusslichtern durch die Vuelta, um sich mit Merida-Hotel sprach ihn eine ältere Frau mit sich Obwohl Nibali mit der Squadra Azzurra in weitenden Augen an. „Es ist Nibali“, sagte sie. Innsbruck antrat, kam die Weltmeisterschaft zwei Am Nachmittag zuvor hatte Nibali bis Como Wochen zu früh und er fiel vor dem Finale zurück. mit Thibaut Pinot mithalten können, aber einen Aber statt seine Saison an dem Punkt zu beenden, dritten Sieg beim letzten Monument der Saison fuhr Nibali bis in den Oktober hinein weiter, entschlossen, das Jahr positiv zu beenden. Am Comer verpasst. Unter den Umständen waren sowohl das Resultat als auch die Leistung bemerkenswert. Keine zwei Monate zuvor hatte sich Nibali und trockenen Blättern, die unter seinen Reifen See, mit der tief stehenden Sonne in den Augen einer perkutanen Vertebroplastie unterzogen, knisterten, kämpfte Nibali aufopferungsvoll, animierte das Rennen, wo er konnte, musste sich an nachdem er sich einen Wirbel gebrochen hatte, als ihn bei der Tour de France in Alpe d’Huez ein den Hängen des Civiglio aber schließlich Pinot Zuschauer zu Fall brachte. Er entschied sich für geschlagen geben. Fast trotzig hielt er sich die Verfolger vom Leib und wurde Zweiter – ein würdiges Ende einer verkorksten Saison. Aber Nibali spielt für ein anspruchsvolles Publikum. Es wurde zwar unterhalten, aber das heißt nicht, dass es zufrieden war, gebrochener Wirbel hin oder her. Nachdem die Dame im Hotel festgestellt hatte, dass er tatsächliche Vincenzo Nibali war, tadelte sie ihn freundlich, aber bestimmt: „Du bist nur Zweiter geworden.“ Schwer lastet die Krone, und ein bisschen Leichtigkeit ist wichtig für den, der sie trägt. Nibali kichert bei dieser Erinnerung, als er sich beim Angeschlagen fährt Nibali Alpe d’Huez hoch, nachdem er vom Rad geholt wurde. So war es immer. Nach Marco Pantanis Tod und einer Reihe trügerischer Hoffnungen hatte das italienische Publikum seine Augen zehn Jahre oder länger auf Nibali geheftet. Geantwortet hat er mit einem vielseitigen Palmarès und mit beträchtlichem Flair, aber manchmal drohte ihn die Mischung aus Zuneigung und Aufmerksamkeit, die ihn einhüllte, zu überwäl tigen. Der Giro d’Italia 2016 war ein typischer Fall. Nachdem er zwei Wochen lang gekämpft hatte, schien Nibali auf der 16. Etappe in Andalo am Ende seiner Kräfte zu sein. Er war der Favorit gewesen und hatte jetzt 4:43 Minuten Rückstand auf das Rosa Trikot Steven Kruijswijk, weswegen er sich im Ziel für Funkstille entschied. Als ein Reporter ihn schließlich in der Lobby des Piccolo Hotels zu fassen bekam, klagte Nibali tieftraurig: „Warum wollt ihr meinen Stolz noch mehr verletzen? Ich bin schon zerstört.“ Bei dem Rennen machte ein Mobiltelefonanbieter eine tägliche Umfrage, bei der die Fans ihren Lieblingsfahrer wählen konnten. Selbst als er im Klassement abrutschte, stand Nibali auf jeder Etappe auf dem Podium und nahm freudlos ein Smartphone als Preis entgegen. Das Ritual hatte etwas von einer Erniedrigung, aber die Zuneigung der Tifosi kann ebenso inspirierend wie erstickend sein. „Ich habe erkannt, dass es den Fans egal war, was die Presse sagte. Sie haben mich mit anderen Augen gesehen, und mein Resultat war ihnen egal“, sagt Nibali. Irgendwie machte sich Nibali diesen Giro doch noch gefügig: mit einem ergreifenden Sieg in Risoul, nachdem Kruijswijk bei dem Versuch, ihm in der Abfahrt vom Agnello zu folgen, gestürzt war, und dann, indem er Esteban Chaves die Maglia Rosa am vorletzten Tag entriss. Selbst für die Opernverhältnisse des Giro war das eine äußerst erstaunliche volte-face. „Zu diesem Zeitpunkt kämpfst du nur noch um deinen Stolz. Du kämpfst, um zu zeigen, was du geben kannst, und in gewisser Weise tritt das Ergebnis fast in den Hintergrund“, sagt Nibali. „Ich habe nicht einmal daran gedacht, dass ich versuchen kann zu gewinnen. Es war nur wichtig, etwas zu machen, um den Giro spektakulär zu machen.“ Dieser Sieg zementierte Nibalis Ruf als instinktiver Grand-Tour-Champion, der sich mit den größten Gesten ausdrückt. Aber zweieinhalb Jahre nach diesem wichtigen Triumph weist er die Idee zurück, eng mit dem Ideal verbunden zu sein, mit einem bestimmten Stil zu gewinnen. „Wenn ich ein Rennen fahre, halte ich ja nicht an und denke darüber nach, wie ich gewinnen will“, sagt Nibali. „Okay, ich weiß, dass es entscheidende Punkte in einem Rennen gibt, aber normalerweise 14 PROCYCLING | MÄRZ 2019

