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Procycling 03.19

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SKY DEN WANDEL

SKY DEN WANDEL EINLÄUTEN © AFP/Getty Images Unbestreitbar zu Beginn des Jahres 2019 ist, dass Sky in zehn Jahren als Sponsor und Teameigentümer den Radsport verändert hat. Das Budget des Teams hat die Gehälter aufgeblasen, seine Taktik hat viele Fans erzürnt. Sky hat zahlreiche Rundfahrten gewonnen (und überraschend wenige Eintagesrennen im Vergleich dazu – 35 Eintagesrennen von insgesamt 325 Siegen, darunter zehn britische Straßenmeisterschaften), alleine sechs Frankreich-Rundfahrten plus eine Vuelta und einen Giro. Das ursprüngliche Ziel zu Beginn des Jahres 2010, über das die Skeptiker damals lachten, war, die Tour innerhalb von fünf Jahren mit einem britischen Fahrer zu gewinnen. Sie schafften es sechs Mal in neun Jahren mit drei verschiedenen britischen Fahrern – bisher. Sky hat viele innovative Ideen in den Radsport eingebracht – einige enorm effektiv oder einflussreich oder beides, etwa den Fokus auf Ernährung, Höhentraining und Abwärmen nach den Etappen, andere lächerlich naiv wie die blickdichten Schirme vor den Fahrern beim Aufwärmen vor den Zeitfahren. („Was haben wir uns dabei gedacht?“, fragte Brailsford später rhetorisch.) Das sind nur ein paar der Veränderungen, die internationalen Radsportfans aufgefallen sind. Im britischen Radsport hat Sky beinahe seismischere Veränderungen herbeigeführt. Als das Team Sky 2010 anfing, war der Radsport im Heimatland des Teams keine große Sportart. Die breite Öffentlichkeit hatte sich über den Erfolg der britischen Bahnfahrer bei Olympia in Peking 2008 (damaliger Performance-Manager: Dave Brailsford) gefreut, aber das Interesse galt mehr dem Gewinnen als den Mitteln, die dazu nötig waren. Bradley Wiggins’ vierter Platz bei der Tour 2009 für Garmin (ein dritter Rang nach der Disqualifizierung von Lance Armstrong) schaffte es nicht auf die Titelseiten. Selbst die ersten Schritte des Teams Sky, von ihrer offiziellen Vorstellung im Londoner Millbank Tower Anfang 2010 über ihre ersten beiden Jahre, wurden überwiegend von der Fachpresse begleitet – mit ein paar Geschichten in überregionalen Zeitungen, obwohl dies glücklich mit dem Aufstieg von Mark Cavendish zum weltbesten Sprinter zusammenfiel. Alles änderte sich jedoch 2012, als Wiggins die Tour gewann und auf einer nationalen Welle des Wohlwollens und des Optimismus’ zu den Olympischen Spielen in London surfte, die eine Woche später begannen und ihm eine Goldmedaille brachten – und im Dezember die Weihe zum Sportler des Jahres. Plötzlich war der Radsport in Großbritannien cool und populär, und es wurde immer besser. Froome gewann die Tour, wieder und wieder. Britische Bahnradsportler dominierten die Olympischen Spiele in London und in Rio. Das Fließband der Talente und des Erfolgs, das Brailsford mit der Nationalmannschaft und mit Sky in Gang gesetzt hatte, lief immer weiter. Froome gewann die Vuelta und den Giro; Geraint Thomas gewann die Tour; das Chris Sutton holt 2010 den allerersten Sieg für Sky beim Cancer Council Helpline Classic. SKY- SIEGE 325 290 Siege bei Etappenrennen 35 Siege bei Eintagesrennen Team gewann zwei Monumente; man gründete kein Frauenteam. Gleichzeitig steckte Sky viel Geld in den Freizeitsport. Sky Rides – Breitensportrennen für Familien auf autofreien Straßen – liefen von 2009 bis 2016. Der Fokus war nicht nur, die Fans für das Team Sky zu begeistern; Sky warb auch für einen aktiven Lebensstil und Teilhabe. Später verlegte sich der Sponsor auf Umweltthemen, nutzte das Team, um auf die Abholzung des Regenwaldes und den Plastikmüll in den Ozeanen aufmerksam zu machen. Vielleicht war die Inten tion, der Marke Sky ein positiveres Image zu geben – in den frühen 2000ern war der Ruf schlecht gewesen nach einem Telefonabhörskandal, in dessen Folge die Schwesterpublikation News of the World verschwand. Doch der Effekt war breit und – wie die britische Radsportbranche hoffen wird – tief. Der Radsport, der 2009 noch ein Nischendasein führte, ist 2019 – keine Dekade später – eine der größten Sportarten im Vereinigten Königreich. Wie um das 24 PROCYCLING | MÄRZ 2019

