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Procycling 03.19

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DAS GROSSE INTERVIEW

DAS GROSSE INTERVIEW VIER TEAMS Vincenzo Nibali geht 2019 in seine 14. volle Profisaison. In seiner Karriere ist er für vier Teams gefahren und war in dreien davon Kapitän. Er wurde 2005 Profi bei Fassa Bortolo, wo er ein gutes Programm fuhr, aber mit 20 Jahren die großen Rundfahrten vermied. Es gab keine Siege, aber ein zweiter Platz bei der Tour de Suisse war vielversprechend. Er hatte nur eine Saison bei Fassa, da das Team zum Jahresende aufgelöst wurde. Dann wechselte er zu Liquigas, wo er sieben Jahre blieb. Hier etablierte er sich als Kapitän für die Rundfahrten, indem er bei der Tour 2009 auf den sechsten Platz kletterte, sein Durchbruch bei den Top Ten einer Grand Tour. Aber er musste sich ein paar Jahre zurückhalten, während Ivan Basso das Team anführte und sich die großen Rundfahrten aussuchen konnte, obwohl Nibali die Vuelta 2010 gewonnen hatte. Erst 2012 war er Kapitän bei der Tour de France, und er revanchierte sich für das Vertrauen des Teams, indem er Dritter wurde. Bei Astana, wo er vier Jahre fuhr, war er der klare Häuptling und gewann drei weitere große Rundfahrten – den Giro zweimal und die Tour einmal. Auch bei Bahrain-Merida ist Nibali der klare Rundfahrten-Kapitän des Teams. Das wäre viel verlangt für einen unter 70 Kilo wiegenden 34-Jährigen. Alter, Mannschaft und nicht zuletzt seine eigenen Prioritäten in den kommenden Jahren sind erhebliche Hindernisse für einen Erfolg in Flandern, aber Fofonov verlieh seinem Argument sanften Nachdruck. „Wenn er sich darauf konzentrieren würde. Es ist ein komplett anderes Peloton, aber mit einer guten Mannschaft und auch Glück … Wenn er sich auf etwas konzentriert, gibt er 100 Prozent.“ ABFAHREN Nibalis Können und Kaltblütigkeit in den Abfahrten füllen einen langen Film der Höhepunkte. Seine Sturzflüge haben ihm große Siege gebracht – wie vom Civiglio bei der Lombardei-Rundfahrt 2015 und vom Umbrailpass beim Giro 2017. Manchmal haben sie ihm geholfen, wieder Anschluss zu finden, wie als er beim Giro 2011 vom Passo Fedaia ins Tal flog, um die Gruppe um die Maglia Rosa einzuholen. Manchmal hat er sie genutzt, um seine Gegner unter Druck zu setzen, wie Bradley Wiggins am Col de la Colombière bei der Tour 2012. Die klarste Manifestation seines Abfahrens – oder vielleicht seines ihm vorauseilenden Rufs dafür – kam beim Giro 2016. Er gab sich als einer der 51 Siege in Nibalis bisheriger Karriere 11 Etappensiege bei den drei großen Rundfahrten drei stärksten Fahrer zu erkennen, als das Rennen über den Colle dell’Agnello führte. Am Gipfel attackierten Nibali, Esteban Chaves und – im Rosa Trikot - Steven Kruijswijk. „Ich konnte sehen, dass es bei Kruijswijk nicht sehr gut lief, daher habe ich beschleunigt. Ich habe die Abfahrt schnell in Angriff genommen. Dann ist Kruijswijk gestürzt und wir änderten unsere Strategie“, sagte Nibali, nachdem er die Etappe gewonnen hatte. Doch er ist nicht unfehlbar. 2016 erwische es ihn – und andere – in der Abfahrt von der Vista Chinesa bei Olympia in Rio, als die Goldmedaille zum Greifen nah war, und Nibali brach sich das Schlüsselbein. KLETTERN Oft müht sich Nibali nach Kräften gegen überlegene Kletterer. Seinen Vuelta-Sieg 2010 sicherte er sich, ohne eine Etappe zu gewinnen. Die Vuelta 2013 verlor er gegen Chris Horner auf den Etappen ins Peña Carbarga- Gebirge und zum Alto del Naranco. Bei der Vuelta 2017 nahm er Chris Froome in den Bergen nur einmal Zeit ab – als der Brite krank war. Und dann produziert er manchmal erstaunliche Comebacks und ist unangreifbar. Während eines Großteils des Giro 2016 mühte sich Nibali im Schatten von Mikel Landa – und in der Gesamtwertung in dem unerwarteten Schatten, den Kruijswijk warf. Nibali hatte fast fünf Minuten verloren, bevor er am Agnello auf der 19. Etappe das Ruder herumriss. Diese Etappe beendete Nibali mit 51 Sekunden Vorsprung auf den zweitplatzierten Mikel Nieve. Am nächsten Tag attackierte er und verwandelte ein 44-Sekunden- Defizit in der Gesamtwertung in einen 52-Sekunden-Überschuss. Aber seine vielleicht größte Serie von Kletterleistungen war bei der Tour 2014, als er in jedem Gebirgszug gewann, den das Rennen besuchte: die Vogesen, Alpen und Pyrenäen. ABSCHALTEN Nibalis Fähigkeit, von den Rennen abzuschalten, ist legendär. „Er ist gut darin, in den Öko-Modus zu schalten. Er entspannt gerne, ist gerne in Sizilien und zu Hause“, sagte Fofonov. „Ich glaube nicht, dass er gerne jeden Tag über Radsport redet oder was seine Ziele sind. Er schaltet ab.“ Ein bekanntes Beispiel für Nibalis Fähigkeit zu entspannen war, dass er zwei Stunden vor der Im Trikot des italienischen Meisters stürmt Nibali zum Toursieg. 20 PROCYCLING | MÄRZ 2019