VINCENZO NIBALI „WENN ICH EIN RENNEN FAHRE, HALTE ICH JA NICHT AN UND DENKE DARÜBER NACH, WIE ICH GEWINNEN WILL. ICH WEISS, DASS ES ENTSCHEIDENDE PUNKTE IN EINEM RENNEN GIBT.“ entwickelt sich mein Rennen auf den letzten zehn, fünf oder drei Kilometern, je nach Route. Bei San Remo weiß ich, dass die letzten zehn Kilometer die wichtigsten sind, oder auf einer Bergetappe weiß ich, dass ein bestimmter Anstieg der wichtigste Teil der Etappe ist. Du konzentrierst dich auf diese Situationen, und im Laufe dieser Kilometer siehst du, ob du angreifen kannst oder nicht.“ Andererseits können nur wenige, wenn überhaupt welche, von Nibalis 51 Profisiegen als Rou- tine eingeordnet werden. Sein Gesamtwerk wird nicht von irgendeinem Muster dominiert, sondern scheint von einem Künstler zusammengestellt zu sein, jeder Sieg einzigartig und handgearbeitet. Im letzten März zum Beispiel gewann er Mailand– San Remo als erster Fahrer seit fast einem Vierteljahrhundert mit einem Soloangriff am Poggio. Selbst seine dominanten Siege beim Giro 2013 und der Tour de France 2014 waren mit Girlanden geschmückt – ein schneeverwehter Sieg auf den Tre Cime di Lavaredo bei Ersterem, eine Demonstration in Hautacam bei Letzterer. Man hat den Eindruck, dass Nibali nicht mal in eine Werkstatt ohne Elan fahren kann. Nibalis aggressive Fahrweise ist von vielen begrüßt worden als Gegengift zu der risikoscheuen Strategie, die das Team Sky im letzten Jahrzehnt angewandt hat. Wenn das britische Team eine Art Radsport-Catenaccio anwendet, ähnelt Nibalis Methode mehr dem Gegenpressing. „Ich habe immer versucht, die Bestimmung von Rennen zu verändern, aber es ist nicht leicht. Oft bin ich auf ein Schlachtschiff wie Sky gestoßen, und das Team hat sich bei der Tour immer als sehr stark erwiesen“, sagt Nibali. „Seine Fahrweise ist eine sehr taktische. Sie ist weniger spektakulär, aber sehr profitabel.“ Um in der Fußball-Analogie zu bleiben: Francesco Totti hat unlängst gesagt, seine Entscheidung, die Avancen von Real Madrid abzulehnen und für seine gesamte Karriere in Rom zu bleiben, sei ein „Schiebetür-Moment“ gewesen, in dem er sich gefragt habe, wie viel mehr er hätte gewinnen können, wenn er die Reichtümer im Bernabéu angenommen hätte. Nibali hatte in seiner Karriere eine ähnliche Chance gehabt, als Dave Brailsford Mitte 2009 die erste Sky-Mannschaft aufbaute. Der Italiener wurde umworben, entschied sich jedoch dafür, bei Liquigas zu bleiben. KARRIERE-HÖHEPUNKTE VINCENZO NIBALIS WORLDTOUR-SIEGE 2006 GP Ouest France-Plouay Mit 21 Jahren infiltriert ein unbekannter Nibali die entscheidende Ausreißergruppe an der Côte de Ty-Marrec in Plouay, setzt sich im Sprint gegen Juan Antonio Flecha durch und feiert seinen ersten WT-Sieg. 2010 Vuelta a España Nibali sichert sich seinen ersten Grand-Tour-Sieg mit beständigen Resultaten. Er gewinnt keine Etappe, aber ihm reicht ein zweiter Platz hinter Ezequiel Mosquera an der Bola del Mundo, um das Rote Trikot zu erobern. 2012 Tirreno–Adriatico Nach Top-Drei-Plätzen in Chieti, Prato di Tivo und Offida ist Nibali Dritter, aber mit einem starken abschließenden Zeitfahren zieht er an Chris Horner vorbei, gewinnt und lässt einen zweiten Platz in Lüttich folgen. 2013 Tirreno–Adriatico Hat zwei Tage vor Schluss 20 Sekunden Rückstand auf Froome, aber zieht mit einem charakteristischen Angriff bei schlechtem Wetter in Porto Sant’Elpidio an dem Briten vorbei. © Getty Images (Zeitleiste) MÄRZ 2019 | PROCYCLING 15