SKY Sky hinterlässt den Sport ganz anders, als es ihn angetroffen hat. Die Frage ist: Ist der Sport in der Sky-Ära in die Höhe geklettert und lässt in den nächsten Jahren in demselben Maße nach? Oder hat das Team die Grundlage für weiteres Wachstum und weiteren Erfolg gelegt? GELD, GELD, GELD etablierte Paradigma zu unterstreichen, gewann Toursieger Thomas 2018 die Auszeichnung „Sportler des Jahres“ in einem Jahr, in dem Lewis Hamilton mit einem fünften Formel-1-Titel mit Juan Manuel Fangio gleichzog und Harry Kane bei der Fußball-Weltmeisterschaft mit dem Goldenen Schuh des besten Torjägers geehrt wurde. Sponsoren kommen und gehen im Radsport mit unvermeidbarer Regelmäßigkeit, und Sky war ausdauernder als die meisten – zehn Jahre sind eine lange Zeit. Es ist keine große Überraschung, dass der Mediengigant schließlich den Stecker zog, auch wenn die Entscheidung überraschend schnell getroffen wurde. Die Veränderung ist wahrscheinlich das Resultat zweier miteinander zusammenhängender Dinge – erstens, dass Sky im letzten Jahr von der US-Firma Comcast gekauft wurde, und zweitens, dass James Murdoch, der frühere Vorstand von Sky PLC und Sohn von Rupert, dessen Herzensprojekt das Radsportteam war, das Unternehmen wenig später verließ. Vielleicht ist es auch das Resultat des schleichenden Zersetzungseffekts der vielen Skandale, die sich über die Jahre angesammelt haben. Laut den Angaben von Companies House beträgt das Betriebsbudget von Sky über 30 Millionen Pfund (mehr als 34 Millionen Euro), was mit Abstand das größte in der WorldTour und doppelt so viel ist, wie viele andere WorldTour-Teams haben. Diese Finanzkraft hat es der Truppe erlaubt, ein Team von ungeheurer Kraft zusammenzustellen, und einen gewaltigen Mitarbeiterstab ermöglicht, der das Beste aus den Fahrern herausholt und ihnen Vorteile gibt, die andere Teams sich nicht leisten können. Wenn Brailsford will, dass das Team weitermacht wie bisher, braucht er einen ebenbürtigen Sponsor. Das ist ein Problem, weil es wenige Unternehmen in Großbritannien und nicht sehr viel mehr in der Welt gibt, die 30 Millionen Pfund in ein Sportsponsoring stecken wollen oder können. Die größte Chance auf einen Ersatzsponsor liegt wahrscheinlich außerhalb von Großbritannien, was britischen Fans schwer zu verkaufen sein könnte, die sich mit dem Team identifizieren und stolz darauf sind. Derzeit ist viel nahöstliches und chinesisches Geld im Radsport, aber Bahrain und UAE sind schon vergeben, und in China muss der Profiradsport erst noch auf die Beine kommen. Brailsford könnte sich auch von dem Modell verabschieden, einen einzigen Sponsor zu haben – theoretisch wäre es einfacher, einen 20-Millionen-Sponsor und einen mit zehn Millionen zu finden, die sich die Namensrechte teilen; dann hätte er immer noch 30 Millionen Pfund zum Ausgeben. Aber ist das realistisch? Immerhin hat Brailsford einige wertvolle, wenn auch immaterielle Vorteile. Er verkauft potenziellen Sponsoren einen SKYS ERFOLGREICHSTE SIEGFAHRER 45 24 24 21 19 17 15 CHRIS FROOME EDVALD BOASSON HAGEN BRADLEY WIGGINS GERAINT THOMAS Sky führte das Abwärmen nach dem Rennen ein, eine Idee, die sich schnell durch setzte. ELIA VIVIANI RICHIE PORTE MARK CAVENDISH 14 Michał Kwiatkowski , 13 Ben Swift, 12 Wout Poels, 10 Peter Kennaugh, 9 Mannschaftszeitfahren, 8 Gianni Moscon, 7 Ian Stannard, Mikel Landa © Chris Auld (oben), Pete Goding (Froome), Sirotti (Hagen), Getty Images (Wiggins, Thomas, Porte, Cavendish), Yuzuru Sunada (Viviani) MÄRZ 2019 | PROCYCLING 25