VINCENZO NIBALI NIBALIS PLÄTZE BEI MONUMENTEN DREI RUND- FAHRTEN + MONUMENT Bei Merida muss Nibali noch eine Rundfahrt gewinnen, doch ein Monument hat er schon. Anders als die meisten Rundfahrer dieser Zeit mag es Nibali, bei den Monumenten anzutreten, und bei San Remo, Lüttich und der Lombardei- Rundfahrt wird er oft gesehen. 2018 fuhr er erst - mals die Flandern-Rundfahrt, Roubaix fehlt noch. Nibali gehört zum exklusiven Club der fünf Fahrer, die alle drei großen Rundfahrten sowie mindestens ein Monument gewinnen konnten. Als Letzter schaffte das Hinault in den 1980ern. 1 2 1 1 1 Vuelta a España Junioren-Weltmeisterschaft in Zolder 2002 einschlief. Seine Teamkameraden dachten, sie hätten ihn verloren. Dieses Abschalten hat komische Züge erreicht. Die Gazzetta dello Sport schrieb, dass Nibali beim Tour-Training 2012 der irrigen Annahme unterlag, das Rennen würde ein Mannschaftszeitfahren enthalten. Vor dem Vuelta-Start 2015 in Marbella sagte Nibali: „Ich kenne das Roadbook nicht, genau wie 2010. Nicht ein bisschen, und ich mache mir keine Sorgen deswegen.“ INTUITION Der spannendste – und wohl unterhaltsamste – Aspekt von Nibalis Fahrstil ist seine Fähigkeit, einen Überraschungscoup abzuziehen. „Er versucht das Rennen zu provozieren, so wie es Champions machen“, sagte Fofonov. „Er fühlt das Rennen. Okay, du musst etwas planen, aber du musst deine Gegner kennen, wissen, wann ein guter Moment zum Angreifen ist, oder vielleicht angreifen, wenn es riskant ist.“ Sein Sieg bei Mailand–San Remo im letzten Jahr war eine lehrbuchmäßige Nibali-Vorstellung. Alberto Volpi, sein Sportlicher Leiter, sagte: „Wir haben über einen Angriff am Poggio nachgedacht. Wenn es nicht gut gelaufen wäre, wäre es für Sonny Colbrelli im Sprint gewesen. Nibali hatte Angst, dass Sagan vor ihm angreifen würde, daher kam er dem dreimaligen Weltmeister lieber zuvor. Er sah, dass ein anderer Ausreißer attackiert hatte, und verfolgte ihn. Sagan reagierte nicht, wie Nibali dachte.“ Fofonov erinnert sich, dass er Nibali Attacken ausreden musste – oder es versuchen musste. „Manchmal ist es nicht der richtige Moment. Aber ich erinnere mich an die Dauphiné, wo er Zweiter hinter Rui Costa wurde, nachdem sie mehr als 110 Kilometer vor dem Ziel angegriffen hatten [2015]. Es war vollkommen verrückt, aber er wollte sich selbst und das Selbstbewusstsein des anderen Fahrers testen.“ Er fügt hinzu: „Ob es brütend heiß ist oder schneit oder ob da Kopfsteinpflaster ist, er ist sehr gut. Er ist wie ein Champion aus alten Zeiten.“ MAILAND– SAN REMO FLANDERN- RUNDFAHRT PARIS– ROUBAIX LÜTTICH– BASTOGNE–L. LOMBARDEI- RUNDFAHRT 2018 1 24 - 32 2 2017 - - - - 1 2016 33 - - 51 - 2015 45 - - 13 1 2014 44 - - 30 - 2013 DNF - - 23 DNF 2012 3 - - 2 26 2011 8 - - 8 40 2010 28 - - 27 5 2009 49 - - 39 - 2008 - - - 10 37 2007 - - - 71 34 2006 69 - - DNF DNF 2005 - - - 112 79 SIEGE SIEGE PRO JAHR Vincenzo Nibalis erfolgreiche Laufbahn. So verteilen sich die 51 Siege in Nibalis bisheriger Karriere auf seine 13 Jahre als Radprofi. 5 2 2 2 5 2 EDDY MERCKX 7 7 6 5 5 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 JAHR 5 BERNARD HINAULT 5 5 3 2 3 2 3 1 1 5 2 1 2 2 2 2 7 1 1 JACQUES ANQUETIL FELICE GIMONDI VINCENZO NIBALI Tour de France Giro d’Italia Flandern-Rundfahrt Paris–Roubaix Lüttich–Bastogne– Lüttich Lombardei-Rundfahrt Mailand–San Remo 4 4 1 1 1 1 MÄRZ 2019 | PROCYCLING 21